Arbeitstagebuch: Imperfekt

Publiziert: 9.04.2014
Autor: Hannele Mikaela Taivassalo & Malin Kivelä
Kategorien: Darstellende Kunst, Sonstiges, Theater
Foto: Freja Appelgren

Jahre 2009 – 2013

Schätzungsweise Ende 2009 hatten wir das Gefühl, vage aber stark, dass es wieder Zeit wäre, gemeinsam Theater zu machen. Vielleicht einfach aus dem Grund, weil es schon länger her war, dass wir es zuletzt getan hatten? Das stimmte allerdings so nicht, denn wir hatten vor gar nicht allzu langer Zeit gerade eine Produktion abgeschlossen. Es war eher doch nur etwas am Herzen, für alle beide. Etwas, was man nicht in Worte fassen kann, das sich aber spürbar macht. Rastlos, mit Freude, mit Verwirrung. Das ist ein sehr spezielles Gefühl. Das kann man auch nicht missverstehen. Es war irgendetwas in der Luft. Für das meiste gilt: wir sind synchronisiert.

Auf eine Art und Weise wurde es klar, dass es sich um eine Aufführung um zwei Menschen in einem Raum handeln würde. Zwei Personen, an einander gebunden, doch nicht synkron mit der Zeit.

Wir treffen uns, plaudern, trinken Kaffee. Meistens reden wir über andere Dinge, doch in ca. 10 Prozent der Zeit, die wir miteinander verbringen, entsteht die Kernidee unseres Projekts. Es soll um Klaustrophobie, um Verfall, um Zeit gehen. Wir schauen uns den Dokumentarfilm Grey Gardens der Gebrüder Albert und Davis Maysles aus dem Jahre 1975 an. In dem Film geht es um Verwandte von Jackie Onassis, um Edie und Edie Bouvier Beale, Mutter und Tochter, die in ihrem immer mehr verfallenden Herrenhaus wohnten, bis Edie die Ältere schließlich verstarb. Pflanzen eroberten das Haus, Dachse  nisteten sich ein, während die zwei einfach weiterlebten, wie zu den guten alten Zeiten, sie sangen und träumten von dem verschwundenen (erträumten?) Glanz.

Vieles ändert seine Form in diesen Jahren, im Kern verbleiben aber diese zwei Menschen, gegen ihren Willen zusammengebunden, und der Titel der Aufführung ebenso: Imperfekt.

Auszug aus sehr alten, zerstreuten Notizen (offensichtlich hatten wir zu Beginn gedacht, dass diese Figuren in den hinteren , staubigen Ecken eines Theaters existieren):

Ich dachte gleich an Personen, die in den wundersamen Ecken eines Theaters, weit hinter der Bühne existieren. Staubige, vergessene Existenzen irgendwo in der Peripherie, die ihre Tage mit kleinen Verrichtungen verbringen.

Ja, und wenn man an den Raum denkt: Hinterzimmer, Raum nebenan, nie auf der Bühne selbst. Etwas, das nebenan stattfindet. Gerne so, dass man sich leicht verläuft, im Treppenhaus, in stillgelegten, seltsamen Räumen? Es geht um vergessene Existenzen, um Menschen, die sich selbst ernst nehmen, die die anderen aber vergessen haben.

Einzelne Gedanken:

–          Man hat den Tag nicht genutzt.

–          Man ist das, was man schon immer werden wollte und nie wurde. Auch das ist man.

–          Stille und Lärm.

–          Siamesische Zwillinge getrennt (ein alter Gedanke).

Ich bin an den alten Gardinen hängen geblieben, da wo zwei Figuren umherirren (ich sehe sie durch das Fenster, von draußen, von der Straße her), und es gibt die Gardinen nicht nur an den Wänden, sondern auch im Lager, so dass man tatsächlich hinter ihnen verschwinden kann, weg sein, sich auflösen, wieder auftauchen. Als wäre gar nichts geschehen. (Und niemand weiß, wo man gewesen ist, was es dort hinten gibt.) Du weißt, wie sie aussehen, die Figuren dort. Gotische, viktorianische, nicht wahr?  Ein bisschen verquer, im Stil von Helena Bonham-Carter mit gewachstem Schnurrbart, Anachronismen, Staub (wieder), Schmutzigkeit, etwas, das nicht stimmt.

