Katja Gauriloff und Canned Dreams: Traumberuf und Film der Träume

Publiziert: 7.06.2013
Autor: Katja Gauriloff
Kategorien: Film
Katja Gauriloff und ihre Crew im Hafen von Le Havre. Foto: Heikki Färm

Die Arbeit eines Dokumentarfilmers ist bereichernd. Es ist ein Traumberuf für jemanden, der sehen, recherchieren, erleben und reisen möchte, der ausdauernd genug ist und mit wenig auskommt. Den Film Canned Dreams zu machen war für mich selbst ein lang gehegter Traum: eine mehrere Jahre lange Reise mit zahlreichen Wendungen, Höhen und Tiefen. Es wurde nicht langweilig. Zwischendurch mussten wir abwarten und konnten Kräfte sammeln. Am wichtigsten waren für mich all die Begegnungen mit Menschen und das Kennenlernen neuer Kulturen. Manchmal machten mir die Kulturunterschiede zu schaffen und die Sprachdifferenzen jagten mir einen Schrecken ein, aber alle Ängste, die mir vorher in den Sinn kamen, erwiesen sich oft als unnötig. Die Produktion eines Films ist komplizierter, wenn man zum Filmen ins Ausland geht. Dann braucht man im Zielland verlässliche Partner. Unser Thema war äußerst anspruchsvoll, deswegen war es beinahe unmöglich, Drehgenehmigungen für die Orte zu bekommen, an denen ich drehen wollte, beispielsweise für Produktionswerke, Fabriken, Schlachtereien oder Höfe.

Der einheimische Produzent war die erste Anlaufstelle, zu der wir Kontakt aufnahmen. Seinem beruflichen Können ist es zu verdanken, dass wir normalerweise die gewünschten Drehgenehmigungen bekamen. Trotzdem hing es nicht immer von den Fachkenntnissen des Produzenten ab. Ich wollte zum Beispiel in Deutschlands größtem Schweinemastbetrieb drehen, aber es war einfach nicht möglich. Die gewiss besten Filmexperten halfen uns, Drehgenehmigungen einzuholen, aber die Produktionswerke wollten uns nicht empfangen, nicht einmal für Gespräche. Einmal fuhren der Regieassistent und ich von Berlin Richtung Norden. Nach mehreren Stunden Autofahrt, nachdem wir uns mehrmals verfahren hatten, fanden wir inmitten schöner Landschaft, im Schatten des Waldes, wie versteckt, einen außerordentlich großen Schweinemastbetrieb. Wir bewunderten ihn nur von außen, da wir keine Erlaubnis für einen Besuch hatten. Trotz der idyllischen Umgebung war dieser Ort unheimlich. Wir standen vor den niedrigen Gebäuden, deren Fenster vor dem Tageslicht verschlossen waren. Das Grunzen und Quieken tausender Schweine konnte man bis nach draußen hören. Eine haarsträubende Erfahrung. Hätten wir doch nur die Kamera neben dem Zaun aufgestellt und diese mit Stacheldrahtzaun begrenzten Höfe gefilmt, dann hätte ich die Szene meines Films im Kasten gehabt. Trotzdem haben wir nicht gedreht, weil uns die erforderlichen Genehmigungen fehlten. Warum berichte ich von dieser Erfahrung? Weil im Dokumentarfilm nicht immer alles so abläuft, wie man es vorher plant oder wünscht. Es stehen nicht alle Türen offen. Der Filmemacher sollte trotzdem dazu fähig sein, seine Story zu erzählen, wenn auch auf eine andere Weise. Wie kann ich die nötige Information oder Stimmung ohne diese Dreherlaubnis, die uns verweigert wurde, vermitteln? Genau das macht das Filmemachen spannend und kreativ.

Ich habe fast ausschließlich gute Erinnerungen an die Länder, in denen gedreht wurde, und an die Menschen, mit denen ich den Film machen durfte. Jedes Land hatte seine eigenen kulturell bedingten Arbeitsweisen und manchmal unterschieden sie sich sehr stark von der finnischen. Die deutsche Arbeitskultur ist meiner Meinung nach der finnischen am nächsten. Für den Kontakt genügte eine kurze, inhaltlich knappe E-Mail, in der nur das Anliegen geschildert wurde. Die Arbeit war angenehm, sachlich und präzise. Mit den Italienern führten wir im Voraus lange Telefonate, in denen auch der Urlaub und die Familie besprochen wurden. Vor Ort nahmen wir an unendlich langen Mittagessen und Abendessen teil, so dass fast schon in Vergessenheit geriet, weswegen man eigentlich gekommen war. Mit den Franzosen schickten wir E-Mails, die so lang und ausschweifend waren, dass der eigentliche Inhalt manchmal nur schwer zu verstehen war. Ich könnte beispielsweise noch die Ukrainer erwähnen, die zu Beginn ganz an die Finnen erinnerten. Die Wahrheit sah ganz anders aus. Und die brasilianische Arbeitskultur? Am Anfang erwartete ich etwa an die romanische Kultur angelehnte Klischees, aber alle waren wirklich flink und gewissenhaft. Der Unterschied zu den Finnen war nur der, dass es auf Autofahrten keinen Augenblick still war. Immer ertönte Musik, Gelächter, Gesang oder die Mundharmonika − und die warmen Abende nach dem Drehen verbrachten wir mit Capoeira oder Maniküre. Und obwohl die Erinnerung mit goldenem Pinsel malt, würde ich jederzeit wieder auf diese Reise gehen, mit denselben Reisegefährten.

Katja Gauriloff

Übersetzung: Jana Ruf

Der Film Canned Dreams − Säilöttyjä unelmia der finnischen Regisseurin Katja Gauriloff wird am Montag, dem 10.6., um 19 Uhr im Tschechischen Kulturinstitut in Berlin in der Reihe DokuMontag gezeigt. Die Regisseurin wird nach der Vorführung per Skype mit dem Publikum über den Film sprechen. Weitere Infos hier.

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