SOOLO: Stimmen der zeitgenössischen Musik

Publiziert: 31.10.2013
Autor: Olli Virtaperko
Kategorien: Gesellschaft, Musik

Unter den Bedingungen der Mittelmäßigkeit

Historisch betrachtet ist die Beziehung zwischen der zeitgenössischen Kunst und der sie umgebenden Gesellschaft im westlichen und nördlichen Europa erstaunlich stetig und friedlich. Die Nationalstaaten nahmen sich aus freien Stücken der Aufgabe an, KünstlerInnen zu unterstützen, und verdrängten damit die traditionellen Geldgeber wie etwa die Kirche sowie private Sponsoren . Als Geldgeber verhielt sich der Staat großzügiger und liberaler als die Kirche und die säkularen Geldfürsten. So konnten KünstlerInnen praktisch frei schalten und walten, ohne dass sich der Staat dafür interessiert hätte, was für inhaltlich-ethische Entscheidungen seine Schützlinge trafen. Nach dem Peer Review-Prinzip konnten KünstlerInnen selbst mitentscheiden, welche Kunst unterstützt wird und welche nicht. Dadurch konnten sich die Künste unter ihren eigenen Bedingungen und mehr oder weniger unabhängig von der sie umgebenden Gesellschaft entwickeln. Professionelle Künstler wie ich hatten so die Möglichkeit, sich außergewöhnlich frei ausdrücken zu dürfen, – und sich auch grenzenlos daran ergötzt.

Risse im Zusammenleben

Während der letzten Jahre hat die friedliche Koexistenz der KünstlerInnen und der Gesellschaft allerdings Risse bekommen, und der Gesellschaftsvertrag zwischen beiden wurde erschüttert. Die PolitikerInnen, die wie ein Spektrum die Meinungen der BürgerInnen reflektieren, zeigen zunehmend den Wunsch, sowohl auf die Inhalte der Kunst als auch auf die Zielsetzungen der Kunstfinanzierung einzuwirken. Gleichzeitig ist auch das freigiebige staatliche Kunstförderungsmodell kritisiert worden. Der kulturpolitische Status quo schwankt in alle Richtungen: nach rechts, nach links und zur Mitte. Vom Grundsatz her wollen die Rechtsparteien die Rolle des Staates als Kunstförderer verringern. Die Linksparteien, die traditionell die staatliche Kunstfinanzierung unterstützen, haben flächendeckend an politischer Zustimmung verloren; dazu kommt, dass sie sich von ihren früheren kulturpolitischen Ansichten distanziert haben. Selbstverständlich sind verschiedene nationalistisch gesinnte, populistische Parteien die eifrigsten Gegner der Hochkultur unserer Zeit. Ihr stetig wachsender Rückhalt in ganz Europa zeigt  sich mit kleiner Verzögerung auch in der Kulturpolitik der anderen Parteien.

Ein hochaktuelles und für die KünstlerInnen alarmierendes Beispiel für den Wandel des kulturellen Klimas kommt aus den Niederlanden. Dort hat die rechtextreme nationalistische populistische Partei PVV ihren Stimmenanteil bei der Wahl 2010 verdoppelt, was auch in der Politik der traditionell führenden Parteien Spuren hinterlassen hat.  Der Anteil der Kultursubventionen in den Niederlanden wurde um bis zu 25% reduziert, was ein beunruhigender, wenn auch deutlicher Hinweis auf die Auswirkung der politischen Entscheidungen auf die gesellschaftliche Realität ist.  Gleichzeitig macht es aber auch darauf aufmerksam, wie rasch ein auf lange Sicht und mit großen Visionen entwickelter Fördermechanismus doch auch gegen die Wand gefahren werden kann.

Kunst als Bühne des Individualismus

Politik heißt Entscheidungen über gemeinsame Angelegenheiten treffen, und für eine repräsentative Demokratie ist es typisch, dass der Mittelwert der Meinungen als Maßstab für die Entscheidungen gilt. Durch Demokratie kann man nie etwas Radikales erreichen – weder gegen den Klimawandel kämpfen, noch die ökologische Katastrophe aufhalten oder überhaupt derartige Entscheidungen treffen, die den kurzfristigen Vorteilen der Mehrheit der WählerInnen widersprechen würden. Die mittelmäßige und kurzsichtige Masse produziert auch mittelmäßige und kurzfristige Gedanken, die die PoltikerInnen – den WählerInnen gleich – verwirklichen. Die Kunst dagegen ist eine Bühne der Sonderindividuen, neuer Gedanken und des Individualismus. Es liegt auf der Hand, dass sich die Interessen von KünstlerInnen und Sponsoren – das heißt vom gemeinen Volk – im Augenblick stark voneinander unterscheiden. In der heutigen, für die Hochkultur stets problematischer werdenden Wirklichkeit dürfte es deswegen kaum etwas Überraschendes geben. Eher scheint es so, als ob die Demokratie mit kleiner Verzögerung  funktionieren würde: Die Masse, die alles Neue und Experimentelle hasst, Durchschnittlichkeit aber liebt, hat angefangen, mittelmäßige, formlose und sinnentleerte Kunst zu verlangen. Und durch politische Entscheidungsprozesse bekommt sie sie auch von den KünstlerInnen, die bereit sind, ihre Inhalte den Forderungen des neuen kulturellen Klimas anzupassen .

Unter diesen Umständen erwartet die KünstlerInnen, die ihrem eigenen Ausdruck treu bleiben wollen, eine karge  und unsichere Zukunft. Auf der anderen Seite kann der sich immer mehr verschärfende Interessenkonflikt zwischen ihnen und dem sogenannten gemeinen Volk auch zu neuen und überraschenden künstlerischen Durchbrüchen führen. Unterschiedliche Krisen boten schon immer eine fruchtbare Erde für die KünstlerInnen und deren Ausdruck. Die Verarmung der geistigen Stimmung Europas, das überall wogende, ekelhafte nationalistische Pathos, die populistische Politik und die Zukunft ohne kulturelle oder wirtschaftliche Aussichten sind für eine/n Künstler/in wie ein Heizkessel, der bei wachsendem Druck schließlich explodiert. Die künstlerischen Folgen der Explosion können interessant und auf verschiedenste Weise fruchtbar sein. Deswegen sollte man die Zukunft hoffnungsvoll abwarten. Selbst wenn sich das private Leben der KünstlerInnen noch weiter verschlechtert und es schwieriger wird, professionelle Kunst zu machen, kann die Kunst an sich auf der inhaltlichen Ebene regenerierenden Antrieb aus dem Konflikt bekommen, der zwischen den MacherInnen und der ihnen feindlich eingestellten Gesellschaft herrscht.

Die KünstlerInnen leiden – die Kunst überlebt.

Olli Virtaperko (geb. 1973) ist Helsinkier Komponist, Musikjournalist und Künstlerischer Leiter vom Tampere Biennale -Festival der zeitgenössischer Musik.

Übersetzung: Jutta Reippainen

Lesen Sie auch: SOOLO: Stimmen der zeitgenössischen Musik – Eero Hämeenniemi.

Olli Virtaperko. Photo: Jaakko Lehtinen
Background image