Ein Tag im Leben einer Glasmacherin

Publiziert: 10.07.2015
Autor: Johanna Smith
Kategorien: Bildung, Design


Finnland ist bekannt für hochwertiges Glasdesign und der geradezu legendäre Ort Nuutajärvi allein deshalb weltweit ein Begriff. Die Glasmacherin Johanna Smith gewährt uns Einblick in dieses heiße Thema.

Der Beruf des Glasmachers ist zugleich faszinierend, erfüllend und frustrierend. Die Arbeit verlangt jeden Moment 120%-ige Konzentration, und dies sowohl für ein gutes Ergebnis als auch im Sinne der eigenen Sicherheit.

Ich mache Glas in Nuutajärvi, dem ältesten Glasdorf in Finnland. Hier wurde schon seit 1793 Glas hergestellt. In unserem Dorf findet man eine breite Palette von Könnern, beginnend bei Schülern und Schülerinnen bis hin zu Glasmachern und Glasbläsern, und von Glasperlenmachern bis hin zu Meistern der Herstellung von Tiffany-Glas.

An einem Arbeitstag stehe ich um 7 Uhr auf. Wegen meines Berufs habe ich gelernt, als Teil meiner Morgenroutine zu frühstücken, denn ohne Stärkung schafft man die anstrengende Arbeit nicht. Die Arbeit beginnt normalerweise um 8, und um sofort mit der Arbeit anfangen zu können, muss jemand schon früher in der Hütte (hot shop) Ofen und Kühlofen angeschaltet haben. Glas kann auch alleine geblasen werden, aber häufig sind noch einige Kollegen oder Assistenten dabei, um die Arbeit zu erleichtern. In dieser Arbeit sind oft mehrere Helfer erforderlich.

Das Herstellen von Glas ist teuer, weil, zusätzlich zu den Lohn- und Materialkosten, die Miete für die Hütte wegen den hohen Energiekosten sehr hoch ist. Es erfordert viel Strom, um den Glasofen auf 1100 und den Heizofen auf 1200 Grad zu halten. Deshalb geht die Arbeit in schnellem Tempo und bis auf die Mittagspause ohne Unterbrechung voran, um im Laufe eines Arbeitstages möglichst viele Gegenstände fertigzustellen.

Die Arbeit ist körperlich sehr belastend. Die Temperaturen im Arbeitsraum wechseln zwischen plus 35 bis zu plus 70 Grad im Winter, und im Sommer kommen noch plus 15 bis 20 Grad hinzu. Bei diesen Temperaturen allein ist die körperliche Arbeit schon sehr anstrengend. Wenn das Verarbeiten von teilweise sehr schweren Gegenständen noch hinzukommt, hat man praktisch schon einen Tag im heißesten aller Fitnessstudios hinter sich.

Ein Arbeitstag ist immer extrem spannend. Lässt die Wachsamkeit nur etwas nach, kann das die Arbeit von mehreren Stunden zunichtemachen, andererseits sieht man den Erfolg der eigenen Hände sofort. Das geschmolzene Glas ist wie Honig, aber sehr, sehr heiß. Die Arbeit verlangt perfekte Konzentration, um das Glas auf die beabsichtigte Weise zu formen. Beim Abkühlen wird das Glas  steif, und es wird erneut im Ofen erhitzt, um es weiter zu verarbeiten. Tatsächlich vergeht der Tag zum größten Teil mit dem Hin und Her zwischen Heizofen und Arbeitsbank. Heißes Glas wird durch Blasen und mit Papier geformt und mit Hilfe verschiedener Werkzeuge verarbeitet. Es ist äußerst befriedigend, wenn man einen fertigen Gegenstand in den Kühlofen stellt, wo er bis zum nächsten Tag in gleichmäßigem Tempo von 800 bis 900 Grad auf Raumtemperatur abkühlt. Dieses Verfahren verhindert, dass Spannungen, die das Glas zerspringen lassen können, im Gegenstand bleiben. Es ist äußerst frustrierend, wenn ein Gegenstand, den man mehrere Stunden verarbeitet hat, plötzlich der Spannung wegen zerspringt, wenn man gerade dabei ist, seinen Namen in den Boden einzugravieren.

Am nächsten Tag beginnt alles von vorn. Obwohl die Arbeit des Glasmachers anstrengend und ab und zu auch gefährlich ist, gehen wir immer mit großem Tatendrang daran, denn sie ist unserer Meinung nach geradezu magisch und wunderbar.

LP1

Übersetzung aus dem Finnischen: Meri Holmela

Dass die unmittelbare Zusammenarbeit mit den Glasbläsern zur Entstehung eines gelungenen Designobjektes unerlässlich ist, war ein Grundprinzip des finnischen Top-Designers Tapio Wirkkala (1915–1985). Als Chefdesigner der Firma Rosenthal setzte er auch im deutschsprachigen Raum Standards. 2015 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Male. Das Finnland-Institut widmete ihm Band 8 seiner Schriftenreihe: Uta Laurén, Tapio Wirkkala für Rosenthal. Was die Funktion fordert, die Produktion verlangt und der Markt wünscht.

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