Ein Sprung in die Welt der finnlandschwedischen Literatur

Publiziert: 30.11.2014
Autor: Rebecca
Kategorien: Literatur

Ein Interview mit Agneta Rahikainen.

In Finnland hat die Tradition der schwedischsprachigen Moderne in 1916 mit der ersten Gedichtsammlung von Edith Södergran und dem ersten Roman von Hagar Olson begonnen –  zu dieser Zeit war in Mitteleuropa die Literatur der Moderne schon ein Begriff. Nach Agneta Rahikainen etablierte sich die schwedische Moderne im Vergleich zu den anderen nordischen Ländern und der finnischsprachigen  Moderne relativ früh. Der Grund dafür ist womöglich die Tatsache, dass die  finnlandschwedischen Autoren nicht nur eine Minderheitensprache sondern auch die Mehrsprachigkeit repräsentierten. „Für diese Vertreter der Moderne war es einfach, Einflüsse aus der ganzen Welt aufzunehmen. Henry Parland und Edith Södergran konnten außer Schwedisch auch noch Finnisch, Deutsch, Französisch, Russisch und Englisch“, erzählt Rahikainen.

Die Mehrsprachigkeit war auch die Bedingung für die Erreichbarkeit der finnlandschwedischen Moderne in der ganzen Welt. Nach Rahikainen beinhaltet die Moderne eine Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Welten, gegenüber dem Neuen und Urbanen.

Letztendlich hatten die finnlandschwedischen Modernisten in ihrer Zeit nicht sehr viel gemeinsam, und es handelt sich vor allem nicht um eine homogene literarische Tradition. „Sie haben eigentlich nicht zusammengearbeitet. Alle teilten aber die Bewunderung für Södergran, denn sie war ihr Leitstern“, fügt Rahikainen hinzu. Södergran wird auch oft als Pionierin der finnlandschwedischen Moderne bezeichnet. Sie wurde  1892 in St. Petersburg als Kind einer mittelständischen  Familie geboren, und ist 1923 sehr jung in Finnland gestorben.

Für diesen Blogbeitrag hat Rahikainen ein Gedicht ausgewählt, das  sie persönlich anspricht. Das ausgewählte Gedicht Vierge moderne gehört zu den bekanntesten Werken Södergrans. „Dieses Gedicht bedeutet mir sehr viel, denn es sagt so viel darüber, wie man eine Frau definieren oder eben nicht definieren kann.“

Vierge Moderne

Keine Frau bin ich. Ich bin ein Neutrum.Ich bin ein Kind, ein Page und ein mutiger Entschluß,
ich bin einer Scharlachsonne lachender Streif…
Ich bin ein Netz für alle gefräßigen Fische,
ich bin ein Kelch für aller Frauen Ehre,
ich bin ein Schritt auf Zufall und Verderben hin,
ich bin ein Sprung in die Freiheit und das Selbst…
Ich bin Flüstern des Blutes im Ohr des Mannes,
ich bin ein Schüttelfrost der Seele, Fleischesverlangen und Verweigern,
ich bin ein Schild am Tor zu neuen Paradisien.
Ich bin eine Flamme, suchend und verwegen,
ich bin ein Wasser, tief doch kühn bis zu den Knien,
ich bin Feuer und Wasser zu freien Bedingungen ehrlich verbunden…

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Agneta Rahikainen ist Programmleiterin der Schwedischen Literaturgesellschaft. Sie hat unter anderem das Buch Kampen om Edith – Biografi och myt om Edith Södergran (auf Deutsch Kampf um Edith – Biographie und Mythos von Edith Södergran) geschrieben.

Am  1. Dezember wird die finnlandschwedische Dichtkunst der Moderne, oder besser gesagt der Avantgarde,  im LCB (Literarisches Colloquium Berlin) in Form von einem Seminar, einem Vortrag und einer Diskussion vorgestellt.

Übersetzung des Blogtextes aus dem Finnischen: Meri Holmela

Übersetzung des Gedichts aus dem Schwedischen: Klaus-Jürgen Liedtke, der auch Hauptarrangeur des Symposiums ist.

© Cata Portin
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