Wie misst man Kultur?

Publiziert: 19.12.2014
Autor: Emma Aulanko
Kategorien: Bildende Kunst, Gesellschaft, Politik, Sonstiges, Wissenschaft

Emma Aulanko hat sechs Jahre lang die Planung und Umsetzung des Kulturprogramms am Finnland-Institut geleitet. Im Dezember 2014 endet turnusgemäß ihre Amtszeit. Für den Blog hat sie sich mit einer Frage beschäftigt, mit der das Finnland-Institut ständig konfrontiert wird: Wie misst man Kultur?

Als ich in den letzten Wochen meinen Schreibtisch aufräumte und meinen Abschied vom Finnland-Institut vorbereitete, gingen mir zahlreiche Fragen durch den Kopf: Was war? Und wie war es? Aber auch: Warum war es so, wie es war? Und was hat es gebracht?

Nicht nur in Finnland werden die öffentlichen Mittel und die Bereitschaft, diese für Kultur auszugeben, immer knapper. Daraus folgt ein recht logischer Wunsch, möglichst genau messen zu können, wo das noch vorhandene Geld am den größten Nutzen bringt?

Messen und Nutzen im Zusammenhang mit Kultur? Messen heißt, quantitative Indikatoren zu entwickeln, deren Erhebung im Rahmen des Machbaren liegt. Oft, so mein Gefühl, misst man das, was gemessen werden kann, nicht das, was die eigentlichen Ergebnisse sind. So sagen Besucherzahlen oder der Anzeigenwert der Medienberichte wenig über die tatsächliche Wirkung aus. Die Wirkung sieht man häufig erst nach Jahren – und sie ist ein Ergebnis von unendlich vielen Faktoren.

Ein Beispiel: 2010 zeigte die Künstlerin Niina Lehtonen Braun das erste Mal im größeren Umfang ihre wunderbaren Collagen der Serie Mother said im Finnland-Institut als Teil der Gruppenausstellung Ausgrabungen des Alltags. Als wir direkt im Anschluss an die Ausstellung die Ergebnisse betrachtet haben, war der Gesamteindruck gut: die Besucherzahlen waren ok, die Sichtbarkeit auch und die vielen Kommentare der Ausstellungsbesucher sind außerdem besonders positiv aufgefallen.

Erst aus der heutigen Perspektive werden die Ergebnisse deutlich. Auf die Ausstellung folgten weitere Einladungen in Berlin, Gruppen- und Einzelausstellungen in Deutschland, Schweden und Finnland, Stipendien, verkaufte Werke, u.a. an die Staatliche Kunstsammlung Finnlands und ein Kunstbuch. Natürlich war nichts davon eine unmittelbare Folge der Ausstellung im Finnland-Institut, sondern das Ergebnis harter, qualitativ hochwertiger Arbeit der Künstlerin.

Der Projektcharakter von Kulturarbeit führt dazu, dass häufig Zeit und Geduld fehlen, die langfristigen Wirkungen zu betrachten. Und wenn sie eintreffen, ist das Projekt längst abgeschlossen und abgerechnet. Wenn die Zielsetzung so definiert wird, dass sie kurzfristig quantitativ messbar sein muss, hat das zwangsläufig direkten Einfluss auf die Inhalte, die gefördert werden.

Das Großprojekt, das das finnische Kulturleben in den vergangenen Jahren geprägt hat, ist Finnland als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2014. Sämtliche Beteiligte – auch wir, die für das Satellitenprogramm COOL2014 zuständig waren – sind von den ersten Ergebnissen überwältigt: Anzahl der Medienberichte, Veranstaltungen, Partner etc. Aber was folgt daraus, wie kann das erweckte Interesse an finnischer Kultur gepflegt werden?

Weil gerade die Jahreszeit für Wünsche ist, erlaube ich mir einen: dass alle Beteiligten sich für die Nachbereitung von diesem und weiteren großen Projekten genau so viel Zeit nehmen wie für die Vorbereitung. Das haben die Kunst, Künstler, Projekte und Partner verdient. Erst in der zeitlichen Perspektive lassen sich die tatsächlichen Ergebnisse, der Nutzen, feststellen.

Ja, Nutzen. Und für wen überhaupt? Aleksi Malmberg, Leiter des Finnland-Institus in den Benelux-Ländern, berichtete kürzlich von einer längeren Debatte in der Generalversammlung des EUNIC-Netzwerkes in Brüssel, bei der es darum ging, ob die europäischen Kulturinstitute eher nationale oder europäische Interessen vertreten sollen. Es überrascht mich nicht, dass die Meinungen geteilt sind, schließlich landet man bei dieser Diskussion schnell bei der Frage nach der Existenzgrundlage der nationalen Kulturinstitute. Und dennoch bleibt für mich ein fahler Beigeschmack, wenn die Kulturarbeit lediglich zum Werkzeug von Nationen- oder Kontinentenbranding wird. Als Idealistin glaube ich nämlich an den Eigenwert der Kunst und Kultur. Und gerade deshalb teile ich Aleksi Malmbergs Ansicht gern und aus Überzeugung: „Ich dachte, wir sind für die Kultur da.“

Emma Aulanko, Kulturreferentin des Finnland-Instituts 2008–2014

Foto: Bernhard Ludewig
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