Kleidung aus Papier – Justus K im Interview

Publiziert: 3.06.2015
Autor: Sofie Backman
Kategorien: Design, Gesellschaft, Sonstiges

Der finnische Modedesigner Justus K kreiiert Couture-Kleidung aus Papier. Er studierte am Institute of Design and Fine Art an der Fachhochschule Lahti und präsentierte diesen Frühling seine Kollektion KASKI – paper couture bei der Berlin Alternative Fashion Week. Sofie Backman hat den Designer nach seiner Inspiration, Identität und dem Einfluss der Umgebung auf den kreativen Prozess befragt.

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Justus K & Sofie Backman, Foto: Finnland-Institut/Miika Kupiainen

Deine Kollektion KASKI – paper couture wurde im Frühling bei der Berlin Alternative Fashion Week gezeigt. Was ist die Geschichte hinter der Kollektion?

Ich sehe meine Kollektion vor allem als Kunstwerk. Meine Inspiration kommt aus der finnisch-ugrischen Volkstradition. Ein Teil meiner Familie stammt aus Karelien, und ich bin auch selbst in einem ständigen Identitätsprozess. In der Kleidung sind karelische Farben wie Schwarz und Rot zu sehen. Wir bewegen uns zwischen Ost und West, das tragende Thema ist From darkness to light. Die schwarze Farbe spiegelt die Kohle nach Brandrodung wider, die türkise Farbe stammt aus Westfinnland. Finnland stand schon immer unter verschiedenen Einflüssen und darauf hat sich die eigene Identität aufgebaut.

Du entwirfst Kleidung aus Papier. Warum gerade dieses Material?       

Ich habe Verpackungsgestaltung und Grafik als Hauptfach studiert und Papier war schon immer ein natürliches Grundmaterial für mich. Mein erstes Kleidungsstück war ein Luftschlangenkleid, zu dem ich plötzlich eine Vision hatte. Ich habe lange überlegt, wo ich das Kleid gesehen hatte, bis mir klar wurde, dass es meine eigene Vision war. Ein anderes Kleid mit ähnlicher Technik wurde 2012 in Paris zur Ausstellung Cité de la Mode et du Design in Paris gewählt.

Welche Herausforderungen oder Möglichkeiten bringt Papier als Material mit sich?

Papier ist nicht so elastisch wie Stoff. Ich wäre interessiert, mit einem Ingenieur der Branche zu untersuchen, wie man das Material weiterentwickeln könnte. Ich glaube, dass Papier viel Potential hat, was Kleidungsdesign angeht. Könnte man zum Beispiel Stretch-Stoff aus Papier entwickeln? Zu den Vorteilen vom Papier gehört große Leichtigkeit. Und Allergiefreundlichkeit!

Und wenn es regnet? 

Dann wird man nass! Aber das Kleidungsstück wird nur weicher. Und weil es Feuchtigkeit nicht wie Stoff ansammelt, trocknet es schnell.

Deine Kleider sind handgefertigt in Finnland. Was ist dir wichtiger: Visualität oder Ökologie und Ethik?

Zuerst wähle ich das Material, aber beim Design bestimmt die Visualität. Ich will schöne Kleidung schaffen. Visualität und Ethik schließen einander nicht aus und bestimmen einander nicht. Ich glaube, dass finnische Designer an das Thema vielleicht heute anders herangehen als früher: Ökologie ist nicht der bestimmende Faktor bei der Visualität der Kleidung. Ich könnte mir sogar vorstellen etwas aus Kunststoff zu entwerfen, wenn es mich als Material nur inspirieren würde. Kunststoff ist nur nicht so ökologisch als Material.

Was bedeutet Kleidung dir persönlich?

Kleidung ist eine zentrale Form des Selbstausdrucks. Sie ist ein Teil der Kultur und jeder Mensch drückt sich damit aus. Mit Kleidung kann man kontrollieren und Macht ausüben, aber auch Freiheit kommunizieren. Der Mensch wird nackt geboren, alles danach ist eigentlich gelernt und in Rollen aufgeteilt, auch in Geschlechterrollen. Frauen haben früher gegen Röcke rebelliert und haben angefangen Hosen zu tragen. Wann sind die Männer dran? Für mich kann Kleidung auch eine Art der Entspannung sein, ich möchte mein nicht-an-Rollen-gebundenes Ich durch die Kleidung finden.

Glaubst du, deine Kleidung würde anders aussehen, wenn du sie in Berlin entworfen hättest?

Auf jeden Fall. Die Umgebung hat sehr großen Einfluss auf mich. Die Atmosphäre der Stadt kann man spüren. In meinem in Paris entworfenen Kleid sieht man Einflüsse von Versailles. Das würde bestimmt auch in Berlin passieren. Berlin ist entspannt und die Menschen sind schön und liberal. Hier sieht man deutlich, wie geregelt die finnische Gesellschaft ist. Die Spur der Menschenhand ist auf den Straßen von Berlin viel stärker zu sehen: In Finnland beseitigt man ein Graffiti gleich, Straßen sind sauber und irgendwie sind ständig Renovierungen und Wartungen im Gange.

Für wen würdest du am allerliebsten ein Kleidungsstück entwerfen?

Ganz klar für Madonna. Sie ist schon immer eine große Inspirationsquelle. Das Outfit wäre aus luxuriösem Rentierleder gemacht mit Details aus Papier. Ein Outfit ganz aus Papier würde Lady Gaga oder David Bowie sehr gut kleiden. Aber in der Tat interessiere ich mich jetzt für Glas – wenn Michael Jackson noch leben würde, würde ich ihm ein hinreißendes Outfit aus Glas entwerfen.

Übersetzung aus dem Finnischen: Kirsi Turunen

Cross-overs im Kostümdesign gibt es bis 8. Juli am Finnland-Institut zu sehen. Herzlich willkommen zu Anne Mustarastas’ Ausstellung Helsinki Dresses: Architektur verkleidet sich im Kostüm!

Aktuelle Ausstellungen von Justus K:
Suomimuodin antologia / Anthology of Finnish Mode | Helsinki, Designmuseum | 5.6. – 20.9.2015
Illuusio – taidetta ja teknologiaa / Illusion – Art and Technology | Riihimäki, Alte Glasfabrik | 12.6. – 30.8.2015
Ystävyys / Vänskap / Friendship LINK | Porvoo | 18.6. – 30.8.2015

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