„Eine Art Extremtourismus“ – Interview mit Jaakko Nousiainen

Publiziert: 11.04.2013
Autor: Finnland-Institut
Kategorien: Musik, Theater


Man schreibt das Jahr 1736. Der französische Mathematiker Pierre Louis de Maupertuis reist ins finnische Lappland, um herauszufinden, ob die Erde an den Polen oder am Äquator abgeflacht ist. Dort angelangt, begegnet ihm Christine Planström, eine junge Frau aus der nordischen Wildnis. Nachdem er seine Untersuchungen erfolgreich abgeschlossen hat, folgt sie ihm nach Paris. Das zeitgenössische Musiktheaterstück La Figure de la Terre von Miika Hyytiäinen (Komposition) und Jaakko Nousiainen (Regie, Libretto) handelt von diesen beiden Reisen in die Fremde und den Anforderungen, die eine feindliche Umwelt an das Überleben stellt. Hyytiäinen arbeitet mit musikalischen Zitaten des feinen französischen Barock und kombiniert Musiklinien traditioneller lappländischer Musik mit zeitgenössischer Musik. Die Aufführung wird von einer teilweise echtzeitgenerierten Projektion von Mia Mäkelä begleitet. Jaakko Nousiainen wird hier von Produzent Dag Lohde interviewt:

Dag Lohde: Maupertuis reist 1736 nach Lappland, um die Form der Erde zu vermessen und herauszufinden, ob sie an den Polen abgeflacht ist. Die Expedition wird ziemlich anstregend: Schnee, Eis und Dunkelheit im Winter – Mückenplage und ewige Sonne im Sommer. Dieser Ort stellt sich also einigermaßen exotisch dar für einen Franzosen des 18. Jahrhunderts. Aber Ruhm und Ehre locken. Womit wäre diese Expedition heute vergleichbar?

Jaakko Nousiainen: Es ist schwierig, diese Expedition mit etwas aus der Gegenwart zu vergleichen, zumal die Erde seitdem ja gründlich erforscht worden ist. Es gibt einfach keine weißen Flecken auf der Landkarte. Aber die kolonialistischen Einstellungen, für die Maupertuis eben auch steht, existieren leider nach wie vor. Um also einen Vergleich oder ein ähnliches Phänomen heute zu finden, sollten wir uns fragen, wer Geld und Gelegenheit hat, in exotische oder gefährliche Gegenden zu reisen. Maupertuis war also in seiner Zeit so eine Art Extremtourist.

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DL: Wenn Du die Wahl hättest, wärst Du lieber Christine oder Maupertuis und warum?

JN: Also mal vorab: Bei Maupertuis und Christine geht es um verschiedene Weltzugänge bzw. um zwei völlig verschiedene Weisen, in der Welt zu sein und in der Welt zu erscheinen: zum einen eher abstrakt und geschlossen, zum anderen eher intuitiver, offener, aber auch brüchiger und gefährdeter. Beide Formen sind ineinander verschränkt. Sie verweisen aufeinander und stellen sich jeweils in Frage. Sie sind einander aber weder überlegen noch unterlegen. Es geht also nicht um Rankings.
Wenn ich jedoch direkt vor der Wahl stehe? Christine, keine Frage. Die Reise, die sie macht, führt in vielerlei Hinsicht wesentlich weiter: nicht nur geographisch oder sozial. Sie muss sich wegen der Erfahrungen, die sie macht, ja grundsätzlich ändern. Außerdem gibt es weniger historische Zeugnisse von ihrem Leben. Es wäre also faszinierend, ihr Leben zu führen und herauszufinden, was ihr tatsächlich widerfahren ist.

DL: Beide Figuren finden sich in Situationen existentieller Verlassenheit wieder, jede auf ihre Weise. Diese Situationen sind durch ihre Umwelt bedingt: Maupertuis in Lappland, Christine in der höheren französischen Gesellschaft. Die Lösungen, die sie jeweils für sich finden, bleiben vorläufige. Gibt es eine Medizin der Verlassenheit bzw. ist Verlorenheit heilbar?

JN: Nun, das ist eine große, existentielle Frage, und ich bin mir nicht sicher, ob ich da eine Antwort weiß. Ich schätze, alle entwickeln ihre eigenen Überlebensmechanismen, um mit Verlorenheit klar zu kommen. In unserer Geschichte glaubt Christine, dass die Liebe die Kraft hat, sie über die verschiedenen Wegstrecken ihrer Reise hinwegzutragen, während Maupertuis sich lieber in seiner sicheren Welt der Mathematik abkapselt. Aber Medizin und Heilung? Nein, Verlassenheit ist nicht therapierbar.

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DL: Um was für eine Art Liebe geht es eigentlich in dieser Geschichte? Viele Leute haben ja noch immer sehr konkrete, romantische Hoffnungen und Wünsche an Liebe. Aber ist dieses romantische Konzept nicht die unsinnigste Lüge auf dem Planeten, das uns bloß verblendet, verrückt macht und uns von den wirklich wichtigen Dingen ablenkt?

JN: Was könnte wichtiger sein als Liebe? Ich bin von Natur aus romantisch, aber die Vorstellung, was konkret romantisch ist, scheint sich unablässig zu ändern, wie ja auch das Leben weitergeht. Die Liebesgeschichte unserer Oper ist eine Art Dreiecksdrama (und ich finde das ganz gut, weil wir ja auch so viele Dreiecke auf unserer Bühne benutzen) und zwar zwischen Christine, Maupertuis und seiner Leidenschaft für Mathematik. Irgendwie finden aber beide am Ende Trost und Liebe in den Dingen, die ihnen jeweils am Herzen liegen.
Wir haben dabei auch auf dem Schirm, dass die ganze Geschichte im Hinblick auf Geschlechterrollen nicht unheikel ist. Auf jeden Fall bearbeiten wir kritisch Konzepte des exotischen weiblichen Naturkörpers, genauso wie wir koloniale Phantasien befragen, zwei Schemata, von denen etwa „Les Indes galantes“ geprägt ist, die Opéra-ballet von Rameau, die zum Teil als kompositorische Grundlage für „La Figure de la Terre“ gedient hat.
Aber mal ganz allgemein gesprochen, ich finde, wir müssen für alle wichtigen Dinge Liebe haben, sonst können wir sie nicht tun.


La Figure de la Terre hat als erste finnische Oper Weltpremiere in Berlin: am 13. April 2013 in den Sophiensælen.

Kommentare

1 Kommentar

  1. 21.04.2013—14:14 dorothea Kolland says:

    Ich habe getsrn abend die „Figure de la Terre“ gesehen und war sehr beeindruckt; sowohl von der gewählten Perspektive des Stoffes ( ich hatte natürlich keine Ahnung von der story) wie vond er Musik. Gerne hätte ich es ein zweites Mal gehört; es war schon ein bisschen hermetisch. Die Verarbeitung der Barock-Elemente war toll. Was mich zunächst sehr irritierte, war die Ankündigung der Sophiesäle, dass eine musikalische Begegnung mit dem Jeuken der Lappen stattfände. Das war es nicht; Jeuken klingen anders. Es war eine sehr tolle Begegnung mit Volksmusiktradition.
    Hervorragend fand ich die Video.Projektionen.
    wirklich sehr beeindruckend, und ein „finnischer“ Musiktheaterzugriff mit einer finnisch-europäischen Geschichte: toll

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