Öffentlicher Bücherschrank

Publiziert: 13.03.2015
Autor: Kaisa Schmidt-Thomé
Kategorien: Gesellschaft, Literatur

Die Geografin Kaisa Schmidt-Thomé forscht an der Aalto-Universität und arbeitete kürzlich als Stipendiatin der Emil-Öhmann-Stiftung im Finnland-Institut. In ihrem Blog-Beitrag öffnet sie uns das Konzept der Duisburger „Öffentlichen Bücherschränke“.

Die Landschaft meiner Kindheit wurde einmal wöchentlich von einer Bücherei auf Rädern besucht. Diesem Büchermobil  ist es zum Teil zu verdanken, dass das Lesen für mich fast genauso wichtig ist wie das Atmen. Als ich von den Öffentlichen Bücherschränken in Duisburg gehört habe, war ich sofort im Geiste dabei. Nachdem ich an Ort und Stelle war, wollte ich die Regeln des funktionierenden Konzepts notieren. Öffentliche Bücherschränke gibt es auch in anderen Städten, aber das Grundprinzip des DU liest!-Projekts ist offensichtlich gut durchdacht.

Ein Öffentlicher Bücherschrank funktioniert nach dem Prinzip, dass jeder Bücher nehmen, geben und tauschen kann und auch eine Möglichkeit hat, seine Erlebnisse mit anderen zu teilen. Die Bücher im Schrank sind mit einem DU liest!-Aufkleber gekennzeichnet, und den Aufkleber erhalten alle für das Projekt gespendeten Bücher, sobald man nur die Zeit hat sie zu verarbeiten. Denn der Fluss von Büchern ist nicht zu stoppen. Bis jetzt wurden ungefähr 200.000 Bücher für die Bücherschränke gespendet!

Die Bücherschränke sind sehr zentral platziert, sowohl in den brandneuen Einkaufszentren der Innenstadt (Forum und Königsgalerie), als auch in den Knotenpunkten der Vorstädte. Es gibt fünfzehn Bücherschränke und neue werden bestimmt dazukommen, solange nur mit Hilfe von ehrenamtlicher Arbeit gesichert werden kann, dass die Ergänzung neuer Bücher in die Regale fliesend läuft.

Wenn man an einem Buch im Schrank Gefallen findet, kann man es umsonst mitnehmen, ohne dass etwas als Ersatz hingebracht werden muss. Das Buch, das man mitgenommen hat, kann später natürlich zurückgebracht werden, damit es wieder alle lesen können, aber genauso gut kann man es behalten. Das Nehmen ist nicht nur erlaubt, es wird erhofft. Wenn die Bücher in Umlauf kommen,  erreicht auch das Lesen als Hobby immer neue Leute.

Das Geben von Büchern tut sowohl Duisburg als auch den Spendenden gut. Beim Spenden eines Buches wird dem Anderen auch die Möglichkeit des Nehmens geschenkt, was bestimmt eine Motivation für die Spender darstellt. Dies wird auch an der Auswahl an Büchern sichtbar: Das Projekt dient nicht dazu, eine endgültige Bleibe für unerwünschte Platzfüller im Bücherregal zu finden, sondern es dient als Möglichkeit, für gut befundene Leseerlebnisse mit anderen zu teilen. Gleichzeitig kommt Platz für neue Bucherwerbungen in das Bücherregal des Spenders.

Die Einwohner können sich bereit erklären Schrankpaten zu werden, die dafür sorgen, dass passend vielseitiges Material immer zur Verfügung steht. Der Sinn der Sache ist, dass es etwas für jeden gibt. Ein Schrankpate kann den Benutzern behilflich sein, diese können aber auch frei mit anderen Schrankenthusiasten Erlebnisse austauschen. Die Schränke fungieren also auch als Treffpunk für die Einwohner der Stadt.

Hinter der Bücherschrank-Aktion steht die Bürgerstiftung Duisburg, die in ihrer Rolle bestimmt eine der aktivsten in Deutschland ist. Das 2012 gestartete DU liest!-Projekt ist also keine dezentralisierte Stadtbibliothek, sondern eine Serie Stadtbücherschränke, die allen kostenfreien Lesegenuss ermöglichen will. Genauso wie das Büchermobil in meiner Kindheit es getan hat.

– Kaisa Schmidt-Thomé

Übersetzung aus dem Finnischen: Meri Holmela

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