Auf sich gestellt sein

Publiziert: 7.02.2013
Autor: Andrea Svanbäck
Kategorien: Bildende Kunst, Film, Literatur, Medien und Presse, Musik, Theater
Andrea Svanbäck (foto: Cata Portin)

Andrea Svanbäck, Kulturreporterin von Hufvudstadsbladet (der größten schwedischsprachigen Tageszeitung Finnlands, abgekürzt Hbl), besuchte Berlin im Herbst 2012, um dort ansässige finnlandschwedische Künstler zu interviewen. Im Zusammenhang mit einer dieser Reportagen schrieb sie auch eine Kolumne darüber, wie es ist, heutzutage freischaffender Künstler zu sein. Wir haben die Ehre, diesen Text auch an dieser Stelle publizieren zu dürfen:

„In einer Zeit, in der langfristige Kulturinvestitionen immer häufiger zugunsten von Projektfinanzierungen abgewickelt werden, wirkt sich dies auch auf das Selbstverständnis der Künstler aus.

Während des Herbstes hat Hbl eine Reihe von Künstlern, die in Berlin wohnen und arbeiten, porträtiert. Die Themen der Interviews variierten, aber eine Gemeinsamkeit ist auffällig: Heutzutage freischaffender Künstler zu sein bedeutet viel mehr als das Schaffen von Kunst. Sowohl Musiker als auch Schauspieler, Filmemacher, Maler und Schriftsteller tendieren immer mehr dazu, ihre Tätigkeit zur „Arbeit rund um die Arbeit” auszuweiten. Es wird erwartet, dass die Homepage aktualisiert ist, Pressemitteilungen geschrieben werden, Sichtbarkeit gewährleistet ist und Honorare verhandelt werden. Dass man gesehen wird und sich dadurch ernähren kann. Denn im Grunde geht es immer ums Geld.

In einer Zeit, in der langfristige Kulturinvestitionen immer häufiger zugunsten von Projektfinanzierungen abgewickelt werden, wirkt sich dies auch auf das Selbstverständnis der Künstler aus. Plötzlich ist man nicht mehr einfach nur Künstler, sondern auch Unternehmer − mit dem ständigen Auftrag sichtbar zu sein. Das „Firmenkonzept“ muss ebenso durchgedacht sein wie die Medienstrategie zum Lancieren des Inhalts. Gesegnet sei die Logik des Marktes: das Theaterstück, der Film oder das Buch, das am lautesten schreit, ist wahrscheinlich der Sieger.

Auch auf der Habenseite ist natürlich einiges zu verzeichnen: zunehmende Klarheit, weil der Künstler gezwungen ist, seine Kommunikation zu durchdenken und sich seine Formulierungen und seine Zugänglichkeit genau zu überlegen. Dies setzt paradoxerweise die Projekte anderer Kunstschaffenden, die möglicherweise im Vergleich kryptisch wirken, herab: Gelingt es einem Theaterstück oder Film nicht sofort zu signalisieren, warum es bzw. er uns angeht, wird leicht gleich die Bedeutsamkeit in Frage gestellt.

Außerdem besteht das Risiko, dass der Künstler seine Integrität an den Markt anpasst, dass er tut, was er denkt, das das Publikum haben will. Hiervon nahm der finnlandschwedische Regisseur Ralf Långbacka in seinem Geburtstagsinterview in Hbl letzten Herbst dezidiert Abstand. Långbacka möchte, dass der Zuschauer akzeptiert, was der Künstler tut, dass dieser sich nicht einfach nach der Nachfrage richtet. So etwas sagt sich natürlich mit 80 Jahren und einer erfolgreichen Karriere leicht.

Der Traum des Freischaffenden von heute, sein eigener Herr zu sein, umfasst sowohl Möglichkeiten als auch Bedingungen. Viele der Interviewten in Berlin bezeugen, dass es sie vor allem antreibt, sich der Loyalität einem einzelnen Arbeitsgeber gegenüber zu entziehen. Je mehr der Künstler „auf sich gestellt” ist, desto interessanter wird er in den Augen des Marktes. Gleichzeitig zerfasert die Idee der „freien Kunst” in einer Welt, wo doch alle voneinander abhängig sind.

Ein anderes wiederkehrendes Motiv ist es, immer einen Plan B zu haben – zu versuchen, sein Talent in so viele Richtungen wie möglich zu erweitern. Alles auf eine Karte zu setzen macht verletzlich. Deutlich wird auch, dass viele Künstler den Zwang, aus sich selber ein Produkt zu machen, abstoßend finden.

– Obwohl meine Identität sich stark darüber definiert, dass ich mich mit Kunst beschäftige, bin ich nicht bereit, sie zu Allgemeingut zu machen. Trotzdem wird gerade das von mir erwartet, damit ich überleben kann, sagt einer von ihnen, der anonym bleiben will.“

Andrea Svanbäck

Kolumne in Hbl 30.11.2012 (überarbeitet)

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