Kommunikation und Grammatik – Die Rolle der grammatikalischen Korrektheit bei der mündlichen Sprachkompetenz

Publiziert: 19.02.2015
Autor: Laura Lahti
Kategorien: Bildung, Gesellschaft, Wissenschaft

„Während der Beurteilung habe ich bemerkt, wie wenig Grammatik überhaupt für die Verständlichkeit bedeutet. Es gab fast nie GR-Fehler, die die Verständlichkeit beeinträchtigt haben, egal wie niedrig das Sprachniveau der Schüler war.

Wenn man ins Ausland fährt, ist die mündliche Sprachkompetenz oft der wichtigste Teilbereich der Sprachkompetenz: Beispielsweise würde fast niemand in einem Restaurant das Essen schriftlich bestellen. In Finnland sind der Unterricht und das Testen der mündlichen Sprachkompetenz jedoch noch ziemlich neu. Traditionell wird der Fremdsprachenunterricht mit dem Grammatikunterricht verbunden. In Bezug auf die Anmerkung einer deutschen DaF-Lehrerin könnte man sich fragen, ob die Beherrschung der Grammatikregeln aus Sicht der Verständlichkeit überhaupt eine Rolle spielt?

In der Fremdsprachendidaktik und besonders beim Unterrichten der mündlichen Sprachkompetenz wird heute die kommunikative Kompetenz betont, deren Teilbereich die linguistische Kompetenz (u.a. das Sprachwissen und die Grammatik) ist. Es gibt jedoch auch andere wichtige Teilbereiche wie beispielsweise die strategische, pragmatische und soziolinguistische Kompetenz. In der Fachliteratur über den Fremdsprachenerwerb und -unterricht wird das Ziel unterstrichen, zu verstehen und verstanden zu werden. Anders gesagt: die Vermittlung der Botschaft steht im Mittelpunkt. Verschiedene Mittel und Strategien, die Angelegenheiten auf eine in der Situation passende Weise zu erledigen, sind wichtiger als die grammatikalische Korrektheit. Diese Ansicht ist logisch, denn wofür brauchen wir letztendlich die Sprache? Für das Ausbreiten der Gedanken und für die Veränderung der Sachlagen. Die sprachliche Korrektheit ist nicht so wichtig, solange die Angelegenheit erledigt wird. Die Grammatik gilt nichtsdestotrotz traditionell als ein wichtiger Teil des Fremdsprachenerwerbs und sie wird auch oft unter den Bewertungskriterien der mündlichen Sprachkompetenz erwähnt.

Erfahrungsgemäß wird die Grammatik immer noch in finnischen Schulen und Lehrbüchern sehr hervorgehoben, obwohl die Didaktiker anderer Meinung sind. Es ist also notwendig zu klären, welche Rolle die grammatikalische Korrektheit bei der Beurteilung der mündlichen Sprachkompetenz spielt und inwieweit sie letztendlich die Verständlichkeit beeinflusst. In meinem Dissertationsprojekt versuche ich u.a. auf diese Fragen eine Antwort zu finden.

Das Thema ist sehr aktuell, da die Wichtigkeit der mündlichen Sprachkompetenz erst in den letzten Jahren in Finnland auch von offizieller Seite her aufgetaucht ist: Im Jahr 2010 wurde ein vertiefender Kurs in Fremdsprachen in der finnischen gymnasialen Oberstufe in einen Kurs der Sprechfertigkeiten umgewandelt. Zurzeit wird auch ein mündlicher Bestandteil für die finnische Abiturprüfung in Fremdsprachen geplant. U.a. aus diesen Gründen ist es wichtig, die mündliche Sprachkompetenz finnischer Gymnasiasten und ihre Bewertung zu erforschen.

Das Untersuchungsmaterial besteht aus alltäglichen Monologen und Dialogen, die finnische Gymnasiasten auf Deutsch geführt haben und die videodokumentiert und transkribiert worden sind. Mit Hilfe dieser Schülerleistungen untersuche ich die Beherrschung bestimmter grammatikalischer Strukturen (Verbkonjugation und Verbstellung) in der mündlichen Kommunikation. Darüber hinaus gehören die Bewertungen einer finnischen und einer deutschen Deutschlehrerjury über die Schülerleistungen zum Untersuchungsmaterial.

