Heimat – ein unübersetzbares Wort im Deutschen

Publiziert: 31.03.2017
Autor: Claudia Sirpa Jeltsch
Kategorien: Gesellschaft, Wissenschaft

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Republik Finnland im Jahr 2017 beschäftigen wir uns am Finnland-Institut vor allem mit verschiedenen Aspekten von Heim/Heimat. Diesen Themenschwerpunkt teilt auch Claudia Sirpa Jeltsch, die im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Universität Helsinki zur Identität zweisprachiger Menschen forscht. In diesem Beitrag erläutert sie den Hintergrund ihrer Forschung und die sich abzeichnenden Ergebnisse.

Finnen in Deutschland stellen gern mit Stolz ihre eigenen in das Deutsche unübersetzbaren Wörter vor: sisu (Widerstandskraft, Durchhaltevermögen, also alles das, was man braucht, um einen finnischen Winter zu überleben – oder auch den Winterkrieg), kaamos (die sonnenlose Zeit im Winter in Lappland), ruska (Zeit der Blattfärbung). Aber wie sieht es da mit dem Deutschen aus? Selbstverständlich verfügt auch das Deutsche über unübersetzbare Wörter: So existiert z.B. Fernweh nicht im Spanischen, sehr wohl aber als genaue wortwörtliche Übersetzung im Finnischen mit kaukokaipuu. Aber auch ein so interessantes und viel diskutiertes Wort wie Heimat – der diesjährige Themenschwerpunkt des Finnland-Instituts – kann man weder im Englischen noch im Französischen und auch nicht im Finnischen finden. Im Finnischen hilft man sich meistens mit kotimaa, das am ehesten Heimatland entspricht oder kotiseutu, dessen Pendant sich wiederum in Heimatregion findet. Ein altes Problem der Sprachwissenschaft ist es, ob der Mensch ein Wort braucht, um Heimat denken zu können, oder ob die Grenzen unseres Denkens diejenigen unserer Sprache sind, ein Gedanke des Philosophen Ludwig Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Wie denken zweisprachige Menschen über ihre Heimat? Dieses ist das Ziel meiner Doktorarbeit, bei der ich 31 Personen mit einem finnisch-deutschsprachigen Hintergrund in Finnland, Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz interviewt habe (Universität Helsinki, Fakultät für Moderne Sprachen, Germanistik, Betreuung durch Prof. em. Irma Hyvärinen). Ist Finnland für sie Heimat, obwohl sie dort nie gewohnt haben? Verfügen sie über eine finnische Identität, auch wenn ihre Finnischkenntnisse limitiert sind? Einzige Voraussetzung für die Teilnahme am Interview war es, einen finnischsprachigen Elternteil und einen deutschsprachigen Elternteil zu haben, befragt wurden sowohl perfekt bilinguale Personen als auch solche, die nur in ihrer Kindheit und auch nur sehr wenig Finnisch gesprochen hatten. Wie definieren diese Menschen ihre eigene Identität? Mir war es wichtig, den zahlreichen MigrantInnen zweiter Generation (meistens also den Kindern finnischsprachiger Frauen in Deutschland, Österreich und der Schweiz) eine eigene Stimme zu geben. Wenn die Politik mittlerweile es vielerorts Menschen abspricht, über eine hybride Identität verfügen zu können, die sich dann auch in der Form einer Doppelstaatsbürgerschaft widerspiegelt, wollte ich wissen, wie diejenigen denken, die selbst betroffen sind. Die Analyse des gesamten Materials ist noch nicht abgeschlossen, aber es zeichnet sich bereits Folgendes ab: Die überwiegende Mehrheit der Befragten verfügt über eine hybride Identität, oftmals in der Form von „in Deutschland fühle ich mich als Finne und in Finnland als Deutscher“, oder auch in der Differenzierung von „Finnland ist meine erste Heimat und Deutschland meine zweite, aber das kann ich so nur auf Deutsch sagen“. Gewisse Konzepte lassen sich also wirklich besser oder treffender in einer der beiden Sprachen ausdrücken. Wenn das kein Grund ist, um weitere Fremdsprachen zu lernen!

Falls jemand mehr über das Dissertationsthema wissen möchte und oder mich auch zu einem Vortrag zum Thema einladen möchte, dann können Sie sich gern an claudia.jeltsch@gmail.com wenden!

Autorin: Claudia Sirpa Jeltsch, Senior Lecturer Fachhochschule Haaga-Helia, Doktorandin Universität Helsinki

———–

Schwerpunktthema Heim/at im Programm des Finnland-Instituts 2017: Gesamtflyer der Berliner Veranstaltungen von Mobile Home 2017.

Detaillierte Informationen finden Sie außerdem hier.

Mobile Home 2017 ist eine gemeinsames, transnationales Projekt der Finnland-Institute in Berlin, Brüssel, London und Paris im Rahmen des Festjahres “Finnland wird 100“.

Foto: Claudia Sirpa Jeltsch
Background image