Eine private Begegnung mit Hamlet

Publiziert: 9.07.2013
Autor: Martina Marti
Kategorien: Theater

Es geschah an einem jener finnischen Abende, wenn der Winter zum Frühling übergeht und es schon etwas länger hell ist. Ich saß mit Cécile in ihrer Küche in Kallio in Helsinki. Wir unterhielten uns. Über Theater, Shakespeare und darüber, welches für Cécile die beste Shakespeare-Rolle wäre. Wir waren uns sofort einig: es konnte nur Hamlet sein. Und so nahm die Geschichte ihren Lauf.

In Helsinki kommt ein Hamlet zur Welt
Ein Jahr später saßen wir in einem kalten Proberaum in Suvilahti und lasen Hamlet sorgfältig durch. Wir hatten nebst der Originalfassung mehrere Übersetzungen. Wir kamen langsam voran. Aber die Langsamkeit war ein wichtiger Teil des Prozesses, denn wir wollten wissen, warum Hamlet. Warum machen wir gerade diesen Text?

Die nächste Szene dieser Geschichte findet an Weihnachten im selben Jahr statt. Cécile sitzt im Café Talo in Hakaniemi und wartet auf ihren ersten Zuschauer. (For those who don’t know Helsinki, all the above mentioned places are within 15 min. walking distance and it’s not important to know them in order to follow this text.) Irgendwann zwischen dem kalten Proberaum und dem gemütlichen Café war ein Performance-Konzept zur Welt gekommen. Es bestand aus 22 Talmeh-Karten, einer Anleitung zum Zaudern, einem dramaturgischen Bogen und ein bisschen Poesie. Ich könnte auch sagen, dass Hamlet in der Zwischenzeit persönlich geworden war. Der Name der Aufführung ist Hamlet private, allerdings spielt im Gegensatz zur ursprünglichen Idee nicht Cécile Hamlet, sondern seine Rolle fällt dem Zuschauer zu.

In Deutschland wartet schon der zweite
Jetzt ist es zum ersten Mal Sommer in dieser Geschichte. Ich sitze auf dem Sofa in der Wohnung meiner Berliner Freundin im Prenzlauer Berg, es ist warm. Bis zur ersten Probe sind es noch ein paar Tage. Vorher habe ich noch einige Treffen, andere Arbeiten zu erledigen und das erste freie Wochenende in Berlin. Trotzdem drehen sich meine Gedanken schon jetzt um den Probenbeginn. Hamlet hat seinen Helsinki-Kiez verlassen und ist ins Ausland gereist. (Yes, we’ve left Helsinki and have arrived in Berlin.) Ich bringe die Aufführung Hamlet private mit mir mit. Oder besser gesagt: ich mache hier mit der deutschen Schauspielerin Claudia eine neue Version. Nach der ersten Euphorie, melden sich Zweifel. Ist es möglich ein Performance-Konzept in einen andern Kontext zu bringen und mit einer andern Schauspielerin eine neue Version zu erarbeiten? Irgendwie glaube ich daran. Ich glaube daran, weil ich gerade an dieses Konzept glaube. Ich glaube an Hamlet, an die vielen Berührungspunkte und die Universalität des Stückes. Ich glaube an die in der Vorstellung gebrauchten Karten. Ich glaube daran, weil ich erlebt habe, wie es funktioniert. Und dass es funktioniert. Erstaunte Zuschauer, solche, die weinen, gleich nach der Vorstellung anrufen und für ihre Freunde eine Karte reservieren. Zuschauer, die das Gefühl haben, die Vorstellung erzähle von ihnen selbst, die einen ganz persönlichen Hamlet erleben. Aber obwohl ich an all das glaube, weiß ich auch, dass es nie ganz das Gleiche sein kann, Theater ist nie gleich… wie wird es sich verändern? Wie interpretiert Claudia die Karten? Wie nähert sie sich dem Thema und was für Fragen hat sie? Welche Karte ist für sie die schwierigste? Ist es auch Karte Nummer 10, deren Bedeutung Cécile am längsten verschleiert blieb, bis sich auch ihr Vorhang lüftete?

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Spirale des Atems. Hengityksen spiraali.

Spirale des Wortes. Sanan spiraali.

Spirale der Tat. Teon spiraali.

Mischen wir die Karten!

Die Regisseurin steht an der Schwelle
Fragen wir die Karten! Ich mische, hebe ab, drehe die Karte: The Threshold. Kynnys. Die Schwelle. Ich bin mit meiner Frage an einer Schwelle. Die Karte heißt mich, diesen Moment vor dem Handeln zu genießen. Ich darf noch ein bisschen zaudern, bevor sich der richtige Moment des Handelns offenbart. Die Karte sagt auch, dass ich noch Zeit habe, mir Gedanken zu machen, woher ich mit meiner Frage komme und wohin ich mit ihr gehe. Es war an einem jener finnischen Abende, wenn der Winter zum Frühling übergeht und es schon etwas länger hell ist. Im Proberaum war es warm und wir warteten auf den ersten Zuschauer.

Martina Marti ist Performancekünstlerin, Regisseurin und Übersetzerin. Seit bald sieben Jahren lebt die gebürtige Schweizerin in Helsinki. Vom 18.-21. Juli 2013 zeigt sie ihre Inszenierung Hamlet private in der Bar Nathanja & Heinrich in Neukölln. Die Vorstellung ist für jeweils einen Zuschauer gedacht und dauert 30-40 Minuten. Weitere Informationen findet man unter: http://martinamarti.blogspot.fi und Tickets kann man per Mail an die Adresse gnabcollectiv(a)gmail.com reservieren.

Martina Marti

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