Eine Neu-Neuköllnerin wirft einen Blick in die Geschichte ihres Kiezes

Publicerad: 29.02.2016
Författare: Karina Horsti
Kategorier: Architektur, Konst, Samhälle, Politik

Die Kultur- und Medienwissenschaftlerin Dr. Karina Horsti, Research Fellow der Akademie Finnlands an der Universität Jyväskylä, ist zurzeit Gastwissenschaftlerin am Finnland-Institut. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt die Analyse von Migration in den Medien. Karina Horsti engagiert sich während ihres Aufenthalts in Berlin auch als Helferin in der Flüchtlingsunterkunft im Flughafen Tempelhof. In ihrem Blogbeitrag ruft sie die Vielschichtigkeit der Bedeutung des Flughafens in Geschichte und Gegenwart in Erinnerung.

An einem Wohngebäude an der Ecke zur Neuköllner Flughafenstraße erstreckt sich ein riesiges Fassadengemälde, auf dem eine Gruppe von Zuschauern einem Propellerflugzeug staunend bei der Landung zusieht. Auch ich muss stehen bleiben und das Flugzeug bewundern. Dies bringt mich als Neu-Neuköllnerin dazu, mit dem Blick nach oben auch einen ersten Einblick in einen wichtigen Teil der Geschichte meines neuen Kiezes zu bekommen. Später erfahre ich, dass das Gemälde auf einem 1948 während der Berliner Luftbrücke aufgenommenen Foto basiert. Dieses Foto kommt einem quasi überall entgegen: auf der Wikipedia-Seite zur Berliner Luftbrücke, auf Infotafeln des Flughafens Tempelhof und auf Postkarten. Dieses bekannte, geradezu ikonische Motiv erinnert unweigerlich an eine bestimmte Zeit und bestimmte Geschehnisse. Die Westaliierten versorgten die West-Berliner Bevölkerung während der Blockade durch die Sowjetunion insgesamt 15 Monate lang in über 270.000 Flügen mit Lebensmitteln und Bedarfsgütern. Die Luftbrücke führte von Celle nach Tempelhof.

Gegenüber der Landebahn befinden sich die Flughafengebäude, die die Stadt Berlin seit Herbst 2015 als Unterkunft für mehr als 2.000 Flüchtlinge nutzt. Die Nutzung soll jetzt auf über 7.000 Plätze ausgeweitet werden. Vor dem Haupteingang erhebt sich ein riesiges Denkmal aus Beton, das drei Start- bzw. Landebahnen darstellt. In den Sockel sind die Namen der 70 während der Luftbrücke ums Leben gekommenen britischen und amerikanischen Soldaten eingraviert. Wie das Fassadengemälde in Neukölln zeigt auch dieses offizielle Denkmal den Flughafen im Licht genau dieses historischen Geschehnisses. Das Denkmal am Flughafen hält dazu an, der heldenhaften Piloten zu gedenken, während das Gemälde in Neukölln die dank der Luftbrücke durchhaltende Stadtbevölkerung in Erinnerung ruft. Das Bild möchte uns an das Spektakel erinnern, wenn eine Gruppe von Kindern voller Begeisterung für das amerikanische Flugzeug und die damit in Aussicht stehenden Süßigkeiten herbeirannte. Und doch ist dies nur eine Momentaufnahme der Geschichte, denn dass die mehrmals am Tag landenden Flüge von Monat zu Monat die gleiche Begeisterung unter den Neuköllnern auslösten, ist kaum wahrscheinlich. Das Bild und seine Sinnbildlichkeit sagen eher darüber etwas aus, wie man die Luftbrücke heute erinnern möchte und welche Ereignisse aus der Vergangenheit des Flughafens Tempelhof nach dem Krieg betont wurden. Im Lauf der Geschichte ist noch vieles andere um diesen Flughafen geschehen, aber das kulturelle Gedächtnis richtet sich häufig nach der politischen Macht und gegenwärtigen Bedürfnissen. Viele Jahre lang waren eben genau diese Beharrlichkeit, die Aufopferung und der Sieg der Westmächte entscheidend für das Verständnis Tempelhofs.

Geschichte wird aber ständig neu interpretiert, und das gilt auch für den Flughafen Tempelhof. Die Vergangenheit des Flughafens wird heutzutage vielschichtiger und kritischer betrachtet. Entlang der 2013 eröffneten Denkmalroute wird auch von der Nazi-Vergangenheit, den Zwangsarbeitslagern und den Flüchtlingsströmen nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet. Die Luftbrücke hat aber immer noch Vorrang. Die Konzentration auf die „Helden“, ob Stadtbewohner oder beteiligte Flieger, dämpft unbequemere Erinnerungen. In Celle beispielsweise kam eine sog. moralische Panik bezüglich der Frauen auf, die sich in amerikanische Piloten verliebt hatten und abwertend als „Veronikas“ bezeichnet wurden. Besonders diejenigen Frauen, die von afroamerikanischen Soldaten Kinder bekamen, wurden von ihrer Umgebung diffamiert. Und nicht zuletzt begann ja, was häufig vergessen wird, mit der Berlin-Blockade der Kalte Krieg.

Übersetzung aus dem Finnischen: Sakarias Rantala

Die Autorin dieses Beitrags Karina Horsti auf der Internetseite der Universität Jyväskylä

Für die Angaben zum Fassadengemälde Rosinenbomber möchten wir uns herzlich bei Herrn Norbert Martins bedanken, in dessen Buch Hauswände statt Leinwände zahlreiche „Berliner Wandbilder“ umfassend dargestellt werden.

Zur Geschichte von Celle verweist Karina Horsti auf Klaus Neumanns Werk Shifting Memories: the Nazi past in the New Germany, University of Michigan Press, 2000.

Fassadengemälde ”Rosinenbomber” (1989) von Werner Brunner, Pit Mischke und Vera Malamud nach einem Foto von Henry Ries (Foto: Karina Horsti) / Seinämaalaus ”Rosinenbomber” (1989). Maalanneet Werner Brunner, Pit Mischke ja Vera Malamud Henry Riesin valokuvan pohjalta (kuva: Karina Horsti)

Kommentarer

2 Kommentarer

  1. 01.03.2016—17:38 Werner Brunner says:

    Danke für diesen aufschlussreichen und anregenden Beitrag, der über die Luftbrücke hinaus auch die historischen Umstände gut bewertet und beschreibt. Ich bin einer der drei Wandmaler des Bildes und freue mich 27 Jahre danach noch auf Ihre Ressonanz.
    Vielen Dank und herzliche Grüße,
    Werner Brunner

    Tel.: 781 26 99

  2. 02.03.2016—13:57 Marion Holtkamp says:

    Lieber Herr Brunner,
    wir danken Ihnen herzlich für die positive Einschätzung. Frau Horsti selbst freut sich ganz besonders!

    Beste Grüße vom Finnland-Institut sendet
    Marion Holtkamp
    Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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