Narrenschiff, ahoi

Publiziert: 26.02.2013
Autor: Heikki Aittokoski
Kategorien: Medien und Presse, Wissenschaft

„Ja würt all gfchrifft vnd ler veracht / Die gantz welt lebt in vinftrer nacht / Vnd dut in fünden blint verharren / All ftraffen / gaffen / findt voll narren.“

Diese Strophen beschreiben die Weltanschauung von Sebastian Brant (1457-1521), einem Juristen, der sein Leben am Rhein in Straßburg und Basel verbrachte. Das Zitat stammt aus seinem Werk Narrenschiff (Das Narren Schyff).

In moderner Übersetzung lautet die Textpassage:

„Ja, Schrift und Lehre sind veracht’t / Es lebt die Welt in finstrer Nacht / Und tut in Sünden blind verharren; Alle Gassen und Straßen sind voll Narren.“

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Porträt von Sebastian Brandt und ein Bild aus dem Narren Schyff, 1494

Welcher Sebastian Brant? Was für ein Narrenschiff? Und was hat das mit mir, einem finnischen Journalisten und Autor zu tun?

Viele kennen Brant nicht, obwohl er einer der ersten europäischen Erfolgsautoren nach Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks war. Er veröffentlichte sein Narrenschiff in Basel im Jahr 1494, vff die Fasenaht. Das Werk verbreitete sich wie ein Lauffeuer– und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern im gesamten westlichen Europa. Übersetzungen und Kopien gab es zumindest in den Niederlanden, in Frankreich und in England.

Das Narrenschiff ist eine Moralpredigt in Versform. Es verspottet die Gierigen, die Niederträchtigen, die Machtbesessenen, die Streitsüchtigen, die Heuchler, die Unzüchtigen – beinahe alle denkbaren Sündenböcke.

Das Buch setzt sich aus 112 Gedichten zusammen und jedes Kapitel wird durch ein Holzschnitt illustriert. Die meisten der Illustrationen stammen von Albrecht Dürer, einem damals 23-jährigen Genie aus Nürnberg.

Ich habe das Narrenschiff vor einigen Jahren durch Zufall entdeckt und verliebte mich in die spätmittelalterlichen Moralpredigten. Die Parallelen zwischen dem Werk Brants und meiner Arbeit, unserer Welt, waren meiner Meinung nach unübersehbar.

Ich arbeite seit 17 Jahren als Auslandsredakteur bei der finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat, u.a. auch als Korrespondent in Berlin. Im vergangenen Sommer begann ich mit meinem jüngsten Buchprojekt, dessen Titelwahl mir sehr leicht fiel: Narrien laiva, Narrenschiff.

Das Narrenschiff treibt unkontrolliert, es kommt nie an.

„Wir suchen nach Häfen und Gestaden / Und fahren um mit großem Schaden / Und können doch nicht treffen an / Das Ufer, wo man landen kann; / All unser Fahren ist ohn Ende, / Denn keiner weiß, wo er anlände; / So fehlt uns Ruhe Tag und Nacht, / Doch keiner hat auf Weisheit acht.“

Für mein Buch übertrug ich einige Gedichte frei ins Finnische. Hier als Kuriosität und Kostprobe der Abschnitt oben:

„Etsitään ain satamaa / matka meitä tuhoaa / rannat silmistämme vei / lujaa maata näkyvissä ei; / Määränpäätä ollaan vailla / suunta puuttuu aika lailla / levotonna päivin öin / järjen ääni kaikuu tuskin töin.“

Mein Narrenschiff besteht jedoch nicht aus Lyrik, es wird ein Sachbuch. Ich segle auf den Gewässern der heutigen Zeit. In meinem Buch zeichne ich strukturelle Ungleichheiten unserer Welt nach: Armut, Unterdrückung, Kriege, Gewalt, Gier, Korruption. Die Themen Sebastian Brants sind zeitlos und genau das fordert mich auf geradezu brutale Art und Weise heraus, die Welt zu erklären.

Die Arbeit an dem Buch führte mich bereits nach Somalia, Großbritannien, Spanien, Portugal, in die Ukraine, nach Nicaragua und Bangladesch. Einige Reisen stehen noch an. Die Seitenzahl beträgt bis jetzt ca. 120.

Der Anfang des Buches lag jedoch näher, auf der Achse Berlin – Basel – Straßburg. Für die Einleitung, um das Thema vorzustellen, begab ich mich auf die Spuren von Sebastian Brant.

Brant reiste zwar nie bis nach Berlin, aber ich konnte in der Staatsbibliothek ein Original des Buches, ein sog. Inkunabel oder Wiegendruck bewundern. So werden alle gedruckten Schriften genannt, die in Europa vor 1500 hergestellt wurden. In der Universitätsbibliothek Basel gab es davon mehrere Exemplare.

In Basel und Straßburg hielt ich nach Hinweisen aus Brants Leben Ausschau. Es gab nicht viel. Ich fand einige Plaketten an Orten, an denen er einst gewohnt hatte. Im Stadtarchiv von Straßburg wurde ich dafür fündig. Dort gab es haufenweise Dokumente. Brant verbrachte seine letzten Jahre in einem hohen Amt, als Straßburger Kanzler.

Das Spätmittelalter als Quelle der Inspiration für ein Buch, das im Herbst 2013 erscheint und sich mit der Welt dieses Jahrhunderts beschäftigt, mag weit hergeholt klingen. Aber das ist es nicht.

Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts durchlebte Europa eine Reihe von erschütternden Änderungen. Dank der portugiesischen und spanischen Eroberungsfahrten weitete sich die Welt aus. Das Weltbild wandelte sich, nicht zuletzt durch den Buchdruck. Es kam zum Kampf der Kulturen. Ringen um Religionen. Europa war gespalten.

Für einen finnischen Auslandsjournalisten bietet das Narrenschiff Denkstoff aus der Zeit von vor einem halben Jahrtausend. Es ist fast, als ob Brant mich herausfordern möchte:

“Ein Narr ist, wer durchfährt viel Land / Und lernt nicht Tugend noch Verstand, / Der als eine Gans geflogen aus / Und kommt als Gagack heim nach Haus.”

Heikki Aittokoski, 42, ist Leiter der Auslandsredaktion der finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat, der sich gegenwärtig hat freistellen lassen, um das Buch Narrien laiva (Narrenschiff) zu schreiben. Das Werk wird im Herbst 2013 erscheinen. Aittokoski hat zuvor zwei Bücher veröffentlicht: Die Deutschland-Reportage Lihavan kotkan maa (1999, Das Land des dicken Adlers) und eine Reise in die europäische Gesichte Eurooppaan raiteelta 4 (2004, Nach Europa von Gleis 4). Er hat auch einen eigenen Blog „Narrien laiva“.

Übersetzung: Emma Aulanko

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