Die Autorin Sofi Oksanen, die finnische Sauna und die Zweisprachigkeit des Landes bildeten das Finnland-Image auf der Frankfurter Buchmesse 2014

Julkaistu: 12.10.2017
Kirjoittaja: Helmi-Nelli Körkkö
Kategoriat: Kirjallisuus

In Frankfurt läuft aktuell die weltweit größte Buchmesse, diesmal mit dem Ehrengast Frankreich. 2014 hieß der Ehrengast Finnland, und dies hat seine Spuren auch in der literaturwissenschaftlichen Forschung hinterlassen. Helmi-Nelli Körkkö hat sich in ihrer Dissertation mit dem Ehrengastkonzept auseinandergesetzt und analysiert, was für eine Plattform der Ehrengastauftritt dem Literatur- und dem Kulturexport des Gastlandes bietet. Die Untersuchung zeigt, dass das Ehrengastkonzept den Literaturexport eng mit einem länderbezogenen Rahmen verknüpft. Helmi-Nelli Körkkö hat uns Einblick in ihre Forschungsergebnisse gegeben.

Helmi-Nelli, seit wann hast Du Dich mit ”Ehrengast Finnland bei der Frankfurter Buchmesse” beschäftigt?

”Ich habe die Planung und Durchführung bereits seit 2012 verfolgt. Die Tragweite des Projekts wurde jedoch erst zum Zeitpunkt des Geschehens in Frankfurt klar. Finnland war überall zu sehen, sowohl in der Stadt als auch auf dem Messegelände. Als Finne hat man natürlich auch gleich zahlreiche Prominente aus Finnland erkannt; bekannte Autoren und Politiker, sogar der finnische Staatspräsident, waren da. ’Ehrengast Finnland bei der Frankfurter Buchmesse 2014’ war nach vielen Maßstäben das größte Kulturexportprojekt Finnlands aller Zeiten.”

Wie haben die deutschen Medien auf den ”Ehrengast Finnland” reagiert?

”Als die deutschen Medien das Thema Finnland aufgriffen, wurde schnell klar, was das Interessante an Finnlands Auftritt war: Finnland wurde in der Presse als Land der jungen Autorinnen wahrgenommen. Bilder von beispielsweise Sofi Oksanen oder Katja Kettu erschienen auf den Titelseiten der Zeitungen. Ein Grund dafür war zweifellos der Habitus dieser Autorinnen. Die Dreadlocks von Oksanen und die Tattoos von Kettu machten sich hervorragend auf den Titelseiten.”

Aber das Erscheinungsbild wird wohl nicht das einzig Wichtige gewesen sein?

”Nein, es ging natürlich nicht nur um das Aussehen, sondern um ein viel breiteres Phänomen, nämlich den Inhalt der Werke. Sowohl Oksanen als auch Kettu thematisieren in ihren Werken den Zweiten Weltkrieg. Viele deutsche Medien stellten fest, dass die finnische Literatur deutschen Lesern gerade durch die Kriegsthematik viel zu bieten hat. In den Medien wurde gefragt, warum gerade jetzt in Finnland darüber geschrieben wird.”

Wofür interessierten sich die deutschen Medien noch?

”Neben der Literatur spielte ein eher klassisches Finnlandbild eine große Rolle für den Auftritt und dessen Rezeption. Die Medien wollten immer noch Sauna, Melancholie und die Einsamkeit in der Natur hervorheben. Die Saunakultur nahm im Programm des Auftrittes auch durchaus einen bedeutenden Platz ein, obwohl die Organisatoren ursprünglich auf Stereotype hatten verzichten wollen.
Dabei stellte sich die Frage, inwiefern der eigentliche Literaturexport überhaupt mit dem Auftritt zusammenhing. Die Untersuchung zeigte, dass beides nur indirekt miteinander verbunden war. Einige Agenten und Verleger fanden den länderbezogenen Rahmen sogar störend, weil dadurch der Fokus statt auf den literarischen Inhalten auf dem Ausgangsland lag.”

Kann ”Ehrengast Finnland bei der Frankfurter Buchmesse 2014” für die finnische Literatur als Erfolg gewertet werden?