(Doch also kein Schnurrbart im Sinne von fröhlich, lustig, sondern etwas, was offenbar etwas Unstimmiges sein soll, verwoben, nicht direkt ästhetisch und attraktiv, wie wenn man sich im Stil von Bonham-Carter gestaltet, mit Korsett und so weiter.)

Frühjahr 2013

Alles ist mehr oder minder im Sand verlaufen, unsere Bücher, die ganzen Familienversorgungsgeschichten, die dem Projekt im Wege stehen. Doch wir haben Ausdauer, wie immer. Wir begraben das Ganze nicht, wir glauben oder tun so, also ob, als würde alles klappen. Wir engagieren den Lichtdesigner Jens von Weissenberg und die Bühnenbildnerin Freja Appelgren. Wir beantragen Geld bei verschiedenen Fonds, damit sie unser noch vages Projekt unterstützen. Nur wenige zeigen Interesse.

Wir beschließen, dass das Projekt im Frühjahr 2014 stattfinden soll. Wir wollen nach Berlin fahren und eine Demo-Aufführung im Oktober 2013 haben.

Im Herbst 2013 sind wir absolut k.o., und Malin wird von so etwas wie Burnout hingerafft. Das Projekt wird auf den Herbst 2014 verschoben.

Ab und an haben wir daran gedacht, einen Regisseur für das Projekt zu engagieren, und dann sind wir doch, wieder und wieder einmal, davon überzeugt gewesen, dass wir selbst die Regie führen sollen. Wir pendeln zwischen den zwei Alternativen. Doch nachdem wir beide uns mit Begriffen wie Bewegung befassen, tendieren wir immer stärker zu der Auffassung, dass wir vielmehr einen Choreographen benötigen. Die Choreographin Jenni Kivelä wird angefragt, und sie schließt sich unserer Gruppe an.

Wir beantragen weitere finanzielle Mittel. Wir fühlen uns erwachsen und professionell und meinen, wir sollten so etwas wie Lohn für die getane Arbeit bekommen etc.  Es folgen weitere Absagen.

9.3.2014

Release-Party für unsere Literaturzeitschrift plump. Das Thema der Ausgabe ist Erotik. Auf der Feier machen wir eine Performance, es ist so etwas wie eine improvisierte Lesung, mit den Figuren Majvor und Vuokko, zwei Sekretärinnen. Vollkommen ohne jede Absicht entdecken wir Materialien für Imperfekt, die Arbeit kommt mit einem Riesenschritt voran, wir werden an diesen zwei Gestalten weiterarbeiten. Spätestens in dem Augenblick, wo wir die Aufnahmen sehen, die jemand von uns während der Lesung gemacht hat, macht es KLICK in unseren Köpfen. Wie sind faul bis zum Geht-nicht-mehr. Wir haben Doppelkinne und Falten. Wir sind nicht mehr jung und geschmeidig. Wenn wir uns hässliche Kleider anziehen und eine Brille aufsetzen, sehen wir alt und verwirrt aus. Konturlos.

Auf einmal verstehen wir, dass wir keine ätherischen, mysteriösen Wesen in unserem Stück sein wollen, sondern ganz im Gegenteil alternde, körperliche, banale Frauen. Wir wollen nicht um Bestätigung für die verschwindende Schönheit betteln, sondern den ansetzenden Verfall bejahen. Das ist schwer und furchtbar, doch plötzlich das Einzige, das uns interessiert.

11.3.2014

Treffen in dem hippen Café Siltanen in Sörnäinen. Lustig. Wir trinken Kaffee bis zum Abwinken. Höchstens 15 Minuten reale Arbeitszeit ganz am Ende, leider leider. Wir planen etwas mehr. Wir plaudern und rasen dann davon.

