Finlandia-Preis 2012: drei Reden − drei Auffassungen von der Rolle des Lesers

Publiziert: 16.01.2013
Autor: Jemima Koli
Kategorien: Literatur, Medien und Presse

Die Trägerin des Finlandia-Preises 2012 Ulla-Lena Lundberg stellte in ihrer Dankesrede fest, dass sie in der glücklichen Lage gewesen sei, mit ihrer Schriftstellerlaufbahn begonnen zu haben, bevor ihr klar wurde, was ihr bevorstünde. Lundberg war erst 15 Jahre alt, als sie das Manuskript ihres ersten Buches an einen Verlag schickte – und eine Zusage bekam. Seitdem lebt sie als freie Schriftstellerin und weiß, wovon sie spricht. Nun ist ihr Lebenswerk mit dem Finlandia-Preis, einem der wichtigsten finnischen Literaturpreise, ausgezeichnet worden, für den sie bereits viermal nominiert worden war. Der Weg zu einer solchen Auszeichnung ist jedoch schwer zu erklimmen, oft genug als „erfolgreicher, aber brotloser Künstler“, wie sie es selbst einmal ausgedrückt hat.

Bei der Preisverleihung wurde das Thema Wirtschaftskrise und deren Wirkung auf die Literatur gleich zweimal angesprochen, zunächst von Verlagslektorin Minna Castrén, die die Eröffnungsrede der Veranstaltung hielt, und dann auch in dem Beitrag der Preisträgerin selbst. Laut Castrén war man in der Welt der Literatur früher noch fest der Überzeugung, dass die Menschen gerade zur Zeit einer Krise Literatur und weitere geistige Werte vertretende Dinge für sich entdecken würden, sie frage sich aber, inwieweit dies heute noch gelte. Eine zentrale Rolle für die Gegenwart und die Zukunft der Literatur spielen selbstverständlich die Leser – diese Auffassung teilten Castrén und Lundberg.

Bei der Vorbereitung des Satellitenprogramms des Finnland-Instituts für die Frankfurter Buchmesse 2014, auf der Finnland Ehrengast sein wird, kommt dem Lesen eine zentrale Rolle zu. Das Lesen ist etwas für uns alle, es ist ein Teil unseres Alltags und macht außerdem Spaß. Bei der Finlandia-Preisverleihung wurden drei Reden gehalten, die jeweils einen unterschiedlichen Aspekt des Lesens und der heutigen Rolle des Lesers hervorhoben. Dabei wurde eines klar: Der Leser ist gewissermaßen ein „Mittäter“. In Ulla-Lena Lundbergs Augen bedeutet dies, dass der Leser das Buch als Teil seiner eigenen Erfahrungswelt auffasst. Ihr Wirken als Schriftstellerin seit bereits 50 Jahren hat die Autorin, wie sie meint, auch der Tatsache zu verdanken, dass sie am finnischen Künstlerstipendien-System teilhaben konnte; andererseits hätte aber auch ein Stipendiensystem keine Daseinsberechtigung, wenn es keine guten und wohlwollenden Leser gäbe.

Minna Castrén betonte wiederum, dass der Leser dahingehend mit ins Spiel kommt, als er zeigt, was man von der Literatur erwarten kann. Auch hier hätte der Kunde immer Recht, stellt sie fest, doch heute sei eben ein jeder ein Kunde, sei es ein Bewohner eines Pflegeheims, ein Alkoholiker in einer Entzugsklinik oder auch ein Kind in einer Kindertagesstätte. Alle Lesergruppen haben einen Einfluss darauf, welche Bücher erfolgreich werden und welche nicht.

Neben der Preisträgerin und der Verlagslektorin gab es auch eine dritte Rednerin, die ehemalige Präsidentin Finnlands und diesjährige Jurorin Tarja Halonen, die die Zielgruppe, die Leserschaft, vertrat. Als Leserin und Literaturkonsumentin brachte sie die emotionale Seite, die Erfahrung als Leser/in, ins Gespräch. Halonen erzählte, sie habe sich in das Buch Is von Ulla-Lena Lundberg verliebt – es habe sie einfach mitgerissen. Nach Halonen würde man im Laufe der Lektüre ahnen, dass etwas Schlimmes passieren würde, und „als armer Leser in den Sog dieses schwarzen Stroms geraten“. Ein solches Urteil könnte an sich von gleich welchem Leser stammen, denn gerade diese Wirkung könne ein gutes Buch auf uns alle haben.

Der Leser ist ein „Mittäter“ – er nimmt das Werk als Teil seiner Erfahrungswelt auf und er drückt aus, was er von der Literatur erwartet. Gute Bücher haben auch dadurch eine Bedeutung für den Leser, als sie einen Menschen im Rahmen einer größeren gesellschaftlichen Entwicklung beschreiben. Und, wie Altpräsidentin Halonen es auch ausdrückte, gute Bücher können uns im besten Fall wie Familienmitglieder erscheinen.

Der Finlandia-Preis 2012 wurde Ulla-Lena Lundberg für ihren Roman Is (dt. Eis, Titel des schwedischsprachigen Originals; die finnische Fassung heißt Jää) verliehen. Der schwedischsprachige Roman erschien bei Schildts & Söderströms, die finnische Fassung beim Verlag Teos.

Jemima Koli, Redaktion FINNLAND.COOL.

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