Too cool for school? Von wegen!

Publiziert: 19.06.2015
Autor: Laura Niebling
Kategorien: Audiovisuelle Kunst, Film, Gesellschaft, Medien und Presse, Musik, Wirtschaft

Die „Modern Heavy Metal“-Konferenz in Helsinki und ihre Bedeutung für den finnischen Kulturmarkt

„Die vielleicht entspannteste akademische Vereinigung der Welt“ traf sich kürzlich unter dem Titel „Modern Heavy Metal: Markets, Practices and Cultures“ in Helsinki. Medienwissenschaftlerin und Musikjournalistin Laura Niebling war für das Magazin RockHard vor Ort.

In vielen Wissenschaften steckt der Teufel im Detail – in den Metal Music Studies ist er omnipräsent und die Forscher können ihre Verzückung über diesen Umstand gelegentlich kaum verbergen. Da werden Bücher zu seiner Figur geschrieben, Vorträge über ihn gehalten und man begrüßt sich morgens beim ersten Konferenz-Kaffee schon mal mit den berühmten mano cornuta – der Handgeste mit den ikonisch nach oben gereckten Fingern, die je nach Anwender als Teufelsgruß oder zur Teufelsabwehr dient.

Sie sind eben doch eine spezielle Gattung, die Wissenschaftler, die sich thematisch mit Heavy Metal beschäftigen. Seit einigen Jahren sind sie in der „International Society For Metal Music Studies“ organisiert, einem interdisziplinären und internationalen Verbund, der sich jüngst wieder zum informellen Jahrestreffen in Helsinki zusammengefunden hat. Anlass war die „Modern Heavy Metal“ Konferenz an der Aalto University – School of Business, organisiert von Wirtschaftswissenschaftler Dr. Toni-Matti Karjalainen. Gemeinsam mit anderen finnischen Universitäten und der Kulturorganisation Music Finland ging es fünf Tage lang um alle nur denkbaren Zugänge zu Metal – ob als Musik, Szene und Thema in den Medien.

Natürlich ist die Begeisterung für den Teufel und das Kokettieren mit der Symbolik für die meisten Wissenschaftler dabei eher spaßhaftes Klischee im Rahmen ihres eigenen Metalfantums (das fast immer Voraussetzung für Untersuchungen in diesem Bereich ist). Und auch die Teufelsfigur im Heavy Metal ist nur ein kleiner Teilaspekt der Forschung. In Helsinki geht es in vielen Panels um essentiellere und größere Fragen. Die Bandbreite reicht dabei von der musikanalytischen Bedeutung und sozialhistorischen Herleitung der diversen Musikgenres, die unter Metal zusammengefasst werden, bis hin zu aktuellen Diskursen rund um die Metalszene als soziale Konstruktion. Zwischen Philosophen, Soziologen, Musikern und Marktforschern gibt es dabei sehr unterschiedliche Methoden und durchaus auch Uneinigkeit über ihre Wertigkeit.

In diesem Problem spiegeln die Metal Music Studies im Kleinen die Diskussionen, die die großen Populärmusikforschungs-Verbände seit Jahrzehnten prägen. Und auch die Reputation teilt man sich mit den großen Organisationen. In Zeiten, in denen Verbände wie die „International Association For The Study Of Popular Music“ verzweifelt versuchen italienischen Instituten zu helfen, ihre Popmusik-Forschung zu bewahren, schreiben sich auch Forschungsanträge zu Metalthemen nicht leicht.

Dabei lässt sich das Wissen aus einzelnen Szenen anwenden auf größere wissenschaftliche Zusammenhänge. So fanden Forscher an der Cornell Universität beispielsweise heraus, dass sich Menschen im Moshpit eines Metalkonzerts mit ähnlichen Bewegungsmustern bewegten wie Moleküle in Gasen. Ein chemisches Modell auf Gruppendynamik zu übertragen, kann in nächsten Schritten vielleicht helfen sicherere Gebäude zu entwerfen – somit würden viele vom Tanzverhalten einiger Metalfans profitieren.

Über die fünf Tage vom 8.–12. Juni wurden über sechzig verschiedene Präsentationen gehalten, dazu gab es abends Konzerte, eine kleine dreistündige Kreuzfahrt vor Helsinki und am Mittwoch ein Panel zum Export finnischer Bands auf den deutschen Markt. Nicht erst seit Lordi beim Eurovision Songcontest gewonnen hat, hat sich die finnische Öffentlichkeit sehr an ihren lauten Kulturexport gewöhnt. Es verwundert also auch nicht, dass sogar der finnische Fernsehsender MTV3 bei der Eröffnung der Konferenz vor der Bühne mitfilmt. Umso überraschender scheint dagegen, dass zwei Präsentationen und die Dokumentation Metal Syndrome am Freitag implizit zeigen, dass Metal in Finnland seine Hochphase eigentlich hinter sich hat und in der Masse eher dem Rap Platz macht. Werden Metalforscher also in Sachen Finnland bald zu Historikern? Mitnichten. Während der Konferenz-Woche zeigen zwei Konzertabende die junge finnische Metalszene, die durchweg durch außergewöhnliches Talent und Präzision auffällt. Weil sie Englisch singen liegt ihr Markt, genau wie der der alteingesessenen finnischen Bands, im deutschsprachigen Raum. Der allerdings ist inzwischen selbst überlastet mit aktuellen Produktionen und erfordert gezielte Marketingstrategien und Szenewissen. Da ist er also wieder – der Teufel im Detail. Und für die Kulturindustrie Finnlands wird es in Zukunft immer wichtiger sein, dass jemand ihn analysiert.

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Laura Niebling forscht als Medienwissenschaftlerin zur Musikfilmgeschichte, besonders Rockumentaries, und arbeitet als Journalistin im Bereich Musik und Wissenschaft.
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28.8.–25.9.2015 Finnland-Institut: Raum für Musik

23.–26.9.2015 Hamburg: Reeperbahn-Festival

AusFinnland 2015–2016: Die finnische Musik kommt nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz

Von links / vasemmalta oikealle: Markus Vanhala (Insomnium), Laura Niebling (Autorin / kirjoittaja) und Esa Holopainen (Amorphis)
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