16.3.2014

Treffen mit der Bühnenbildnerin Freja. Uns ist ein Zuschuss bewilligt worden, nicht so viel, aber immerhin etwas. Besser als gar nichts, und wir schreiben weitere Anträge. Wir besuchen die Räume, in denen die Aufführung stattfinden soll. Sie gehören einem Bekannten, der sie uns für den Zweck zur Verfügung stellen will. Es ist alles perfekt – aus dem Fenster sieht man das Riesenrad des Vergnügungsparks Linnanmäki/Borgbacken, und die Beleuchtung im Flur ist diffus und gut – es ist aber alles nicht unkompliziert. Wir entdecken einen neuen Ort für unsere Planungstreffen: ein Thai-Restaurant um die Ecke. Das Personal spricht perfekt Schwedisch („Reichsschwedisch“ = Schwedisch, das in Schweden gesprochen wird, d.Ü.). Das Essen ist himmlisch gut und den Beuteltee bekommt man umsonst. Malin tritt auf ein Baby-Saugspielzeug. Wir bleiben dort stundenlang sitzen, und alles wird auf eine ganz besondere Art klarer und klarer. Schon wieder passiert es – es ist gut so. Freja  begreift alles. Wieder einmal.

20.3.2014

Heute musste das Treffen aufgrund einer Erkältung abgesagt werden. Dafür machen wir ein E-Mail-Treffen. Mail-Kontakt ist gut für das Schreiben. Man vertut nicht so viel Zeit beim Plaudern. Wir schreiben wieder etwas, minimal wenig, doch es wird gut. Wir beschließen, uns  nun ausschließlich auf die Aufführung in Berlin zu konzentrieren, die auf den April verschoben wurde, um zumindest irgendeinen Zeitrahmen zu haben.

24.3.2014

Treffen in dem schweineteuren Rohkost-Restaurant Silvoplee zusammen mit Freja und Katarina Koch, unserer Freundin, die Fotografin ist und die auch mit dabei sein soll, auf irgendeine Art und Weise. Freja hat eine Plastiktüte voll mit Kleidung dabei. Wir hatten sie gebeten, schlecht sitzende Kleider mitzubringen. Auf einmal fühlt sich alles SOFORT richtig. Wir erklären Kata, wie wir uns das mit den Fotos vorstellen. Das klappt nicht ganz, macht aber nichts. Sie versteht etwas, zumindest vage. Sie sagt, sie hätte sich über das gute Mittagessen in guter Gesellschaft gefreut, selbst wenn eigentlich gar nichts richtig klar geworden ist.

24.-27.3.2014

Wir schreiben intensiv. Das, was wir zu Beginn haben, ist eine Struktur, die wir am Wochenende geplant hatten. Dazu kommen Texte, die jede für sich schon in der Woche davor geschrieben hatte. Nun entstehen die einzelnen Szenen. Das geht schnell. Wir schreiben abwechselnd, darauf basierend, was wir am Montag besprochen hatten, wir mailen uns die Texte zu und ändern, schlagen vor, kommentieren. Es kommt zu Missverständnissen, doch nicht so viel. Wir verstehen aber noch viel mehr. Auf einmal ist das Manuskript fertig. DOCH KANN MAN WIRKLICH EIN SOLCHES MANUSKRIPT HABEN? Was wir jetzt versuchen, ist, die Sprache zu banalisieren, sie all der Bedeutung und der Gefühle zu entkleiden, bis nur das Plaudern übrig bleibt, das Sein ohne Bedeutung im Raum. Das ist extrem befreiend. WIRD DENN SONST IRGENDJEMAND IRGENDETWAS VERSTEHEN? Wir lachen und lachen, hemmungslos, schamlos. Wir – die seriösen Schriftstellerinnen. Es muss ein verdammtes Bedürfnis für genau das hier geben, einen Trotz. Einfach nichts sagen! Kämpfen, indem man gar nichts sagt. Auch das ist etwas Sagen.

Nach der Probe mit den hässlichen Kleidern heißen die Figuren Barbi und Majvor. Wir senden die Texte an unsere Freundin, die sie aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt.

27.3.2014

Wir proben in Mikaelas Arbeitszimmer, das ungefähr so groß ist und in der gleichen Gegend liegt wie der Raum, in dem wir im Herbst spielen werden. Es ist schwer, und es geht nur träge voran. Wie sollen wir da sprechen? Mit hoher Stimme. Mit etwas zu hoher Stimme. Wir gehen auseinander, verwirrt.

