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Reed Still - The Sublet. ©Reed Still

„Mein Leben fühlt sich oft wie eine Komödie an“: Reed Still über das Schaffen von Kunst, wie er Institutionen wahrnimmt und über die Residenz im Künstlerhaus Bethanien

Dieses Jahr nimmt Reed Still am internationalen Residenzprogramm im Künstlerhaus Bethanien teil, unterstützt von Finnlandschwedischen Kulturfond Svenska kulturfonden. Reed Still ist der erste Stipendiat dieser neu ins Leben gerufenen Zusammenarbeit. In seiner künstlerischen Arbeit verwendet er u.a. Sprache, institutionelle Systeme und Dokumente als Materialien. Seine Ausstellung ”Comedy” im Künstlerhaus Bethanien wird am 10. September 2026 eröffnet. Sonja Vaskivuori hat Reed Still interviewt.

Könntest du uns etwas von deinem künstlerischen Hintergrund erzählen? Wie kam es eigentlich, dass du Künstler geworden bist?

Im Alter von vier Jahren kopfüber in ein kleines aufblasbares Schwimmbecken springen! Das erfordert ein gewisses Maß an Vertrauen in die eigene Vorstellungskraft. Außerdem erforderte es noch viel Lernen. Viel Papierkram. Viel Scheitern und viele Umzüge. Sich mit den verschiedensten Leuten unterhalten. Sich nicht niederlassen, sich aber oft mit wenigem begnügen. Es müsste wahrscheinlich medizinisch untersucht werden, warum ich diesen Weg eingeschlagen habe.

 

Was hat dein Interesse an der Residenz im Künstlerhaus Bethanien geweckt?

Als Künstler, besonderes als einer, der kein Geld hat, bewirbt man sich auf alles Mögliche. Das macht den Großteil der Arbeit aus, bevor die eigentliche Arbeit anfängt, die das Publikum als die Arbeit eines Künstlers wahrnimmt. Aber viel Arbeit ist es trotzdem. Viel wirtschaftliche Unsicherheit. Ein monatliches Einkommen zu haben, ein Atelier und andere Möglichkeiten nutzen zu können, ist eine absolut wunderbare Option, soweit es die in diesem Bereich leider so knapper Möglichkeiten überhaupt gibt. Und man kann davon ausgehen, dass es vor mir schon sehr viele Leute hier im Künstlerhaus Bethanien gab, die Interesse an diesen von mir so genannten Möglichkeiten bekundet haben, in der einen oder anderen Form. Marina Abramović. Susan Sontag. Samuel Beckett. Die Liste geht immer weiter. Ich kann nicht weiter gehen. Ich werde weiter gehen. Tatsächlich hat meine Mutter die Ausschreibung gesehen und mich gezwungen, mich darauf zu bewerben. Und das tat ich dann. Mütter wissen es einfach am besten.

 

Deine Ausstellung „Comedy“ besteht aus Werken, die du während deines Aufenthalts im Künstlerhaus Bethanien geschaffen hast. Wie hast du die Residenz dort erlebt?  

Es gab Raum und Zeit zum Nachdenken: 75 Quadratmeter und 6 Monate genauer gesagt. Manchmal wandere ich im leeren Atelier herum und versuche, in der Dunkelheit nicht gegen die Wände, die dann doch nirgends sind, anzustoßen. Zur gemeinsamen Nutzung des Badezimmers mit anderen Künstler*innen könnte man natürlich einiges sagen – aber manches sollte man besser ungesagt lassen. Die Ausstellung sollte zuerst etwas anderes werden und danach ist etwas anderes passiert. Eine Institution möchte immer etwas Bestimmtes, verspricht dann etwas anderes, und schließlich wird es sowieso etwas ganz anderes. Es gab viele Fragen zu den Räumen. Natürlich lief es, infolgedessen, dann doch etwas anders – das liegt in der Natur der Dinge.

 

In Berlin zu wohnen und an der Kunstszene teilzuhaben muss spannend für einen Künstler sein – oder?