”In der Untersuchung wurde deutlich, dass Finnlands Position in der internationalen Literaturszene sich durch das Ehrengast-Projekt verbesserte. Umgekehrt wirkte sich die internationale Ausstrahlung auch positiv auf die Literaturszene Finnlands aus. Jedoch erwies sich das Konzept des Ehrengast-Status angesichts der Globalisierung der Medienwelt als etwas problematisch. Die enge Verknüpfung des Literaturexports mit einem bestimmten Länder-Image entspricht nämlich nicht der Wirklichkeit, in der Bücher und Themen Ländergrenzen und die traditionellen Grenzen des literarischen Feldes überqueren. Dieses Phänomen ist gegenwärtig zum Beispiel bei der erfolgreichen Lumikki-Trilogie der finnischen Autorin Salla Simukka zu beobachten. Die Lumikkis überschreiten die Grenzen der Länder, Sprachen und Themen wie die Mumins von der finnlandschwedischen Schriftstellerin Tove Jansson oder die Harry-Potter-Bücher.”

Vielen Dank!
Helmi-Nelli Körkkö lebt in Berlin. Die öffentliche Verteidigung ihrer Doktorarbeit  „FINNLAND.COOL. – zwischen Literaturexport und Imagepflege. Eine Untersuchung von Finnlands Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2014” fand im  Juni 2017 an der Universität Vaasa in Finnland statt.

Das Finnland-Institut gestaltete anlässlich von Ehrengast Finnland bei der Frankfurter Buchmesse 2014 gemeinsam mit insgesamt 300 Partnerinstitutionen das gut 200 Veranstaltungen umfassende Satellitenprogramm COOL2014 an 80 Orten im deutschsprachigen Europa.

Foto: Riikka Kalmi/Universität Vaasa

Kommentointi

3 Kommenttia

  1. 17.11.2017—18:02 Volkmar Kettnaker says:

    Hallo!
    Habe mit grosem Interesse Helmi-Nellis Dissertation ”durchgeblättert”. Ein paar Fragen hierzu:
    1) Kann man die Diss in Papierversion erhalten?
    2) Tabelle 12/S. 210: die Zeile ”Deutsch” hat zwei Zahlenangaben: ’111’ und ’23’; die letztere muss falsch sein; ist da eine ’1’ weggefallen und die richtige Zahl muss ’123’ sein?
    3) Mich würde auch die Frage interessieren, welche Bedeutung der Ab-stand zwischen den jeweiligen Ursprungs- bzw. Zielsprachen hat, bei der Möglichleit des Kulturtransfers? Haben es die skandinavischen Sprachen (schwedisch/norwegisch/dänisch) leicheter auf dem deutschsprachigen Kulturmarkt, weil die Sprachen einander viel ähnlicher sind als finnisch und deutsch?
    Viele Grüsse: Volkmar Kettnaker

  2. 25.11.2017—11:35 Marion Holtkamp says:

    Sehr geehrter Herr Kettnaker,
    vielen Dank für die interessanten Fragen, die wir gern an Frau Körkkö weiterleiten! – Bitte entschuldigen Sie die späte Reaktion; ich habe Ihren Kommentar eben erst bemerkt :-).
    Beste Grüße und ein schönes Wochenende,
    Marion Holtkamp

  3. 29.11.2017—21:11 Helmi-Nelli says:

    Hallo!

    Vielen Dank für die Fragen! Man kann die Diss bei Juvenes (Link unten) als Papierversion kaufen. Zur zweiten Frage: Die Zahlen stimmen tatsächlich so, wie sie da stehen. Im Jahr 2015 wurden 23 Titel ins Deutsche übersetzt. Dazu wird in der Diss auf der Seite 209 ein Paar Sätze gesagt. Zu der dritten Frage: Sprache spielt eine große Rolle im Kulturtransfer und die schwierige Sprache ist tatsächlich ein Grund, wofür es für die finnische Literatur länger gedauert hat einen Platz auf dem deutschen Buchmarkt zu finden. Literaturexport ist auch immer von Übersetzern abhängig. So ist der Literaturexport auch damit gebunden, wie viel Finnisch z. B. in Deutschland studiert wird. Dazu mehr in der Diss im Kap 7.2.1 (ab S. 202) und im Kap 7.3 (ab S. 213). Viele Grüsse, Helmi-Nelli

    https://verkkokauppa.juvenes.fi/tuote/24394/finnlandcool-zwischen-literaturexport-und-imagepflege-eine-untersuchung-von-finnlands-ehrengastauftritt-auf-der-frankfurter-buchmesse-2014

Kirjoita kommentti

Background image