Marc Wellmann. Foto: Ralf Meier

Marc Wellmann über das Glück, zerstörte Klischees und die Zukunft

Im Sommer 2019 ist die Kunstausstellung "Mostly Happy – Finnish Art Today" im Haus am Lützowplatz in Berlin zu sehen. Zehn Künstler_innen aus unterschiedlichen Teilen Finnlands und der Welt setzen darin menschliches Glück in Relation zur Umwelt und dem eigenen Innenleben und machen Bruchlinien zeitgenössischer Erfahrung sichtbar.

Mostly Happy – Finnish Art Today präsentiert Werke von zehn Künstler_innen, die einen Einblick in die Vielfalt und die Qualität der finnischen Gegenwartskunst erlauben. Fanny Thalén hat sich mit Marc Wellmann, dem künstlerischen Leiter des Hauses und Kurator der Ausstellung, über die Erfahrungen, die er im Rahmen dieses Projekts gemacht hat, unterhalten.

Was ist Finnland für Sie und wie hat diese Ausstellung Ihr Finnlandbild beeinflusst oder sogar verändert?

Finnland war für mich etwas sehr Exotisches am äußersten Rand Europas. Ich kannte das Land praktisch gar nicht, als ich es Ende August letzten Jahres im Hinblick auf das Ausstellungsprojekt bereiste. Im Gepäck hatte ich natürlich einige Klischees wie die Wortkargheit, Melancholie und eruptive Exzesshaftigkeit der Finnen. Mein Bild vom Land ist durch die Ausstellung natürlich tiefer und facettenreicher geworden. Viele Erwartungen haben sich bestätigt, andere musste ich revidieren. Zum Beispiel sind alle Finnen, mit denen ich bislang zu tun habe, extrem kommunikativ. Neu war für mich unter anderem die hohe soziale Bewandtnis von Pünktlichkeit in Finnland.

Warum heißt die Ausstellung „Mostly Happy“?

Der Titel hat sich aus dem Wechselspiel von Fremd- und Selbstwahrnehmung ergeben. Ich bin als naiver Outsider in das Projekt eingestiegen und habe im weiteren Prozess unheimlich viel über das Land und seine Bewohner gelernt. Beeindruckt hat mich insbesondere die sowohl technische als auch soziale Fortschrittlichkeit Finnlands, die mit aktuellen Glücksstatistiken korreliert. Zum zweiten Mal in Folge belegt Finnland den ersten Platz im World Happiness Report − 2019 und 2018. Nun habe ich nicht allein glücklich strahlende Menschen in Finnland kennen gelernt, und auch die Kunst, die mich interessierte, hatte eine etwas abgründige oder auch verstörende Seite, die mit dem offiziellen Bild des Landes nicht deckungsgleich ist.

Dies spiegelt sich auch in der Werkauswahl. Die Arbeiten in Mostly Happy strahlen – auf „finnische“ Weise − meistens etwas Glückliches aus, sind aber auch so mutig und ehrlich, die Vielfalt der menschlichen Erfahrungen zu zeigen. Die Werke sind zwar nicht immer schmeichelhaft, sondern furchtlos und schamlos wahr. Die Ausstellung ist eine Einladung, hinter die auch durch die Medien aufgebaute perfekte Fassade zu blicken, und bietet ein komplexeres Bild von Finnland und seinen Künstler_innen.

Der Titel der Schau lautet Mostly Happy – Finnish Art Today, aber gibt es überhaupt so etwas wie „finnische” Kunst in Ihren Augen?

Ja!

Was genau macht die finnische moderne Kunst interessant für Sie?

Die finnische zeitgenössische Kunst ist Teil eines globalen Kunstsystems und darauf auch zum wesentlichen bezogen. Aber es gibt eine Reihe von Haltungen und Momenten, die sehr spezifisch für finnische Künstlerinnen und Künstler sind. Dazu gehört ein gesteigertes Bewusstsein für soziale Fragen und ein teilweise mythisches Verhältnis zur Natur.

Was haben Sie von dieser Ausstellung gelernt?

Vor allem, was „sisu“ bedeutet.

Wie sieht die Zukunft aus? Was kommt als nächstes im HaL?

Wir zeigen in unserem Projektraum, der Studiogalerie, ab dem 21. Juni parallel zu Mostly Happy – Finnish Art Today die von Lydia Korndörfer kuratierte Ausstellung Hey Mars! mit Werken von A/A (Andreas Greiner & Armin Keplinger), Natalie Körner, PPKK (Sarah Ancelle Schönfeld & Louis-Philippe Scoufaras) und Elisa Storelli. Vom 23. August bis 1. September ist die Installation Radiosands von Thom Kubli zu Gast im HaL. Und am 11. September 2019 eröffnen wir als Partner der Berlin Art Week die Ausstellung PERPLEXY von Tobias Dostal.

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Mostly Happy- Finnish Art Today läuft bis 11.8.2019 im Haus am Lützowplatz. Zu sehen sind Werke von Martti Aiha, Elina Brotherus, Miklos Gaál, Hannaleena Heiska, Antti Laitinen, Niina Lehtonen Braun, Ulla Jokisalo, Aurora Reinhard, Toni R. Toivonen und Kari Vehosalo.

Rahmenprogramm:
4.7. 19 Uhr Kuratorenführung mit Marc Wellmann
8.8. 19 Uhr Julia Rosenbaum im Gespräch mit der Künstlerin Niina Lehtonen Braun

Marc Wellmann, geboren 1968 in Hamburg, ist seit April 2013 künstlerischer Leiter des Hauses am Lützowplatz (HaL). Zuvor war er fast fünf Jahre lang Ausstellungsleiter am Berliner Georg-Kolbe-Museum. Von 2004 bis 2015 Vorstand der Bernhard-Heiliger-Stiftung, Berlin. Studium der Kunstgeschichte und Amerikanistik in Berlin und Rom; Promotion 2004 an der Universität der Künste Berlin über das Thema Die Entdeckung der Unschärfe in Optik und Malerei. Zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft vom 15. bis zum 19. Jahrhundert. Lehrtätigkeit an der UdK und der Freien Universität Berlin. Verschiedene Veröffentlichungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

 

Fanny Thalén ist als Volontärin am Finnland-Institut tätig.

Fanny Thalén toimii Suomen Saksan-instituutissa harjoittelijana.

Fanny Thalén är praktikant vid Finlandsinstitutet.