Verschiedensein macht uns Angst

Publiziert: 20.12.2013
Autor: Anna-Maija Mertens
Kategorien: Gesellschaft, Politik

In der Vorweihnachtszeit war ich in Paris, um über die Frage „Wie geht es uns in Europa?“ mitzudiskutieren. Es sollten finnische, deutsche, niederländische und französische Wahrnehmungen über Europa ausgetauscht werden, um anschließend über die Frage nachzudenken, wie es in Europa aktuell aussieht und warum immer mehr Europäer die verschiedenen nationalen Populisten als eine Antwort sehen.

Was wir zunächst feststellten, war, dass wir Europäer uns immer noch sehr wenig kennen. Der Moderator der Debatte, der Franzose Christophe Alix, Ressortleiter Wirtschaft bei der Tageszeitung Libération, erinnerte zu Beginn der Diskussion daran, dass Frankreich ja ursprünglich deswegen ein starkes Europa gewollt habe, weil die europäische Integration für die Franzosen eine Art Erweiterung Frankreichs gewesen sei. Die heutige Unzufriedenheit in Frankreich begründe sich insbesondere mit der Tatsache, dass das heutige erweiterte Europa nichts mehr mit Frankreich zu tun habe und man sich umgangen fühle.

Die Finnen wiederum verstehen Europa pragmatisch – als Mittel zum Zweck – die Niederländer, die schon immer dabei waren, betrachten ihre größeren Nachbarn stets mit einer gewissen Skepsis. Und die Deutschen? Na ja, sie brauchen Europa derzeit nicht wirklich. Was bleibt und was uns in Europa derzeit eint, sind mehr oder weniger die Unterschiedlichkeiten. Einheit in Vielfalt.

Und dies scheint auch der Treibstoff der Populisten zu sein. Unterschiedlichkeit kann als Fremdsein wahrgenommen werden, und das Fremde löst Ängste aus. Je mehr unsere Unwissenheit und unser Unverständnis gegenüber den anderen Völkern der EU wachsen, desto populärer werden die Populisten. Und da es derzeit nützlicher scheint, gegen die EU als für die EU zu wettern, können wir auch kaum Unterstützung für die europäischen Themen von unseren nationalen Politikern erhoffen.

Also freie Bahn für die Populisten?

Es gibt auch andere Kräfte als die politischen, die gegen diese Tendenzen kämpfen können. Unverständnis und Ängste können am effektivsten durch Begegnungen und Erfahrungen beseitigt werden, die konkret und fühlbar sind. Kultur hat die Kraft, Menschen durch gemeinsame Inhalte zu verbinden, und neue und belastbare Verbindungen abseits der nationalen Grenzen aufzubauen. Kultur ist auch der beste Weg, Sensibilitäten des Anderen kennenzulernen. Interkulturelle Begegnungen und sinnvolle Kulturkooperationen sind in Zeiten der Krise notwendiger denn je.

Deshalb: Es gibt etwas, was wir tun können. Die Integration und Verständigung der Menschen und Kulturen ist immer noch wichtiger als die politische Integration der Erklärungen und Verträge.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Weihnachtsfest. Und lassen Sie uns auch im kommenden Jahr unsere Kräfte bündeln, um gemeinsam die europäische Kulturverständigung voranzutreiben.

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