„Verrücktsein“ als Forschungsgegenstand

Publiziert: 4.11.2015
Autor: Christian Ahonen
Kategorien: Bildende Kunst, Gesellschaft, Wissenschaft

Petteri Pietikäinen ist Historiker und beschäftigt sich als Professor für Wissenschafts- und Ideengeschichte der Universität Oulu mit der Geschichte mentaler Erkrankungen. In seinem Buch Madness: A History zeigt er auf, wie sich die Interpretation von Geisteskrankheit im Laufe der Geschichte und im Kontext verschiedener Kulturen verändert hat. Christian Ahonen interviewte Pietikäinen im Vorfeld der Podiumsdiskussion Belonging in Times of Exclusion. Illness Through History and Across Cultures.

Die Erforschung psychischer Erkrankungen und dessen, was landläufig als „Verrücktsein“ gilt, und die Weiterentwicklung geeigneter Behandlungsformen sind hochaktuelle Themen. Ihr Buch Hulluuden historia (dt. „Geschichte des Verrücktseins“) wurde 2013 als bestes Sachbuch mit dem Kanava-Preis der Buchstiftung Otava und der Zeitschrift Kanava ausgezeichnet. Wann sind Sie dem Thema „Verrücktsein“ zum ersten Mal begegnet?
– Als Kind führte mein Schulweg durch das Gelände der Zentralklinik für Psychiatrie in Oulu. Ein bedeutender Punkt in meinem wissenschaftlichen Leben war, als ich als etwa 20-Jähriger die Memoiren C. G. Jungs Erinnerungen, Träume, Gedanken las. Ich erinnere mich noch, dass ich mich fragte, wie so ein Wirrkopf wie Jung einer der größten Psychologen des 20. Jahrhunderts sein könne.

Wie wird heutzutage definiert, wann ein Mensch als „verrückt“ gilt?
– Offiziell tut dies die Medizin, allerdings verwendet sie nicht den Begriff „verrückt“, sondern psychische Erkrankung. Von „Verrückten“ redet nur der Laie – daher rühren ja auch Ausdrücke wie „Bist du völlig verrückt?“

Steckt in jedem von uns etwas Verrücktes?
– Das hoffe ich! Anders gesagt, jeder ist doch mal ein bisschen verrückt, und manche sind verrückter als andere.

Welche Themen und Tendenzen sind in der Forschung bezüglich psychischer Erkrankungen aktuell?
– Die Forschungsszene ist vielfältig. Untersuchungsgegenstand sind zurzeit Behandlungsmethoden, psychiatrische Kliniken, Diagnosen und ihre Veränderungen sowie die Verknüpfung von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und sozialer Herkunft mit psychischen Erkrankungen.

Zurzeit läuft am Finnland-Institut eine Ausstellung der Künstlergruppe Sjählö 9 unter dem Titel andersartig. Was assoziieren Sie mit Själö – auf Finnisch Seili –, der Schäreninsel im südwestfinnischen Archipel?
– Es ist eine sehr schöne Schäreninsel, auf der die Universität Turku eine biologische Forschungsstation unterhält. Die Insel diente lange als Endlager von „Verrückten“, insbesondere „verrückter“ Frauen. Eine Insel mit „Vergangenheit“.

Wenn Sie nicht als Professor für Wissenschaft- und Ideengeschichte tätig wären, was würden Sie stattdessen tun?
– Ich würde am liebsten historische Romane schreiben.

Zu welchem Thema möchten Sie als nächstes forschen?
– Die zwischen 1920 und 1975 an den Bürgerbeauftragten des Parlaments gerichteten Beschwerden von Bürgern über Behördenangelegenheiten interessieren mich. Ein weiteres, nachhaltig wichtiges Thema ist, wie der Mensch sich anpasst und wie die Behörden und die öffentliche Hand den Menschen anpassen. Dazu gehört auch das auf das Soziale gerichtete Ingenieurwesen, also die wissenschaftsbasierte Sozialplanung.

Übersetzung aus dem Finnischen: Heidi Santakari

zu Petteri Pietikäinen auf der Homepage der Universität Oulu:  http://www.oulu.fi/historyofscienceandideas/node/13021

Petteri Pietikäinen: Madness: A History (Routledge, 2015), finnisches Original: Hulluuden historia (Gaudeamus, 2013) https://www.routledge.com/products/9780415713160

5.11.2015 Podiumsdiskussion: Belonging In Times of Exclusion. Illness Through History and Across Cultures

2.10.2015 − 15.1.2016 Ausstellung andersartig. Zeitgenössische Kunst der Künstlergruppe Sjählö 9

Foto: privat
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