Die finnische Jury hat die Leistungen anhand einer Kompetenzniveau-Skala des finnischen nationalen Lehrplans sowohl holistisch mit einer Gesamtnote als auch analytisch aus fünf verschiedenen Blickwinkeln beurteilt. Die fünf Aspekte der Beurteilung waren Erledigung der Aufgabe, Flüssigkeit, Aussprache, Wortschatzspektrum und grammatikalische Korrektheit. Mittels dieser Bewertungen kann die Rolle der Korrektheit beim Bewerten mündlicher Sprachkompetenz untersucht werden. Zudem werden die Ergebnisse der Lernersprachenanalyse mit den Lehrerbewertungen verglichen: Wie gut beherrschen die auf ein bestimmtes Kompetenzniveau eingestuften Schüler die deutschen Verben und die Verbstellung?

Die deutsche Jury wiederum konzentriert sich auf die Bewertung der Verständlichkeit und auf die Frage, welche Grammatikfehler die Verständlichkeit beeinträchtigen. Die Ergebnisse der Untersuchung können folglich auch in der Praxis verwertet werden: Inwieweit sollte die Grammatik (und insbesondere welche Strukturen) im Unterricht berücksichtigt werden, damit die Kommunikation auf bestmögliche Weise funktioniert? Außerdem zielt meine Untersuchung darauf, die Sprachlehrerinnen und -lehrer bei der Beurteilung der mündlichen Sprachkompetenz zu unterstützen.

– Laura Lahti

Die Autorin ist Doktorandin im Fachbereich Germanistik am Institut für moderne Sprachen an der Universität Helsinki. Im Sommer 2014 hielt sie sich als Gastwissenschaftlerin am Finnland-Institut auf.

© Mikko Hämäläinen

Kommentare

1 Kommentar

  1. 25.02.2015—18:45 Engelbrecht, Jörg says:

    Hallo Frau Hämäläinen,

    zufällig stieß ich auf die Seite beim Finnland-Institut. Ich denke, Sie sind da auf dem richtigen Wege. Grammatikkenntnisse sind wichtig, aber nicht alles entscheidend. Ich habe 2 Sprachen ziemlich fließend sprechen gelernt, davon Französisch fast nur in französischsprachigen Ländern, nicht durch Grammatik und Literatur-Exegesen. Die Schule war Grundlage, aber nie lebenstauglich (OK, es war in den 70ern und 80ern). Mit Finnisch ist das eine andere Kategorie: Ich lernte es während der Schulzeit nebenbei, später neben dem Studium nebenbei und dann nach 20 Jahren Pause dadurch, dass mein Freund Finne ist. Das Interessante ist, was durch Alltag und Leben alles gut wieder abgerufen werden konnte. Mittlerweile geht mein passiv-Alltags Finnisch wieder ganz gut. Die Grammatik ist eine gute Erklärung. Aber das Hirn arbeitet nicht in Grammatik, sondern Emotion und Erfahrung, in diesem Fall. Helsingin Sanomat ist eine Zumutung, aber geht auch. Ich muss mich da auf das Nieveau Ilta-Sanomat begeben. Und was ich überhaupt nicht verstehe ist, dass die Finnen sich weigern, Estnisch zu verstehen. Das ist sooo einfach dagegen. Aber nun ja.:-) Übrigens: auch Hebräisch können sie vokal gut lernen, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wie auch immer. Ich habe den Generalverdacht, dass unsere Sprachvermittlung ziemlich falsch ist. Ich bin übrigens Ingenieur und kein Sprachgenie. Mein Alter ist 49.

    Ich möchte Sie ermutigen: Machen Sie weiter! Jatka samaa rataa!
    🙂

    Terveisin, Jörg Engelbrecht

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