Das deutsche Modell als Vorbild der finnischen Wirtschaft?

Publiziert: 21.02.2014
Autor: Anna Saraste
Kategorien: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Diesen Menschen sieht man an, dass sie bereits zahllose Sitzungen, Tagungen und Besprechungen hinter sich haben. Punkt acht Uhr morgens fängt der erste Vortrag im Finnland-Institut an, nachdem die Anzugjacken über die Stuhllehnen gelegt und die Smartphones − von Nokia natürlich − routinemäßig auf Internetzugang gestellt worden sind.

Es ist die wirtschaftspolitische Elite Finnlands, die zu Besuch in Berlin ist und das neue Erfolgsrezept für Finnland erfinden soll. SITRA, die Finnische Innovationsstiftung, hat sie auf diese Reise eingeladen. SITRA wurde vom finnischen Parlament gegründet um sich mit Fragen wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit zu beschäftigen. In der eingeladenen Gruppe sind zusätzlich die wichtigsten Arbeitsmarktorganisationen wie der Arbeitgeberverband EK, der Angestelltenverband STTK, der Gewerkschaftsverband SAK und die Akademiker-Gewerkschaft Akava repräsentiert – also die finnische Spitzenlobby.

Die finnische Wirtschaft steht kurz vor einer Krise, sagt SITRA. Das Land, dessen Bruttoinlandsprodukt zu 40 % vom Export abhängig ist, sucht dringend nach einem Nachfolger für das Nokia-Wunder der 90er-Jahre. Dabei schaut man hoffnungsvoll auf Deutschland, den Wirtschaftsmotor Europas.

Traditionelle Industrie und Berufstätigkeit von Frauen sorgen für große Unterschiede

Beim Vortrag von Professor Roland Berger könnten die Finnen nicht gespannter zuhören. Seit 2005 hat sich die Arbeitslosenquote in Deutschland genau halbiert – von 11,2 % auf 5,6 %, trotz weltweiter Finanzkrise. Der Erfolg Deutschlands, erzählt Berger, liegt erstens an den sozialpolitischen Reformen, die nach der Jahrtausendwende eingeführt worden. Zweitens werden deutsche Unternehmen aktiv von der Außenpolitik gefördert, und zwar nicht nur die Großen wie etwa Siemens oder Volkswagen, sondern auch der breite Mittelstand. Drittens hat man im Laufe langer Jahre Weltklassenfirmen in der traditionellen Industrie aufbauen können, von denen die deutsche Wirtschaft immer noch stark profitiert.

Professor Michael Burda von der Humboldt-Universität wird gefragt, was Finnland denn nun machen solle, um ein neues Wunderkind für den Weltexport zu schaffen. Die traditionelle Industrie wie etwa Papierherstellung und Schiffbau schrumpfen im Norden nach und nach, und die neue Start-up-Kultur braucht noch Zeit, um richtig in Gang zu kommen. Ihr habt gute Universitäten und nur wenig Regulation, was Unternehmen betrifft – bleibt dabei, rät Burda. Dass die Zahl der Arbeitslosen trotz Reformen möglichst gering bleibt, findet Burda genauso wichtig.

Finnland hat auch viele Vorteile Deutschland gegenüber. Eine Kultur, in der berufstätige Frauen eine Selbstverständlichkeit sind, muss in Mitteleuropa noch richtig ankommen. Auch fürchtet man in Deutschland, das Wissen für neue Industrien nicht genügend zu fördern, wohingegen es in Finnland schon viel Knowhow in der Branche gibt.

Die Finnen reiben sich die Köpfe, sie scheinen etwas unzufrieden. Eigentlich könne man die Länder schlecht vergleichen, weil Finnland in dem Sinne exportabhängiger ist, dass seine eigene Binnennachfrage deutlich geringer ist als die in Deutschland, meint jemand. Welche Details der deutschen Wirtschaftspolitik und der Arbeitsmarktreformen nun überhaupt im finnischen Kontext existieren können, bedarf erst einmal weiterer Überlegung.

In der Endphase der Zusammenkunft wird die für den Nachmittag geplante Führung durch die Stadt gestrichen, denn die Diskussion muss weitergehen. Sehenswürdigkeiten und Geschichte können warten, Finnlands Zukunft nicht – auch wenn es dort noch recht gut geht.

Anna Saraste ist Volontärin für Studium- und Praktikumsberatung am Finnland-Institut in Deutschland.

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