Der Gründer des Springer-Verlags und einer seiner größten Widersacher sind heute "Nachbarn" an dieser Kreuzberger Straßenkreuzung. Foto: Juho Saksholm

Sitzstreiks, Pudding-Attentate und Erinnerungspolitik

Der finnische Historiker Juho Saksholm war von Februar bis Mai 2019 Gastforscher am Finnland-Institut. In Berlin konnte er zu seinem Forschungsthema auch ganz wörtlich genommen Entdeckungen machen.

„Mika Waltari war ja auch nie in Ägypten“, argumentiert der Historiker Teemu Keskisarja in der Serie Pimeä historia (dt. „Dunkle Geschichte“) des Finnischen Rundfunks YLE auf die Frage, warum er sich in der Stadt Wiborg gar nicht gut auskenne, aber eine umfassende Monografie über die Zeit des finnischen Bürgerkrieges in Wiborg verfasst hat (Originaltitel: Viipuri 1918). Schließlich ist ein Geschichtsforscher oft ungewollt in der Lage, dass der Großteil seiner Forschungsgegenstände schon längst nicht mehr existiert bzw. in Vergessenheit geraten ist. Aber wie erlebt es ein Wissenschaftler, wenn Orte, die er nur aus Texten kannte, Teil des eigenen Alltags werden?

Im Frühjahr 2019 verschaffte ein dreimonatiges Stipendium der Emil-Öhmann-Stiftung und des Finnland-Instituts in Deutschland mir nicht nur die Gelegenheit, in Berlin zu arbeiten, sondern auch, zum ersten Mal die geradezu ikonischen Orte meiner Forschung als Teil meiner alltäglichen Umgebung zu erleben. Diese Erfahrung war in vieler Hinsicht aufschlussreich und hat mir geholfen, mein Verhältnis zu den historischen Seiten meiner Lebensumgebung neu zu entdecken.

Für einen Wissenschaftler, der die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erforscht, ist die besondere Stellung Berlins in der europäischen Geschichte eine Selbstverständlichkeit. Symbole dieses geschichtlichen Sonderfalls, wie beispielsweise die Mauer, werden den zahllosen Berlin-Touristen ständig vorgestellt. Für mich als Forscher ist Berlin vor allem ein Zentrum der europäischen radikalen Bewegungen der 1960er-Jahre, oft ein mythisches Zentrum antiautoritären Protests, wo Studenten demonstrierten, Gebäude besetzten, mit praktischer Erfahrung in Kommunen die alternative Gesellschaft organisierten und gegen den amerikanischen Vizepräsidenten das so genannte „Pudding-Attentat“ richteten.

In meiner Dissertation untersuche ich die Interpretationen und die grenzüberschreitende Ausstrahlung gerade dieser bedeutenden Momente der europäischen Geschichte auf die Diskussion der Radikalen in Finnland und Schweden. Ich habe mich den berühmten Orten des Geschehens in Berlin jedoch keineswegs in einem Vakuum genähert. Noch über das frühe Historikerinteresse hinaus wurde das Jahr 1968 zu einem ganz besonderen Moment in der Geschichte Europas, dessen gewalttätige, radikale, utopische und gelegentlich auch absurde Konnotationen natürlich zahllose populärkulturelle Vorstellungen und Neuinterpretationen hervorriefen. Die Visualität der Proteste und deren Verbindung mit der ikonischen Populärkultur der Zeit haben aus „1968“ ein verlockendes Symbol gemacht.

Die heutigen Protestbewegungen vergleichen sich oft mit den zum Symbol gewordenen Ereignissen von 1968. Im Licht solcher Parallelen beeilen sich die 1968er-Veteranen stets zu erinnern, dass solche Vergleiche problematisch sind – so geschehen im Falle der Demonstrationen der Gelbwesten-Bewegung in Paris. Auch das Verhältnis zwischen den Bewegungen der 60er-Jahre und späteren linksextremen Bewegungen hat immer wieder politischen Eifer hervorgerufen: dazu zählen „Taistoismus“ – eine interne Oppositionsgruppe in der Kommunistischen Partei Finnlands −, Maoismus oder die Rote-Armee-Fraktion in Deutschland, die zu einer bewaffneten Terrororganisation wurde.

Die meisten wichtigen Orte des politischen Geschehens der 1960er-Jahre in Berlin sind gerade auch mit Gewalt oder der Bedrohung durch Gewalt verbunden: Beispielsweise wurde das Kulturzentrum der Vereinigten Staaten, das so genannte Amerika-Haus (Hardenbergstraße 22), als Teil der Proteste gegen den Vietnam-Krieg Ziel eines „Anschlags“ mit rohen Eiern, was wiederum Protest innerhalb der städtischen Bevölkerung auslöste. Schließlich waren es gerade die Amerikaner, die sich als Beschützer West-Berlins gegen die durch die DDR und die Sowjetunion bestehende Bedrohung assoziierten.

