Von der Kunst zurechtzukommen: Katja Kettus Roman „Feuerherz“ bei Mobile Home donnerstags

Publiziert: 1.03.2017
Autor: Marika Martikainen
Kategorien: Literatur

Das Projekt Mobile Home 2017: Visionen von Heim und Heimat umfasst als ersten literarischen Akzent im Rahmenprogramm Mobile Home_donnerstags eine Lesung der Star-Autorin Katja Kettu. Ihr brandneu auf den deutschen Buchmarkt gekommener Roman Feuerherz handelt vom Schicksal zweier Frauen, die Flucht und Vertreibung erleben. Marika Martikainen hat das Buch für uns gelesen.

Der Roman Wildauge der finnischen Schriftstellerin Katja Kettu hatte nach seiner Erscheinung wochenlang den Spitzenplatz der finnischen Bestsellerliste inne. Mittlerweile wurde die Geschichte verfilmt und das Buch in über 20 Sprachen übersetzt. Feuerherz ist Kettus zweiter Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Das Buch kam am 10. Februar 2017 bei Ullstein heraus. Es wurde bereits in Finnland sowohl von Kritikern als auch Lesern gelobt und ist auch in Deutschland gut angekommen.

1930. Irga Malinen, eine junge Finnin, läuft auf Skiern um ihr Leben bis an die sowjetische Grenze. Dass Irga von einem russischen Kommunisten schwanger ist, kann ihr Vater, ein General der „weißen“ Armee, nicht akzeptieren. Die in Gewalt ausbrechende Wut ihres Vaters und der anderen Dorfbewohner lassen Irga keine Wahl: Ihren einzigen Ausweg sieht sie in der Flucht in die Sowjetunion zu ihrem Geliebten. Jenseits der sowjetischen Grenze erwartet Irga jedoch nicht ihr Geliebter, sondern ein komplett anderes, ungeplantes Schicksal – ein Schicksal, das sie für Jahrzehnte in ein Arbeitslager in Sibirien bringt. Ein Schicksal, das Irga jahrelang immer wieder dazu bringt, über die Entscheidung, aus Finnland geflohen zu sein, nachzudenken.

2015. Verna, eine junge Finnin, hat von ihrem Vater einen Brief bekommen, in dem er erzählt, einen Durchbruch in seiner Familienforschung geschafft zu haben. Die Wurzeln der Familie haben den Vater Henrik in die Republik Mari El in Russland geführt. Verna reist in das kleine Dorf Lawra und findet dort ihren Vater – tot. Die Dorfbewohner teilen Vernas Neugier und Willen nicht, herauszufinden, was mit ihrem Vater passiert ist. Nach und nach verflechten sich aber die Geschichten aus verschiedenen Zeiten und Lebenswelten miteinander. Auf der Suche nach dem Schicksal ihres Vaters bekommt Verna auch die Antwort auf die Frage, wonach ihr Vater gesucht hat: Was ist mit Vernas Großmutter passiert?

Die beiden Geschichten aus verschiedenen Zeiten geben dem Leser nicht nur einen vielseitigeren Blick auf die Handlung, sondern ergänzen sich auch stilistisch. Die Geschichte Vernas im heutigen Russland bekommt Züge eines Thrillers. Sie entwickelt sich langsam und die ungewöhnlichen Beobachtungen und unbeantworteten Fragen Vernas häufen sich an – und lassen den Leser gespannt darauf warten, was als nächstes passiert. Die Geschichte Irgas dagegen ist trotz ihres trostlosen Milieus eine zartere Geschichte über Schwesternschaft, Vertrauen und Liebe. Die vielen Erzähler und die Perspektivenwechsel zwischen Personen, die in der gleichen Zeit leben, verwirren den Leser etwas, bereichern aber gleichzeitig die Erzählung und öffnen neue Perspektiven. An einer späteren Stelle des Buches kommt noch die Perspektive eines Jungen namens Voda dazu. Kettu bringt ihren Leser zum Schmunzeln, als der Leser merkt, auf welche wahre Person Kettu sich mit Voda beziehen könnte.

Der Roman ist eine vielseitige Geschichte vom Zurechtkommen: vom Zurechtkommen ohne alles, wenn nicht sogar vom Überleben, vom Zurechtkommen ohne die Liebsten, vom Zurechtkommen mit der Vergangenheit oder ohne sie. Der Leser gewöhnt sich daran, dass die Charaktere der Erzählung dauerhaft Mangel leiden: an Essen, Schlaf, Wärme, Hygiene, Vertrauen und Glauben an die Zukunft. Schwierige Themen wie Vergewaltigung, Gewalt im allgemeinen oder das Verlieren des eigenen Kindes werden im täglichen Überlebenskampf an die zweite Stelle geschoben. In der ungekünstelten Welt von Feuerherz bekommt das Böse nicht immer, was es verdient. Den seltenen ruhigen Momenten im Buch kommt durch den Kontrast zu dem freudlosen Alltag eine noch größere Bedeutung zu: Die trostlose Welt, die Kettu beschreibt, steht einen kurzen Moment still und alles ist gut.

Trotz der schwierigen Themen – oder vielleicht gerade deswegen – schafft das Buch, den Leser zu fesseln. Die Art von Katja Kettu, Gefühle, Landschaften und Geräusche durch ihre eigenwillige ausdrucksvolle Wörterwelt zu beschreiben, fasziniert neben den alten Kettu- oder Wildauge-Fans sicherlich auch viele neue Leser.

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Autorenlesungen von Katja Kettu im Frühjahr 2017 im Programm des Finnland-Instituts:
23.3. Berlin, Finnland-Institut
24. und 25.3. Leipziger Buchmesse

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Gesamtflyer der Berliner Veranstaltungen von
Mobile Home 2017

Mobile Home 2017 ist eine gemeinsames, transnationales Projekt der Finnland-Institute in Berlin, Brüssel, London und Paris im Rahmen des Festjahres „Finnland wird 100„.

Katja Kettu. © Verlag WSOY/Amir + Ofer
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