Foto: Heidi Vaarala

25JahreDialog: Interview mit Joachim Böger

Joachim Böger hat fast 40 Jahre lang finnische Studierende in Deutsch unterrichtet. Außerdem hat er eine finnisch-deutsche Familie gegründet und ist seit neuestem Autor eines Blogs, in dem er deutsche Leser an seinem Blick auf Finnland teilhaben lässt. Christoph Scheike hat ihn interviewt.

Seit rund 40 Jahren schon lebt Joachim Böger in Finnland und hat dort auch eine Familie gegründet. Im Interview erzählt der gebürtige Hannoveraner vom Deutschsein, Finnischsein und davon, wie sich beide Seiten in seinem Leben widerspiegeln und ihn geprägt haben.

Wie ist Deine Verbindung zum Finnland-Institut entstanden?

Den ersten Institutsleiter, Prof. Ahti Jäntti, kannte ich schon von der Uni Jyväskylä, er war dort Leiter des Deutsch-Instituts, wo auch ich gearbeitet habe. Während eines Besuchs von Keski-Suomen Liitto (Regionalverbund Mittelfinnland) Mitte der 1990er-Jahre in Berlin haben wir damals auch das Finnland-Institut und seine Aufgaben kennen gelernt.

Ab dem Jahr 2000 habe ich dann jedes Jahr für meine Studenten eine einwöchige Studienfahrt nach Berlin und Potsdam organisiert, und in den letzten Jahren habe ich mit meiner Studentengruppe auch immer eine Arbeitssitzung im Finnland-Institut abgehalten. Ich fand es interessant, ihnen diese so finnisch eingerichtete „Insel“ in der deutschen Umgebung zu zeigen. Design und Möbel vermitteln finnisches Ambiente, und es gibt Ausstellungen und Veranstaltungen von und mit finnischen Künstlern.

Wie hast Du die Arbeitswelt in Finnland erlebt?

Mein Gesamteindruck ist sehr positiv! Ich habe ja immer mit Studenten zu tun gehabt, die Deutsch lernen wollten, und so konnte ich mich auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren. Die Arbeitswelt an der Universität habe ich von Anfang an als sehr tolerant und international erlebt.

Da ich Anfang der 1980er-Jahre schnell Finnisch gelernt habe, konnte ich auch problemlos in organisatorischen Bereichen des Instituts mitarbeiten und wurde dadurch schnell integriert. Hier hat sich das Motto „Sprache ist der Büchsenöffner für eine Gesellschaft“ für mich konkretisiert. Es hat mir großen Spaß gemacht, mit der Handelshochschule Jyväskylä und der Historischen Fakultät der Uni zusammenzuarbeiten, ich habe dies immer auch als Unterstützung des Faches und der Sprache Deutsch interpretiert.

Woran merkst Du auch nach 40 Jahren in Finnland vielleicht noch, dass Du aus Deutschland stammst?

Sicher spreche ich Finnisch noch mit einem deutschen Akzent, und wenn ich fremde Leute treffe – z.B. im Schwimmbad in der Sauna -, höre ich die Frage „Woher kommst du?“. Das nervt manchmal ein bisschen, aber man kommt darüber auch ganz gut ins Gespräch. Bei der Begrüßung schüttelt man sich in Deutschland gern die Hand, dies vermisse ich manchmal in Finnland. Ich vermisse auch frische Brötchen vom Bäckerladen um die Ecke.

Als Deutscher bemerkt man seitens der Finnen eine größere Nähe zur „unberührten“ Natur, viele Finnen sammeln Beeren und Pilze oder gehen im Winter Eislochfischen. Im Allgemeinen finde ich den Winter mit garantiertem Schnee sehr angenehm, der Frühling kommt allerdings zu spät und im April werde ich regelmäßig ungeduldig, aber der Sommer mit den hellen Nächten ist immer noch exotisch und toll.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe ich mich hervorragend daran gewöhnt, dass Filme in Fernsehen und Kino nicht synchronisiert, sondern mit finnischen Untertiteln versehen sind. Das gefällt mir. Und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen mehrheitlich voll im Berufsleben stehen – das gefällt mir auch.

Kommt es vielleicht auch im deutsch-finnischen Familienleben zu bestimmten Missverständnissen?

Auch wenn die Lebensweisen nahe beieinanderliegen, so wie die norddeutsche und die finnische – behaupte ich mal –, so gibt es im Detail immer Unterschiede. Deswegen ist es nach meiner Auffassung ausgesprochen wichtig, dass in der Familie beide Sprachen problemlos nebeneinander funktionieren! Man muss in multikulturellen Partnerschaften und Familien mehr über diese kleinen Unterschiede kommunizieren, die in einsprachigen Familien gar nicht der Rede wert sind. Und es ist wichtig zu akzeptieren, dass beide Teile ihr jeweiliges Land besuchen oder auch länger da wohnen wollen. Wir haben z.B. sechs der insgesamt 40 Jahre mit der Familie in Deutschland gewohnt, und die Kinder haben dadurch deutsche Lebensweise – Kindergarten, Schule, Verwandte, Freunde, Sprache – besser und vielfältiger kennen gelernt.

