Grüße aus der Küche – EIN.KÜCHEN.BAU beim Freischwimmer-Festival

Publiziert: 28.03.2013
Autor: Joonas Lahtinen
Kategorien: Sonstiges, Theater
Fotograf: Deniz Soezen Fotograf: Deniz Soezen

Unsere Installationsperformance EIN.KÜCHEN.BAU, die politisch-soziale, ästhetische und historische Dimensionen der modernen Einbauküche auslotete, tourte im Rahmen des Freischwimmer-Festivals im Winter durch renommierte Kunstzentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das seit 2004 bestehende Festival bietet neuen, auf dem deutschsprachigen Performancekunstgebiet agierenden Künstlern und Gruppen eine breite Bühne. Zum ersten Mal wurde ein Werk von einem Künstler finnischer Herkunft zum Festival eingeladen. Ich mache schon fast seit 20 Jahren Theater- und Performanceprojekte, hauptsächlich in Finnland; EIN.KÜCHEN.BAU war aber die erste von mir geleitete international tourende Produktion.

Die Medienaufmerksamkeit hat unser Team auf der Tour oft überrascht; Kritiken in Zeitungen, aber auch umfangreiche Artikel wurden geschrieben und wir gaben lange Radiointerviews. Meine Unsicherheit über die Adäquatheit der eigenen Sprachkenntnisse hat sich schnell im Medienwirbel vor der Premiere in den Berliner Sophiensaelen aufgelöst. Mein finnischer Hintergrund hat viel Aufmerksamkeit bekommen; sowohl bei Interviews als auch in Diskussionen mit dem Publikum wurden wir oft über die möglichen Anknüpfungspunkte des Projekts zu der finnischen Gesellschaft und Kultur gefragt. Sie sind nicht schwer zu finden: Die „Frankfurter Küche“ (1926) der Österreicherin Margarete Schütte-Lihotzky kann als Grundlage aller modernen westlichen serienproduzierten Einbauküchen – zum Beispiel auch der in Finnland üblichen IKEA-Fertigküche – angesehen werden. Ich selbst habe die Hälfte meines Lebens in kleinen Wohnungen in Helsinki gewohnt, mit einer kompakten Fertigküche.

Da EIN.KÜCHEN.BAU ein installatives Werk ist, trug der Aufführungsraum viel zur Stimmung des Werkes bei. Die Räume waren sehr unterschiedlich, von intim bis zu monumental. Obwohl wir in sechs Freischwimmer-Aufführungsorten das gleiche „Paket“ vorgeführt haben, fühlte es sich dank unterschiedlicher Räume jedes Mal wie eine Premiere an. Zu der Kücheninstallation, die das Ergebnis einer Aufbauperformance war, hatte das Publikum an allen Veranstaltungsorten während des ganzen Festivals freien Zugang. In der Küche durfte alles berührt, gekostet, entdeckt und probiert werden. Die Ton- und Videofragmente, die aus den Küchenschränken zu hören waren und die täglichen von mir aufgeführten „Kochaktionen“ boten unterschiedliche Perspektiven zu den mit Einbauküche verbundenen Themen an. Viele der Gäste wollten selbst die aus den Schränken hervorquellenden Fertiggerichte probieren – besonders schnell wurden die für ein deutsches und schweizerisches Publikum sehr exotischen wirkenden österreichischen Topfenknödel in vielen Städten aufgegessen.

Es hat mich positiv überrascht, wie aktiv sich das Publikum in allen Vorstellungsstädten mit der Kücheninstallation beschäftigte und auch ”zugegriffen” hat. Teilweise kann die Aktivität vielleicht dadurch erklärt werden, dass wir alle durch unsere persönliche Geschichte eine Beziehung zur Küche und zum Kochen haben; Unser Werk hat eine Berührungsfläche geboten, die deutlich im Alltag verankert ist.

Finnland und das Finnische wecken Interesse im deutschsprachigen Europa – für einen Künstler stellt also ein finnischer Hintergrund auf keinen Fall ein Hindernis dar!

Joonas Lahtinen

Der Autor ist Performancekünstler und -forscher und lebt in Wien und Helsinki.

joonaslahtinen.wordpress.com

Freischwimmer-Festival:
www.freischwimmer-festival.com

Fotograf: Gerhard F. Ludwig
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