Forscherin am Tatort

Publiziert: 11.11.2013
Autor: Kaisa Schmidt-Thomé
Kategorien: Gesellschaft, Politik, Stadtplanung

Gastforscherin Kaisa Schmidt-Thomé über ein interessantes Beispiel von Stadtentwicklung und städtischer Selbstdarstellung

Tatort-Geografie in Duisburg
Als ich gebeten wurde, einen leichten Fremdenführertext für finnische Stadtplaner zu verfassen, kam mir Schimanskis Duisburg in den Sinn. Ich hatte schon ab und zu darüber nachgedacht, dass es interessant wäre, die Tatort-Filme im wissenschaftlichen Sinne zu untersuchen. Ich konnte jedoch nicht ahnen, dass ich später einen wissenschaftlichen Artikel über die Beziehung zwischen der Stadt Duisburg und Kriminalhauptkommissar Schimanski veröffentlichen würde. Die Problematik der Beziehung wurde schon nach kurzem Einstieg sichtbar. Schimanski, der 1981 als Kriminalkommissar angefangen hatte und Duisburg im deutschsprachigen Bereich zu größerer Bekanntschaft verholfen hat, schien in seiner Heimatstadt nicht willkommen zu sein. Warum das? Ist das konventionelle Duisburg noch immer verärgert darüber, dass dieser raue Polizist sein Fernsehpublikum in die dämmrigen und düsteren Gassen der Industriestadt gelockt hat? Ist noch nicht genug Wasser die Ruhr hinunter geflossen? Sollte die Stadt nicht endlich stolz sein auf die beliebteste Tatort-Figur aller Zeiten, stolz wie auf einen Sohn? Die Kultfigur schien etwas Unverzeihliches an sich zu haben.

Zusammen mit meiner Freundin Vivi Niemenmaa machte ich mich daran, die Stadtplanung und Entwicklung Duisburgs genauer unter die Lupe zu nehmen. Der als eine Art Flaggschiff angelegte Innenhafen schien unserer Meinung nach typisch für eine postindustrielle konsumorientierte Landschaft und hat uns nicht weiter interessiert. In den Duisburger Reisebroschüren und in den anderen PR-Materialen der Stadt war der Innenhafen aber sehr präsent. Aus unserer Sicht wird diese Bildsprache als Beweismittel (falsch) verwendet. Neben den Neubauten mit Glaswänden spiegeln sich in den Wasserelementen auch ehemalige Industriegebäude, wobei deren Schönheit gerade ausmacht, dass man sie als alt bezeichnen kann. Die Aufgabe des Innenhafens ist es zu beweisen, dass Duisburg recht hat (und Schimanski unrecht): Die Umstrukturierung und die Stadterneuerung haben rasche Fortschritte gemacht. Glaubt es oder nicht!

Würde man Schimanski fragen, würde er die Fragenden nach Ruhrort bringen und die Hafenstadt ihre Gäste in Verzückung versetzen lassen. Er würde die Gäste mit der Entwicklung an der Basis vertraut machen und zusammen mit den Gästen und den lokalen KünstlerInnen und AktivistInnen ein Bier trinken. Er würde beklagen, dass Duisburg sich von Ruhrort abwendet und diejenigen sogar bremst, die Lust auf die Angelegenheiten des kleinen Mannes haben oder sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen wollen. Er würde zeigen, dass eine interessante Stadtentwicklung und gigantische Bauprojekte nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben.

Mehr Information und weitere Links:

Kaisa Schmidt-Thomé ist Geografin und forscht an der Aalto-Universität. Im Oktober 2013 hat sie als Stipendiatin der Öhman-Stiftung im Finnland-Institut gearbeitet.

Übersetzung: Jutta Reippainen und Johanna Rzehak

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