Wie hat sich Dein Deutschlandbild in den 40 Jahren möglicherweise verändert?

Nach vielen Jahren im Ausland gewöhnt man sich einen „Blick von außen“ an. Wenn ich früher gewisse innenpolitische oder gesellschaftliche Dinge stark kritisiert habe, bin ich mit diesem Außenblick bei meiner Kritik jetzt etwas abwartender und vergleiche die Situation erstmal mit anderen Ländern. Große Verwunderung erregt bei mir immer noch das mangelnde Angebot an Kindergartenplätzen: Obwohl man in Deutschland schon viele Jahre darüber diskutiert, ist es immer noch ein großes Problem. Und ein höherer Lebensstandard in Deutschland bringt nicht unbedingt höheres Glücksgefühl mit sich: Dies wurde erst wieder im März 2019 festgestellt, als Finnland vom Netzwerk der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDSN) zum glücklichsten Land der Welt gekürt wurde. Das Leben in Deutschland empfinde ich insgesamt als stressiger, vielleicht bewegen sich die Menschen weniger in der Natur…

Du warst beruflich u.a. auch am Goethe-Institut tätig. Was für eine Rolle spielen nationale Kulturinstitute Deiner Meinung nach?

Kulturinstitute spielen meiner Meinung nach eine wichtige Rolle, sie sind zum einen ein Schaufenster für die Menschen des Gastlandes und zum anderen auch eine Anlaufstation für die Menschen aus dem eigenen Land, sozusagen eine heimatliche Insel in der Fremde. Dies habe ich während eines kurzen Besuchs z.B. auch im ehemaligen Finnland-Institut in Damaskus so erlebt. Das Goethe-Institut hat, anders als das Finnland-Institut in Berlin, natürlich in erster Linie die Aufgabe der Sprachvermittlung, aber über die Sprache werden immer auch Kultur und Lebensart vermittelt.

Du bist seit Neuestem Autor des Blogs “Jyväskylä mit deutschen Augen” auf visitjyvaskyla.fi. Wie kam es dazu?

Da ich schon immer für Visit Jyväskylä auch Übersetzungen gemacht habe, lag der Schritt nah, auch eigene Texte für ein deutschsprachiges Publikum zu schreiben. Die Themen der Blogartikel wähle ich selbst und greife natürlich auf meine Erfahrungen aus 40 Jahren in Finnland zurück. Die Texte spiegeln also immer auch persönliches Erleben wider, und ich hoffe, deutschsprachigen Lesern interessante Details über Finnland näher bringen zu können.

 

Jyväskylä mit deutschen Augen: der Blog von Joachim Böger

 

Joachim Böger studierte in den 1970ern Germanistik, Allgemeine Sprachwissenschaft und Finno-Ugristik an der Universität Göttingen. Finnischen Boden betrat er zum ersten Mal bei einem Wanderurlaub 1973, der ihn persönlich sehr prägte. Ab 1981 war er als Deutsch-Lektor an der Universität Jyväskylä tätig und half in dieser Zeit u.a. auch bei der Arbeit am Großwörterbuch Saksa-Suomi mit. Seit 2018 befindet er sich im Ruhestand.

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Das Finnland-Institut wird im Herbst 2019 25 Jahre alt. Als erstes Kultur- und Wissenschaftsinstitut Finnlands im deutschsprachigen Europa wurde es Ende September 1994 eröffnet. In diesen 25 Jahren war der Dialog zwischen den finnischen Partnern und den Akteuren vor Ort in Deutschland, Österreich und der Schweiz zentral in der Tätigkeit des Finnland-Instituts. Diesen Dialog haben im der Laufe der Jahre die vielen Personen und Persönlichkeiten ermöglicht, die sich im Namen des Finnland-Instituts für den Austausch zwischen den Ländern engagiert haben. In unserer Blog-Reihe #25JahreDialog kommen im Laufe des Jahres einige von ihnen zu Wort.

Christoph Scheike studiert Fennistik und English Studies an der Universität zu Köln. Zurzeit ist er als Praktikant am Finnland-Institut in Deutschland tätig.

Christoph Scheike opiskelee suomen ja englannin kieltä Kölnin yliopistossa. Hän toimii parhaillaan harjoittelijana Suomen Saksan-instituutissa.