„Heimat“ ist im Kopf

Publiziert: 20.06.2016
Autor: Lea Bauer
Kategorien: Bildende Kunst, Bildung, Gesellschaft, Literatur, Sonstiges, Wissenschaft

In ihrem Blogbeitrag sinniert unsere ehemalige Praktikantin Lea Bauer über das Konzept der finnischen Heimat“, deren Ursprung und die Rolle der Mobilität. Ein Vorgeschmack auf einen der Programmschwerpunkte des Finnland-Instituts für 2017, das Festjahr anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Republik Finnlands: Mobile Home 2017.

Mobilität bildet immer häufiger einen Teil unseres Alltags. Das macht es schwer, Fuß zu fassen und sich irgendwo „heimisch“ zu fühlen. Doch was bedeutet „Heimat“ eigentlich? Schon beim Blick in unseren Bekannten- und Freundeskreis wird klar, dass dies von jedem anders definiert wird. Manche sind ständig auf Achse während andere sich im vertrauten Heim am wohlsten fühlen. Ist Heimat eigentlich zwingend an einen Ort gebunden? Welche Möglichkeiten bietet die Kultur eines Landes, seine Wurzeln zu finden? Die „finnische Heimat“, also das Zuhausesein in Finnland, wird zwar einerseits im Land selbst gesucht, beispielsweise wenn es der Platz ist, an dem man geboren wurde, doch befriedigt das selten. Wir wollen oftmals einen größeren, manchmal vielleicht sogar auf eine Weise spirituellen Sinn darin sehen, weswegen es wiederum möglich ist, die Heimatfindung (sei sie aktiv oder passiv) auf anderen abstrakteren oder symbolischen Ebenen fortzusetzen. Denkt man an die finnische Kultur, so stößt man auf verschiedene Ansätze.
Die finnische Mythologie kennt viele Götter und das Nationalepos Kalevala hält mündlich Überliefertes fest. Alte Sagen als gemeinsames kulturelles Erbe bieten eine der Grundlagen für das finnische Nationalbewusstsein. In der Vorzeit lassen sich für manch einen viele Fragen zur eigenen Herkunft beantworten, und wo wir herkommen, dort fühlen wir uns oft auch heimisch.
Verschiedene Kulturgüter vermögen es, uns in eine andere Welt zu versetzen. Eines davon ist die Literatur. Mit ihr können wir in andere Welten fliehen – entweder dauerhaft oder kurzzeitig. Diese Welten, ob man sie als Autor oder Leser betritt, können entweder zum „dauerhaften Wohnsitz“ oder zum „mökki“ werden. Heimat muss nicht zwingend in greifbarer Nähe liegen. Man muss sich auch nicht ständig dort befinden. Es reicht das Bewusstsein darüber, dass sie als Rückzugsort existiert.
Kaum aus Finnland wegzudenken sind die Natur und die Sauna, doch wieso eigentlich? In der Nähe zur Natur fällt es leichter, ganz zu sich selbst zu finden. Viele Finnen fühlen eine tiefe Verbundenheit zur Natur und eine Verwurzelung in ihr.
Das Schwitzen in der Sauna ist eine ausdrückliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und kann diesen auch an seine Grenzen führen. Auf den eigenen Körper zu hören ist etwas, wozu viele im heutigen Alltagsstress nicht mehr fähig sind, dabei zeigt diese Beschäftigung die Grundbedürfnisse und Wurzeln auf, die letzten Endes unsere eigene Heimat darstellen. Wir lernen also in der Sauna etwas über den Weg zurück zu unserem inneren Heimatort.
Finnische Volksmusik greift Traditionen und Muster auf, die seit langer Zeit fest in der Gesellschaft verankert sind. Etwas Traditionelles ist meist etwas Wiederkehrendes. Solche Bräuche, die in gewissen Rhythmen auftreten, vermitteln uns ein Gefühl von Sicherheit, welches oft eine Grundvoraussetzung für das Finden einer „Heimat“ ist. Doch alte Strukturen können auch durchbrochen werden, wenn sie den aktuellen Bedürfnissen nicht mehr gerecht werden. Auch in der Zukunft, beispielsweise durch das Beschreiten neuer Musikstile, lässt sich ein Heimatgefühl schaffen, das ganz ohne feste Regeln auskommt.
Ein letztes Kulturgut, das in Finnland eine große Rolle spielt, ist die Kunst. Durch alle Zeitalter hindurch war und ist sie Ausdruck von Wünschen und Bedürfnissen. So hat sie bereits oft versucht, ein Heimatgefühl zu erschaffen und es ist ihr gelungen. Das goldene Zeitalter der finnischen Kunst ist ein Grundpfeiler des Nationalbewusstseins Finnlands, ohne den man sich die finnische Kultur nicht vorstellen kann. Dort gibt es unter anderem wieder Rückbezüge auf die finnische Sagenwelt. Ebenso gibt es finnische Viking Metal-Bands, die zum Beispiel über Ahti, den Gott des Meeres singen. Die unterschiedlichen Kulturbereiche sind also teilweise sogar miteinander verknüpft.
Heimat kann an einem Ort stattfinden, doch wird sie oft in vielen anderen und unterschiedlichen Orten gesucht und vielleicht dadurch erst gefestigt. Unsere „Heimat“ setzt sich zusammen aus Vorzeit und Tradition, Gegenwart und uns selbst und Zukunft und Veränderungen. Sie existiert durch alle Zeitalter hindurch.
In einer schnelllebigen Welt muss Heimat zwangsläufig mobil sein. Doch ist das zwingend etwas Schlechtes, solange wir die Heimat in unserem Kopf gefunden haben?

– Lea Bauer, vormals Praktikantin am Finnland-Institut

Kommentare

1 Kommentar

  1. 30.07.2016—17:49 Lea auhtola says:

    Ihana lukea tällaista tekstiä. Nimittäin tämä on niin totta. Oma sielunrauhani löytyy pohjois-Karjalasta, vaarojen maisemista. Vaikka olen etelähuomesta. Kyllä ne sukujuurtet vaan kertoo, mikä on parasta. Tänne vaan mieli halajaa vuodesta toiseen. Vaikka matka on pitkä, on se sen väärti!

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