© Elsa Salonen

„Ich finde die Frage eines Bewusstseins der Steine wirklich inspirierend, fesselnd und provokant!”

Elsa Salonen ergründet in ihren Werken auf poetische Weise die Natur – mit Hilfe von Blüten, Kristallen, Meteoritenstaub und eben auch Steinen; Ansätze dazu findet sie in Alchemie und Animismus. Das folgende Interview ist Teil des kürzlich bei Edition Cantz erschienenen Ausstellungskatalogs.

Du wohnst nun circa zehn Jahre lang in Berlin. Wie ist das, als Künstlerin in solch einer Metropole zu leben?

Ich liebe Berlin einfach wegen seiner Multikulturalität. Durch meine internationale Familie hier in Berlin lerne ich ständig neue Sichtweisen kennen. Eines der wichtigsten Gefühle in meinem Leben ist folgendes: Mir wird klar, dass etwas, das ich als „normal“ angesehen hatte, überhaupt nicht normal ist, da die Gepflogenheiten einer anderen Kultur genau das Gegenteil bedeuten. Manchmal zähle ich abends durch, wie viele Sprachen ich gesprochen und mit wie vielen Ländern und Kontinenten ich während des Tages zu tun hatte. Dann fühle ich mich überglücklich und bereichert. Auch für mein künstlerisches Schaffen sind das schließlich unbezahlbare Erfahrungen.

Fast während der gesamten Dauer deiner künstlerischen Tätigkeit hast du Materialien aus der Natur genutzt. Was ist daran so inspirierend und faszinierend für dich?

Jedes der Materialien hat eine eigene Geschichte zu erzählen; ursprünglich brachte mich die Alchemie darauf, mit ihnen zu experimentieren. Ich destilliere den Farbstoff aus Blumen, verarbeite ihn weiter und bleiche die Pflanzen vollständig aus, bis sie ganz weiß sind. Außerdem stelle ich aus bestimmten in der Natur vorkommenden Materialien ‒ von Meteoriten bis Vulkanasche ‒ eigene Pigmente her, je nach den Anforderungen, die sich aus dem künstlerischen Konzept jedes einzelnen Werkes ergeben. Fast alle Organismen stammen ja, wie man weiß, ursprünglich von uralten toten Sternen ab. Diese Theorie hat mich inspiriert, einzig unter Verwendung von Stein- und Eisenmeteoritenstaub eine Reihe von Sternbildern auf Glas zu malen.

Wenn man sich mit den individuellen technischen Anforderungen verschiedener natürlicher Materialien beschäftigt, untersucht man auch die spezifischen Lehren und Philosophien eines jeden: ein Stein, ein Fuchsknochen oder eine Rose teilen ihre ganz besondere Weisheit mit uns.

Wie würdest du deine Beziehung zur Natur beschreiben, und welchen Einfluss hat die künstlerische Beschäftigung damit ausgeübt?

In der einen oder anderen Weise beschäftige ich mich in den meisten meiner Arbeiten mit der Natur, insbesondere mit einer animistischen Weltsicht und dem damit verbundenen respektvollen Umgang mit dem „Nicht-Menschlichen“. Als Kind hatte ich meinen ganz eigenen „heiligen“ Felsen, wo ich saß, wenn ich Trost suchte, mein Herz ausschüttete oder grübelte. Ich habe auch einen heiligen Baum, den ich regelmäßig besuche. Auch bestimmte Gewohnheiten habe ich entwickelt: So frage ich den Wald um Erlaubnis, ob ich hineingehen darf, und vor jeder Mahlzeit danke ich den Quellen der Natur dafür, dass sie mir Energie spenden. Diese kleinen Gesten habe ich ganz von selbst entwickelt, ohne Referenz zum Animismus ‒ dass es ein sehr emotionales Erlebnis für mich war, als ich zum ersten Mal Texten zum Animismus begegnete und die Verbindung spürte, kann man sich wohl vorstellen. In einer Stadt wie Berlin ist es nicht so einfach, eine Beziehung zur Natur aufrechtzuerhalten. Ich habe hier auch in einem Park meinen ganz persönlichen Baum, aber da immer Leute in der Nähe sind, kann ich nicht so einfach mit ihm „kommunizieren“ ‒ man würde ja für verrückt gehalten werden. Alles in allem hat die Tätigkeit als Künstlerin mir Zeit gegeben, mich nacheinander auf verschiedene natürliche Materialien zu fokussieren und meine Beziehung zu ihnen zu vertiefen.

In dieser Ausstellung arbeitest du mit Steinen. Warum ausgerechnet mit Steinen?

Einige Jahre lang habe ich hauptsächlich mit Blumen gearbeitet, denen ich die Farbe entzogen und die ich gebleicht habe. Leider verbleichen aber die pflanzlichen Pigmente; sie halten nur wenige Jahre lang. Deshalb habe ich nach Pigmenten mit dauerhafter Farbbeständigkeit gesucht. Minerale waren eine der wichtigsten Quellen für historische Pigmente, die mehr als ein Jahrhundert überdauern. Sie bieten eine ganze Palette an Farben, von den dunkelblauen Lapislazuli-Tönen bis zum zarten Violett des Thulits.

