Ein Jahr als Berufsfinnin

Publiziert: 12.07.2013
Autor: Finnland-Institut
Kategorien: Bildende Kunst, Design, Film, Literatur, Medien und Presse, Sonstiges



Im August 2012 begannen vier neue Mitarbeiterinnen ein elfmonatiges Volontariat im Finnland-Institut.

Jemima Koli war zuständig für finnlandschwedische Projekte und gleichzeitig als Muminbeauftragte für das deutschsprachige Europa tätig. Im Laufe des Jahres organisierte sie eine Filmtournee, besuchte viele Buchmessen und Festivals, koordinierte den vielfältigen Inhalt dieses Blogs und lernte öffentliche Auftritte zu mögen.

Sara Kuisma nahm im Institut Besucher in Empfang, beantwortete am Telefon die ungewöhnlichsten Fragen und erledigte vielerlei andere Empfangstätigkeiten. Außerdem hatte sie hinter der Empfangstheke noch Zeit einige Projekte zu koordinieren, so das DMY-Designfestival und den Innovationsdialog, der diesen Herbst in Hamburg stattfindet.

Hanna Laajalahti nahm als Kunstvolontärin an der Planung und Durchführung des Kulturprogramms des Instituts teil, schickte Wanderausstellungen in zig Orte, lernte Druckindustriejargon und Ausstellungshängetechniken und goss bei Ausstellungseröffnungen hunderte Gläser Wein ein.

PR-Volontärin Maria Lahdenranta koordinierte eine Ausstellung zur Zukunft des Lernens, die im Frühjahr 2014 eröffnet wird und den Namen Lernschwärmen trägt. Sie knipste 4.000 Fotos, sorgte für die Sichtbarkeit des Instituts in den sozialen Medien und verliebte sich in CSS. Die Vier beenden jetzt ihr Volontariat und erzählen in diesem letzten Blogartikel vor der Sommerpause, wie das Jahr als „Berufsfinnin“ war.

Sara Kuisma beim Betriebsausflug im Filmpark Babelsberg.



Die vielen Seiten des Finnland-Bildes
SK: Auf jeden Fall hat man wenigstens die eigene Kultur und das Heimatland aus verschiedenen Ecken betrachtet. Manchmal ist es geradezu schwierig zu begreifen, was die Deutschen an Finnland interessant und bewundernswert finden und warum. Einer meiner ersten Anrufer am Empfang stellte die Frage, wo man in Finnland Teppichwaschstellen (finn. mattolaituri) findet und ob ich mehr über die Teppichwaschkultur erzählen könnte. Klar hab ich als Kind mit meiner Mutter an so einer Teppichwaschstelle geplanscht, doch noch nie war im Ausland die Rede davon gewesen. In Finland vii häv tis ting kaald mattolaituri.

HL: Viele Dinge, die für uns Finnen selbstverständlich sind, sind hier völlig unbekannt. Eine der merkwürdigsten und lustigsten Arbeitsaufgaben war, als Mumin bei der nordischen Adventsveranstaltung im FEZ-Berlin aufzutreten. Wo doch jedes finnische Kind den Mumintroll und die Kleine My kennt, kamen die Kinder hier den Eisbären oder den Schneemann umarmen.

Maria Lahdenranta bei der Eröffnung der Wanderausstellung „Alltäglich fantastisch“ im Schweizer Kreuzlingen.



ML: Ich wurde unter anderem auch gefragt, ob ich eine Elchfarm besitze! Als Frostbeule ohne Sommerhaus und mit Mückenallergie musste und durfte ich darüber nachdenken, was mich außer europäisch auch noch finnisch macht und was für ein Finnland-Bild ich im Ausland vermitteln will.

