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Komponisten

Oskar Merikanto (1868-1924)

Im Oktober 1920 schickt Oskar Merikanto Grüße aus Berlin an seine Frau. Im Oktober 1920 schickt Oskar Merikanto Grüße aus Berlin an seine Frau.

Oskar Merikanto ist in Finnland hauptsächlich für seine volkstümlichen Lieder bekannt. Dieses Image stellt jedoch nicht die ganze Wahrheit von Merikantos vielseitigem Schaffen dar. Vielmehr gehörte er zu den Bahnbrechern der finnischsprachigen Opernkomposition, war ein bemerkenswerter Organist und Orgelkomponist und wirkte außerdem als Pianist, Dirigent und Musikkritiker.

Merikanto begann seine musikalische Ausbildung als Neunjähriger bei dem Organisten und Musikpädagogen Lauri Hämäläinen. Hämäläinen – Lehrer an der Kirchenmusikschule Helsinki – war eine väterliche Bezugsperson für Merikanto und führte diesen schon früh an die deutsche Orgelmusik und ihre Lehrmaterialien heran.

Das Orgel- und Klavier-Debütkonzert Merikantos erfolgte 1887 in Helsinki. Danach zog er mit Unterstützung der bekannten Mäzenin Aurora Karamzin nach Deutschland. Er studierte zuerst in Leipzig und dann in Berlin, von wo er 1891 nach Finnland zurückkehrte. Seine Lehrer in Leipzig waren Robert Papperitz (Orgel und Musiktheorie), Theodor Coccius und Willy Rechberg (Klavier) sowie Gustav Schreck (Komposition); in seinem Entlassungszeugnis wird auch der Name von Carl Reinecke genannt. In Berlin studierte Merikanto unter Leitung von Albert Becker, der etwas früher ebendort Jean Sibelius unterrichtet hatte. Später unternahm Merikanto Studienreisen in verschiedene europäische Länder. So reiste er 1907 durch ganz Europa, um Kenntnisse über die Kirchenmusik zu sammeln, und begegnete in Deutschland den berühmten Organisten Paul Homeyer und Karl Straube.

Deutschland war überhaupt ein sehr wichtiger Studienort für die finnischen Organisten des frühen 20. Jahrhunderts; im Vergleich hierzu waren beispielsweise französische Einflüsse in der finnischen Orgelkunst relativ spärlich. Von Merikantos Zeitgenossen studierte u.a. der Organist Kaarle Saarilahti in Dresden und gab auch erfolgreiche Konzerte in Deutschland. Später sandte Merikanto viele seiner Schüler zur Ergänzung ihrer Studien nach Deutschland, was die dauernde Präsenz deutscher Einflüsse in der finnischen Orgelkunst garantierte.

Merikanto arbeitete hauptberuflich von 1892 bis zu seinem Tod als Organist der Neuen Kirche (heutige Johanneskirche) Helsinki. Man betrachtete ihn als den führenden Orgelsachverständigen, und er war auch als Musikpädagoge tätig. Nach Hämäläinens Tod 1888 lehrte Oskar Merikanto bis 1914 an der Kirchenmusikschule Helsinki Orgelspiel und war ferner 1906–1920 als Orgellehrer am Musikinstitut Helsinki tätig. Merikantos kompositorisches Schaffen für die Orgel hat keinen überaus großen Umfang, aber es umfasst bemerkenswerte Kompositionen (z.B. eine umfangreiche Passacaglia). Merikantos künstlerische Präsenz als Pianist und Organist reichte weit über Finnland hinaus: So trat er z.B. 1900 in den Vereinigten Staaten auf, was für finnische Musiker damals alles andere als üblich war. Man kann Merikantos Klavierspiel auch auf einigen frühen Schallplatten hören.

Merikantos erste Oper Pohjan neiti (dt. etwa „Fräulein des Nordens”, 1898, Uraufführung 1908) war das erste finnischsprachige Opernwerk überhaupt. Später komponierte Merikanto noch zwei weitere Opern (Elinan Surma, „Die Ermordung der Elina”, 1910, und Regina von Emmeritz, 1920). Zu seinem Schaffen gehören auch zahlreiche beliebte Singspiele, wovon vielleicht Tukkijoella (dt. „Floßfahrt”) zu Toivo Pekkalas Theaterstück das bekannteste ist. Merikanto gehörte zu den Gründern der „Einheimischen Oper“ (d.h. der späteren Finnischen Oper und heutigen Nationaloper) und war von 1911 bis 1922 als Dirigent dieser Institution tätig.

Zu den beliebten volkstümlichen Liedern von Merikanto zählen u.a. Kun päivä paistaa („Wenn der Tag leuchtet”, Hilja Haahti), Ma elän („Ich lebe”, Larin-Kyösti), Miksi laulan („Warum ich singe”, Johan Henrik Erkko) und Oi, muistatko vielä sen virren („Ach, erinnerst du noch das Kirchenlied”, Eino Leino und Juho Railio). Weniger bekannt ist, dass Merikanto auch Lieder zu deutschen Texten komponierte, z.B. An den Frühling (Schiller), Der unbegriffene Gott (Omar Khaijam), Es ist nicht sonderbar (Khaijam) sowie zu Liebesliedern nach Texten von z.B. Nikolaus Lenau. Die Lieder von Merikanto sind melodisch natürlich und reich – kein Wunder, dass der Musikkritiker und -schriftsteller Heikki Klemetti die Melodik dieser Lieder mit der neapolitanischen Oper des 18. Jahrhunderts gleichstellte.
(MH)