Der am stärksten als symbolisch verstandene Ort eines gewalttätigen Ereignisses dürfte jedoch der Platz neben der Deutschen Oper sein, wo eine von deutschen und iranischen Studenten organisierte Demonstration gegen den Schah am 2.6.1967 in Gewalt umschlug, als der persische Geheimdienst SAVAK anfing, die Protestierenden zu verprügeln. Im Zuge dessen erschoss ein deutscher Polizist den FU-Studenten Benno Ohnesorg. Die bildliche Symbolik des Falles verdichtete sich im Foto der am Boden liegenden Leiche Ohnesorgs.

Heute steht am Tatort des Mordes an Benno Ohnesorg (Krumme Straße 66) ein unauffälliges Schild in einer ganz normalen Seitenstraße. Foto: Juho Saksholm

Der Historiker Quinn Slobodian hat in seinem Buch Foreign Front: Third World Politics in Sixties West Germany zutreffend beschrieben, wie Ereignisse wie die Schah-Demonstrationen zu einem Teil des nationalen Geschichtsnarrativs werden. Der Vorfall diente als Startszene des Filmes „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von 2008, wobei allerdings die zentrale Rolle der iranischen Studenten bei der Organisation des Protests in Vergessenheit geriet. So blieb es bei einer vereinfachten Darstellung, in der der iranische Geheimdienst deutsche Studenten verprügelt.

Ein anderes, wenigstens genauso bekanntes Ereignis ist der Mordversuch an Rudi Dutschke, der ideologischen Galionsfigur der Studentenbewegung, am 11.4.1968. Zwar überlebte Dutschke das Attentat, nahm aber die öffentliche Rolle, die er vorher inne hatte, nie mehr wahr. Auch in Finnland erregte die Tat große Aufmerksamkeit. Die Studentenpresse zog bezüglich des Attentats Parallelen mit dem Mord an Martin Luther King nur eine Woche zuvor.

Gedenktafel des Attentats auf Dutschke (Kurfürstendamm 142). Auch an der dortigen Bushaltestelle ist ein Infoschild angebracht. Foto: Juho Saksholm

Erinnerungspolitik ist aber nicht auf Gedenktafeln begrenzt: auch über andere die Stadt prägende Akteure wurde in Berlin teilweise heftig diskutiert. Das sichtbarste Beispiel in Sachen der 60er-Jahre-Bewegungen ist die jetzige Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg, die nach langer, eifriger Debatte 2008 umbenannt wurde (siehe Foto am Anfang dieses Beitrages). Der Straßenname ist erkennbar politisch zu verstehen, was allein schon der Umstand belegt, dass die Rudi-Dutschke-Straße genau an der Straßenkreuzung mit dem massiven Springer-Verlagsgebäude liegt. Gerade die Zeitungen der Springer-Gruppe waren durch ihre starke, politisch konservative Position im Brennpunkt der Proteste der 60er-Jahre. Teile der Studentenbewegung gaben der Springer-Presse und ihren negativen, ja hetzerischen Artikeln geradezu die Schuld an dem Attentat auf Dutschke.

Obwohl es in vieler Hinsicht erhellend gewesen ist, die historischen Orte zu besuchen, untersuche ich in meiner Dissertation vor allem die öffentliche politische Diskussion radikaler Bewegungen: Wie bedeutend sind die einzelnen Vorfälle wirklich? Die Forschergemeinschaft ist sich beispielsweise nicht einig, ob der Mord an Benno Ohnesorg für die deutsche Studentenbewegung ein eindeutiger Wendepunkt war oder eher ein kleiner Teil eines umfassenderen Radikalisierungsprozesses. Auch wenn Vorfälle dramatisch sind, muss der Forscher die Geduld haben, auch die längeren und langsameren Prozesse zu untersuchen und die Bedeutung der Kontinuität zu beachten. Nichtmal das Jahr 1968, das alles ändern wollte, ist aus dem Nichts entstanden, sondern basierte auf verschiedenen nationalen Kontexten auf der Basis sehr unterschiedlicher politischer Traditionen. Die Untersuchung all dieser Ebenen strebe ich in meiner Dissertation an.

 

Übersetzung aus dem Finnischen: Lotta Kauhanen, Marion Holtkamp

Das finnischsprachige Original dieses Beitrags wurde im Blog der Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Jyväskylä veröffentlicht.

 

 

Juho Saksholm schreibt seine Dissertation an der Universität Jyväskylä, Abteilung Geschichte und Ethnologie. Neben politischer Geschichte interessieren ihn Fußball, städtische Architektur und Nick Knatterton.

Juho Saksholm, FM, on historian tohtorikoulutettava Jyväskylän yliopiston Historian ja etnologian laitoksella. Poliittisen historian lisäksi hän on kiinnostunut jalkapallosta, betoniarkkitehtuurista ja Nikke Knattertonista.