Von Unschuld zu Raserei

Publiziert: 23.09.2015
Autor: Celia Hillo
Kategorien: Musik

Der 21-jährige Helsinkier Rapper Noah Kin gehört aktuell zu den leuchtendsten finnischen Musikgestalten und sammelt mit seinem Elektrobeat-geprägten Hip-Hop auch außerhalb Finnlands großes Lob. Celia Hillo berichtet er von der Inflation des finnischen Hip-Hop und davon, dass man beim Videodreh auch kreative Verrücktheit braucht.

Ihr Debüt-Album No Matter the Season wurde 2011 veröffentlicht, danach sind noch zwei weitere Alben erschienen. Wie hat sich Ihre Musik im Laufe dieser Jahre verändert?
– Ich würde sagen, dass sie mehr und mehr nach mir klingt. Alles, was ich vorher gemacht habe, waren Experimente; jetzt habe ich mein eigenes Ding gefunden. Ein 17-jähriger unschuldiger Junge hat sich in einen zynischen und heftigen Kerl verwandelt!

Was sind Ihre wichtigsten Inspirationsquellen?
– Mein eigenes Leben: alle Gefühle, Erfahrungen, Menschen. Ohne sie wären meine Musikstücke nicht entstanden. Doch auch die Musik, die ich höre, beeinflusst mich natürlich.

Wie würden Sie die Lage des finnischen Hip-Hop beschreiben?
– Momentan herrscht eine Art Inflation − das passiert immer, wenn ein Genre Richtung Mainstream geht. Es gibt dann zu viele Akteure und alle versuchen, an den Anderen dran zu bleiben, vergessen aber gleichzeitig den Wert der Qualität. Andererseits ist der finnische Hip-Hop jetzt interessanter als je zuvor und ermöglicht völlig neuen Künstlern den Durchbruch.

Wenn Sie kein Musiker oder Producer wären, was würden Sie stattdessen machen?
– Musik ist ein so großer Teil meiner Persönlichkeit, dass unvorstellbar für mich ist, sie hätte mein Leben weniger beeinflusst als jetzt. Im Prinzip könnte ich ja alles Mögliche machen, aber das ist nunmal das Tollste in meinem Leben. Vielleicht schaue ich dann mal im nächsten Leben?

Ihr Video You never asked wurde in Berlin gedreht – wie war das?
– Der Regisseur Taito Kawata hatte die Vision, dass wir nach Berlin fahren, um das Skaten zu filmen. Alles klang extrem gut, bis wir am ersten Drehort waren und er hinter der Kamera rief: „Zieh mal das T-Shirt aus!“ Ich vertraue Taito hundertprozentig und gehorchte prompt. Anfangs war ich etwas skeptisch, aber letztendlich wurde das Video wirklich emotionsgeladen. Mir ist auch wichtig, dass man seine Verletzlichkeit, Unzulänglichkeit zeigen kann, und diese Erfahrung war sehr hilfreich, um das zu verinnerlichen.

Sie waren schon Vorband von Kendrick Lamar, hatten im Frühjahr einen Auftritt in Berlin, und jetzt ist das Reeperbahn Festival in Hamburg dran. An welchen Auftritt erinnern Sie sich am liebsten?
– Im letzten Januar wir, die Band und ich, nach Wien gereist, wo eine echte Überraschung uns erwartete. Irgendwie hatte ich gedacht, dass wir vor 200−300 Zuhörern auftreten würden, aber tatsächlich war Platz für fast dreimal so viele! Wir waren eh skeptisch und dachten, wir können froh sein, wenn überhaupt jemand kommt. Aber dann wurde es total voll, die Leute waren begeistert, die Stimmung ging durch die Decke und ich konnte die Energie spüren. Das war ein Super-Auftritt!

Welchen Stück haben Sie als letztes gehört?
Empress Of von Kitty Kat. Echt Hammer!

Das Interview führte Celia Hillo.

Übersetzung aus dem Finnischen: Heidi Santakari

Reeperbahn-Festival 23.–26.9.2015
Noah Kin beim Reeperbahn-Festival 2015:
24.9. 15.45 Uhr im Sommersalon
26.9. 23.50 Uhr in Angie’s Night Club

AusFinnland: Musik aus Finnland in Deutschland, Österreich und der Schweiz

@ Taito Kawata
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