Konzeptionell ausgedrückt finde ich die Frage der Steine und des Bewusstseins faszinierend. Vor wenigen Jahren war ich in Berlin an der Organisation eines Mini-Symposiums zum Pflanzenbewusstsein beteiligt. Ich erinnere mich deutlich an die Unterhaltung mit einem unserer Gastredner, einem Philosophen, der sich stark der Thematik des Bewusstseins und der Neurobiologie der Pflanzen widmete. Er scherzte darüber, wie lange die Wissenschaftler gebraucht hätten, Tieren ein Bewusstsein zuzugestehen, während – wie er meinte – die Öffentlichkeit die Intelligenz von Hunden beispielsweise schon eingeräumt hatte. Er prophezeite eine ähnlich lang andauernde Debatte bezüglich der Pflanzen. Als ich dann die Steine ins Gespräch brachte, war selbst er, der erklärte Pionier des Bewusstseins der Pflanzen, überrascht, ja sogar abgeneigt. In meinen Augen zeigte er das gleiche Zögern wie die Wissenschaftler, die er gerade dessen geziehen hatte. Ich finde die Frage eines Bewusstseins der Steine wirklich inspirierend, fesselnd und provokant!

In der spirituellen Praxis der Sámi spielen Steine in Form der seita eine wichtige Rolle. Hat diese Tradition deine aktuelle Arbeit beeinflusst? Und besteht die Gefahr, von den Sámi der kulturellen Aneignung beschuldigt zu werden?

Der Haupt-Ausstellungsraum in der Schwartzschen Villa widmet sich meinen Untersuchungen von Steinen, basierend auf Wissenschaft, Geologie und tiefer Zeit. Der kleinere Raum umfasst eher einen holistischen Ansatz, da geht es um die spirituellen Traditionen, die mit den Steinen verbunden sind. In Finnland wurden große, ungewöhnlich geformte Steine – uhrikivet – angebetet, um göttliche Gunst zu erlangen. Beispielsweise versprach man einem Stein Beeren, um eine gute Ernte abzusichern. Bei den Sámi gab es ähnliche Traditionen mit ihren heiligen Steinen – den seidat. Die Sámi brachten ihnen Opfer, um bei der Fischerei oder der Jagd gute Ergebnisse zu erzielen oder ihre Rentierherden sicher zu bewahren.

Das Archiv der Finnischen Literaturgesellschaft war meine hauptsächliche Materialquelle. Es verfügt über eine seltene Sammlung einschlägiger alter Fotos und Interviews, sowohl zu den finnischen als auch zu den Sámi-Traditionen. Ich hatte gehofft, Archivmaterial beider Traditionen in die Installation einfließen zu lassen, eine abgerundete Perspektive zu schaffen. Ich wollte dies aber nicht tun, ohne zuerst die Sámi selbst kontaktiert zu haben. Nachdem ich zunächst mit einem samischen Kollegen gesprochen und dann zu Aslak Holmberg, dem Vorsitzenden des Kulturausschusses im samischen Parlament, Kontakt aufgenommen hatte, war deren Reaktion darauf, dass ich die Dokumentation von seidat in die Arbeit integrieren wollte, positiv. Als finnische Künstlerin war es wichtig, den Kontakt zu schließen und diesen Dialog zu führen. Das war ein wichtiger Prozess, um die Geschichte und unsere heutige Koexistenz anzuerkennen.

Die Fragen stellten Laura Hirvi und Fanny Thalén.

Übersetzung aus dem Englischen: Marion Holtkamp

————————

bis 31.3.2019  Ausstellung Elsa Salonen: Stories Told by Stones | Schwartzsche Villa, Berlin-Steglitz

So 17.3. 14 Uhr  Artist Talk mit Elsa Salonen, Prof. Graham Harvey und Dr. Christine Nippe. Moderation: Dr. Laura Hirvi | Schwartzsche Villa, Berlin-Steglitz. Mit Präsentation des Ausstellungskatalogs

Ausstellungskatalog: Christine Nippe (Hrsg.): Elsa Salonen, Stories Told by Stones. Berlin (Edition Cantz) 2019, ISBN 978-3-947563-37-1. Verkaufspreis: 15 EUR

Elsa Salonen wurde 1984 im südwestfinnischen Turku geboren. Sie studierte in Bologna/Italien und wirkte danach größtenteils von Berlin aus, arbeitete aber auch in Künstlerresidenzen u.a. in Kolumbien und Indonesien. Salonens Arbeit ist Teil von Gruppen- und Einzelausstellungen in ganz Europa, außerdem finden sich ihre Werke in den Sammlungen des renommierten Wäinö Aaltonen Museums in Turku und der Stiftung Saastamoinen in Finnland sowie im Museum für zeitgenössische Kunst in Lissone/Italien. Für ihr künstlerisches Schaffen wurde Salonen u.a. mit dem italienischen National Art Award und dem finnischen Artist Grand ausgezeichnet.