Leseerlebnisse auf der Leinwand

Publiziert: 22.10.2014
Autor: Tiina Tuominen
Kategorien: Audiovisuelle Kunst, Bildung, Film

Wenn man in Finnland nach einem unvergesslichen Leseerlebnis gefragt wird, ist die Antwort womöglich ein Buch, ein Comic, ein Zeitungsartikel, vielleicht sogar ein Blog oder ein Tweet. Aber könnten übersetzte Untertitel, die auf dem Fernsehbildschirm, der Kinoleinwand oder dem Computerbildschirm gelesen werden, ebenfalls ein beeindruckendes Leseerlebnis bieten?

Untertitel gehören nämlich zu den meistgelesenen Textarten der Finnen, was auch einige finnische Studien belegen. Untertitelung hat mit großer Wahrscheinlichkeit Auswirkung auf die Lesefähigkeit und Sprachkenntnisse der Finnen.

Untertitel werden aber nicht auf die gleiche Weise gelesen wie beispielsweise Bücher. Höchstwahrscheinlich kauft sich niemand ein Kinoticket, um extra den Text am unteren Rand der Leinwand lesen zu können. Untertitel bilden vielmehr einen Hilfstext, den wir nur so in dem Maße lesen, dass wir fremdsprachige Programme verstehen können. Eine Untertitelung ist auch gerade dann gelungen, wenn der Zuschauer nicht an das Lesen denkt, es passiert einfach, fast wie aus Versehen. Genau dies mag der Grund sein, wieso Untertitel es nicht auf die Liste der ganz großen Leseerlebnisse schaffen.

Weil Untertitel einen schnell durchzulesenden Hilfstext bilden sollen, werden an die Untertitelung strenge Qualitätsanforderungen gerichtet:  Es darf nicht zu viel Text auf dem Bildschirm sein, sondern die Sprache muss zu kurzen, prägnanten Texteinheiten verdichtet werden. Die Untertitel dürfen nicht wahllos auf dem Bildschirm aufflackern, sondern müssen mit dem Rhythmus des Programms fließen. Die Sprache der Untertitel muss korrekt sein und in den Mund der jeweiligen Person passen. Falls eine Untertitelung diese Kriterien nicht erfüllt, zwingt sie den Zuschauer, seine Aufmerksamkeit auf das Lesen zu richten. Ist die Untertitelung aber gelungen, konzentriert sich der Zuschauer nicht auf das Lesen, sondern auf das Programm selbst. Man kann also sagen, dass eine Untertitelung normalerweise dann im Gedächtnis bleibt, wenn das Erlebnis nicht so gelungen war.

Trotz ihrer Unauffälligkeit sind Untertitel ein wesentlicher Bestandteil der finnischen Lesekultur. Die großen Gefühle in Spielfilmen und Fernsehprogrammen werden oft mit Hilfe von Untertiteln vermittelt. Es könnte interessant sein, sich einmal daran zu erinnern, was man alles überhaupt schon auf dem Bildschirm gelesen hat,  und welche Wörter und Sprüche durch die Untertitel ein Teil des eigenen Sprachgebrauchs geworden sind. Dank der Untertitel habe ich in meine eigene Sprache unter anderem das Wort „Urlaubchen“ (auf Englisch mini break) aufgenommen, ein Wort, das ich in Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit von Bridget Jones gelernt habe.

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– Tiina Tuominen
Professorin für Multilinguale Kommunikation und Translationswissenschaft, Audiovisuelle Übersetzung, Universität Tampere

Weitere Informationen zur finnischen Fernseh- und Spielfilmübersetzung (auf Englisch).

In einem Video (in sieben Sprachen untertitelt  − wie sollte es auch anders sein) erklären finnische Kulturpersönlichkeiten, wie wichtig Untertitel sind. Um die Untertitel angezeigt zu bekommen, wählen Sie diese bitte unter den Einstellungen rechts unter dem Video aus.

Prof. Tiina Tuominen nimmt als Gesprächspartnerin an der Diskussion „Welchen Einfluss hat die elektronische Form auf das Lesen? Im Fokus: Untertitel und Computerspiele“ am 5.11. im Finnland-Institut Teil.

Übersetzung des Blogtextes aus dem Finnischen: Meri Holmela

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