31.3.2014

Ein ungewöhnlich volles Programm am Wochenende, Feiern hier und da. Wir müssen ein grundlegendes Debriefing machen. Schon wieder sind zwei Stunden nur zum Quatschen draufgegangen. Das ist furchtbar. Doch wir sind beide das Manuskript zuhause durchgegangen, ein bisschen zumindest. Wo wir jetzt den Text als Ganzes durchgehen, fällt alles auf seinen richtigen Platz.

Wir trennen uns, um in verschiedenen Lokalen Mittag zu essen und gehen danach noch einmal alles durch. Das geht schlecht. Wir sausen weg, verwirrt.

1.4.2014

Wir plaudern, proben. Das läuft nicht so gut wie gestern, aber auch nicht schlecht, ein gewisser Kern, eine Stabilität kommt zum Ausdruck. Es wird schon irgendwie gehen, ja ja, irgendwie schon. Wir lieben Majvor und Barbi. Das ist das Wichtigste. Das hat viel mit Kleidung und Requisiten zu tun, stellen wir fest. Wie wir uns bewegen: alles muss irgendwie schlampig gehen. Nichts ordentlich tun. Den billigsten Muffin in dem billigsten Laden kaufen. Eine schlechte Körperhaltung. Schamlosigkeit, ja, vor allen Dingen das. Hoffentlich schaffen wir es, genauso schamlos auch vor anderen Menschen zu sein.

Mikaela kommt auf die Idee, die Hose auszuziehen, und nun sieht man ihre Beine in den Strumpfhosen. Perfekt! Strumpfhosen und Pantoffeln.

Es ist der Körper, ohne einen Versuch, etwas Besseres zu sein als er ist. Diese zwei Körper in diesem Raum. So nahe einander, dass sie zusammengehören könnten. Jeder weitere Versuch: Fehlanzeige. Firnis,der sich abblättert. Worte der Bedeutung entkleidet. Etwas Menschliches, das auch dann fehlt?

2.4.2014

Mittwoch. Nur noch eine Woche bis zur Premiere in Berlin. Am Sonntag fahren wir nach Berlin. Plötzlich und ohne jede Vorwarnung sind wir auf einmal ohne die Wohnung, die wir gebucht hatten, doch wir finden eine andere. Mikaelas Mail hat das umgebuchte Flugticket aufgefressen, doch auch das klärt sich. Und so weiter. Die Katastrophe ist immer da, allgegenwärtig. Kommt uns bekannt vor.

Freja holt Gürtel und Schuhe ab. Wie gewöhnlich, ist es falsch, auf die richtige Art und Weise, nicht zu viel. Wir versuchen, eine gemeinsame Zeit für eine Probe zu finden, so dass zumindest sie und Kata im Publikum sitzen. Die einzige Möglichkeit ist Freitag Abend um 21.00 Uhr.

Bis jetzt haben wir die Repliken auf Schwedisch geprobt, heute kommen die Texte auf Deutsch. Keine von uns kann eigentlich ausreichend gut Deutsch. Doch das passt wunderbar.

Wir haben eine lange Woche vor uns. Wir sind sehr glücklich.

Malin Kivelä ist eine finnlandschwedische Autorin, geboren 1974 in Helsinki. Sie hat eine journalistische Ausbildung genossen und außerdem Schauspiel und dramaturgisches Schreiben studiert. Von ihr wurden Romane, Bilderbücher und Dramawerke herausgegeben; einiges ist bereits ins Finnische, Dänische und Russische übersetzt worden. Hannele Mikaela Taivassalo wurde 1974 geboren, und sie wohnt in Helsinki. Sie studierte Dramatik, Theater und Literaturwissenschaft in Helsinki und Göteborg. Momentan ist sie dabei, an ihrem vierten Roman In transit zu arbeiten. Sie hat drei Romane, zwei Kinderbücher, Dramen für Theater und Rundfunk sowie einen Kurzgeschichten-Band herausgegeben.

IMPERFEKT: PERFORMANCE UND GESPRÄCH 09.04.2014 am FINNLAND-INSTITUT.

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