Wir sind verschieden. Und doch ist vieles gleich.

Publiziert: 11.12.2014
Autor: Eveline Hipeli
Kategorien: Bildung, Gesellschaft, Sonstiges, Wissenschaft

Wenn es um unterschiedliche Länder geht, haben wir alle gewisse Vorstellungen  und Vorurteile. Wir stellen uns vor, dass es woanders bestimmt „besser“ oder anders  ist. Oder wir haben gehört, dass  bestimmte Dinge in einem Land besonders sind.

Für Finnland gilt: Wir in Zentraleuropa haben grossen Respekt vor ihrem Schulsystem und wir nehmen an, es sei dort – vor allem im Winter – ziemlich kalt und schneelastig. Ich hatte die Gelegenheit, mich beruflich in Lappland aufzuhalten, mir genau dieses Schulsystem aus medienpädagogischer Sicht genauer anzusehen und bei diesem kurzen Aufenthalt habe ich viel gelernt.

Als ich nach Lappland kam, erwartete ich Schnee und Eis. Es erwarteten mich Nebel und Regen und „warme“ 5 Grad plus. Ich hatte auch erwartet, dass ich den hiesigen Dialekt mit meinem Finnisch vielleicht nicht so gut verstehen würde, und wurde auch dabei eines Besseren belehrt. Auch war ich sehr aufgeregt, denn ich sollte tatsächlich nicht nur eine Vorlesung auf Englisch halten, sondern auch auf Finnisch – ein absolutes Novum für mich. Aber auch diese Herausforderung stellte sich als lehrreich und positiv heraus. Es war wahnsinnig spannend, die verschiedenen Schulsysteme der Schweiz und von Finnland miteinander zu vergleichen. Und dabei Vorurteile zu thematisieren –und auch zu relativieren. Schnell wurde klar: was wir aus unserer Perspektive heraus (und mit PISA im Gedächtnis) als optimales Schulsystem ansehen, ist in den Augen der finnischen Experten nicht selten auch grosser Kritik unterworfen.

Es ist immer wieder einmal gut, wenn man sein gewohntes Terrain verlässt, und sich woanders in der Welt umsieht. Und dabei betrachtet, wie die Dinge andernorts angepackt werden. Aber nicht ohne den Blick aus der Distanz auf das eigene Land zu wagen – denn mitunter sieht man seine „Schwächen“ und „Stärken“ aus der Entfernung in einem anderen Licht. Was die Medienbildung in der Schweiz und in Finnland anbelangt, so habe ich folgendes mitnehmen dürfen. Offenbar ist die Medienbildung in der Schweiz gar nicht schlecht verankert – wir haben mit den Pädagogischen Hochschulen und den Modulen, welche die angehenden Lehrerinnen und Lehrer dort besuchen, ein gutes Fundament für die schulische Vermittlung von Medienkompetenz. Natürlich könnten es immer mehr Module und Stunden sein – das bestimmt. Aus der Sicht der finnischen Kolleginnen  und Kollegen ist unser Modell hier sogar erstrebenswert – vor allem die Praxiserfahrungen, welche unsere Studierenden mit Medienbildung bereits im Studium machen können, vermissen sie im Norden noch. Dafür hatte ich das Gefühl, dass ganz viele Informationsmaterialien, welche in Finnland für Eltern und Lehrpersonen für die Medienbildung zur Verfügung stehen, dort viel besser an einem Ort gebündelt sind: Dies hat zur Folge, dass ein Laie nicht an vielen Orten suchen muss, sondern an einem zentralen Ort idealerweise alles findet, was er braucht. Da haben wir in der Schweiz sicher noch Potential – auch wir verfügen über viel tolles Material, man muss „die Welt nicht neu erfinden“ was Medienbildung angeht. Aber es gibt relativ viele Anbieter und keinen zentralen Ort für die Dokumente. Kurz: Wir entdeckten im Gespräch ganz viele Parallelen aber auch Unterschiede. Aber die wichtigste Botschaft war sicher, dass wir viel voneinander lernen können.

Meine geliebten Nordlichter habe ich dieses Mal nicht gesehen in Lappland. Aber ich bin überzeugt, dass ich beim nächsten Mal mehr Glück haben werde. Die Wartezeit bis zum nächsten, sehnlichst herbeigesehnten Finnlandbesuch versüssen die obligaten Mitbringsel: finnische Schokolade und viel finnischer Kaugummi. Klar kann man sich auch hier fragen, weshalb man ausgerechnet Schokolade in die Schweiz importieren muss. Aber es ist eben wie mit so vielem: sie ist auf gewisse Weise gleich – aber eben doch ganz anders.

– Dr. Eveline Hipeli

Medienpädagogin, Kommunikationswissenschafterin, Pädagogische Hochschule Zürich

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