HL: Als ich früher im Ausland lebte, habe ich nicht direkt Finnland „repräsentiert”, zumindest nicht so häufig und so bewusst wie dieses Jahr. Es war überraschend zu merken, dass es viele deutsche Finnlandfans gibt, die Lappland und die finnischen Kleinstädte gründlicher durchwühlt haben als viele von uns Finnen. Manchmal haben sie vielleicht ein etwas zu idealistisches Bild von Finnland, wenn sie dort nicht gelebt haben. Oder trägt vielleicht die Distanz des Auslandsfinnen dazu bei, das Heimatland kritischer zu betrachten?

JK: Zu meinen Aufgaben gehörte auch das Auftreten als Berufsfinnlandschwedin. Das geht nicht immer in Handumdrehen, wenn man zuerst erzählt, dass man Schwedisch als Muttersprache spricht und dass es in unserem Land eine offizielle Sprache ist, und dann, warum und wie und dass wir keine Schweden sind − da muss man auch ganz schön viel über Finnlands Geschichte erzählen!

Jemima Koli moderiert im Institut den Filmabend „Animal Day“. Zu Gast: Filmemacherin Anna-Sofia Nylund.



Das Suchen und Finden von überraschenden Blickwinkeln
HL: Als ich mich während des Jahres mit den institutseigenen Ausstellungen beschäftigte, habe ich bemerkt, wie erfrischende, überraschende und auch merkwürdige Blickwinkel des Finnischseins man sich durch diese Ausstellungen schaffen kann. Zum Beispiel war die Illustrations-Ausstellung „Pekka of Finland“ viel mehr als nur „booze and blondes“ und oft habe ich längere Zeit über die Illustrationen nachgedacht (und die Werke genau dieser Illustratoren tauchen ja oft in Zeitschriften und in der Werbung auf!).

JK: Stimmt. Wenn man Finnland und finnische Kultur repräsentiert, wäre es bestimmt ziemlich einfach, nur die Klischees und das verherrlichende Bild von unserem Land aufrechtzuerhalten und von den hellen Sommernächten, von Rentieren und vom Weihnachtsmann und vom hohen Bildungsniveau zu berichten. In diesem Job hat man jedoch gelernt, dass es viel interessanter ist, Alternativen hervorzuheben, die eigene Kultur in Frage zu stellen und auch eine kritische Sichtweise in unserer Arbeit in den Vordergrund zu bringen.

ML: Manchmal muss man in der Tat wegfahren, um die bekannte Umgebung aus einem neuen Blickwinkel sehen zu können. Spätestens das vergangene Jahr hat mir geholfen zu begreifen, dass es nicht unbedingt nötig ist, zwanghaft die Unterschiede zwischen Ländern zu suchen − viel interessanter ist die Möglichkeit, Neues, Anderes und Spannendes zu finden, die entsteht, wenn man die besten Seiten dessen, was in der deutschen und finnischen Kultur läuft, vereint. Beide Länder und die Menschen, die darin wirken, sollten also den anderen genau zuhören und nachspüren − und das wollen wir auch weiterhin fördern.

SK: Genau das war so unglaublich toll in diesem Jahr, dass man die finnische Kultur so vielseitig kennen lernen durfte. Durch das Beantworten der Anfragen habe ich gleichzeitig allerlei gelernt − und vom Inhalt abgesehen fing ich an, verschiedenste deutsche Akzente zu verstehen.

Hanna Laajalahti und das Kulturteam nehmen eine Ausstellung in Empfang.



Wir alle fanden es außerdem interessant zu merken, dass Finnland in Deutschland kein so bekanntes Land ist, wie man vielleicht vermutet. Gleichzeitig war überraschend, wie viele finnische Galerien es hier gibt, und wie viele finnische Künstler in Berlin leben. Beide Kulturen ziehen sich an und es gibt doch noch vieles zu entdecken und voneinander zu lernen. Deshalb bleibt ein Teil von uns mit neuen Aufgaben in Berlin, während die anderen bald wieder zu Besuch kommen. Wir wünschen allen einen schönen Sommer und sagen: bis bald!

Jemima Koli
Sara Kuisma
Hanna Laajalahti
Maria Lahdenranta

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