In Berlin zu wohnen ist eine Sache und gleich neben dem Kottbusser Tor zu wohnen ist eine andere. Ziemlich lebendig, könnte man sagen! Die Kunstszene als solche finde ich nirgendwo sonderlich spannend, genauso wenig wie Kunst im Allgemeinen. Vor allem im Vergleich mit Leben jenseits der so genannten Szene – denn genau dort passieren ja alle interessanten Sachen. Aber Spannung ist im Leben längst nicht so wichtig wie intellektuelle Herausforderung. Allerdings mag ich viele Künstler*innen hier sehr gern und freue mich sagen zu können, dass ich mit vielen von ihnen befreundet bin. Ich hoffe auch, dass viele von ihnen mich mal anrufen werden, wenn ich nicht mehr hier bin – was nach meinem Geschmack sowieso viel zu früh der Fall sein wird.

 

Was verrät der Name „Comedy“ über die Ausstellung? 

Wenn wir Dante glaube wollen, würde es einfach bedeuten, dass sie ein glückliches Ende hat. Irgendwie aufwärts. Wenn wir Beckett glauben wollen, könnte es genau das Gegenteil sein: man muss es einfach aushalten. Könnte wirklich in beide Richtungen gehen. Ich weiß nicht, wem von beiden man hier eher vertrauen soll. Aber es ist ja ein todernstes Geschäft. Und vieles davon ist ein Geschäft mit dem Tod. Mein Leben fühlt sich oft an wie eine Komödie. Tatsächlich bin ich in den letzten 6 Jahren 25mal umgezogen. Deshalb denke ich viel an Diogenes. Die Ausstellung wird zwei gerahmte Mietverträge enthalten, einen Untermietvertag und einen für ein Grab, und dann ist auch noch eine Tonne dabei.

Reed Still – The Barrel. ©Reed Still

Institutionelle Systeme spielen eine Schlüsselrolle in deiner Arbeit. Wie definierst du „Institution“? 

Eine Institution ist praktisch alles, was einem erzählt, was man zu tun und zu lassen hat, wie lange man es tun darf und was danach passieren soll. Ein Geldgeber. Ein Residenzprogramm. Ein Museum. Ein Vermieter. Ein Friedhof. Ein Gericht. Eine Nation. Ein Vater. Ein Imperium. Eine Institution muss an sich selbst glauben. Und eine Institution verlässt sich auf andere Menschen, die an sie glauben. Vieles von dem, was ich tue, ist, herauszufinden, was überhaupt möglich ist. Und ganz sicher schrumpft die Skala der Möglichkeiten ständig.

 

Was hat dich dazu bewogen, Dokumente und Sprache als Fokus deiner Arbeit zu wählen? 

Der größte Teil meines Lebens dreht sich um Anträge, Verträge, Mietverträge, Visa, Sicherheitsvorschriften, Richtlinien usw. Bürokratie tritt ein, wo die juristische Sprache der materiellen Realität aufgezwungen wird. Man kann sich ihr nicht entziehen. Aber es ist einfach rauszufallen. Oder vielleicht seitwärts reinzufallen. Und je genauer man sich tatsächlich an die erwähnten Regelungen hält, desto schlimmer wird es. Auf jeden Fall absurder. Ein Dokument ist eine Wand, ist eine Tür, ist ein Schloss, ist eine andere Wand.

 

Woher kommen deine Ideen?

Ich würde nicht sagen, dass sie kommen – wir stoßen eher zusammen. Oft ist es etwas, was passiert ist oder was ich nicht ganz erreichen kann. Also versuche ich es immer wieder. In letzter Zeit habe ich viel über Arbeit und Unterkunft nachgedacht. Oft befinde ich mich in Situationen, wo meine Werke untergebracht sind, ich aber nicht.

 

Wie sieht dein Arbeitsablauf aus?

Ich wache ohne Wecker auf, nach mindestens einer halben Stunde versuche ich aus dem Bett zu kommen, oft getrieben von dem Drang, Kaffee zu kochen, und dem Bedürfnis nach einem leichten Frühstück, damit ich nicht anfange zu zittern. Es folgen die Toilette, eine Dusche, das Zähneputzen, ein Spaziergang, ein Mittagessen, viel Herumsitzen im Atelier, Sachen online bestellen, Termine vereinbaren, E-Mails beantworten, ein Abendessen, etwas Wein – und zwischendurch denke ich ständig über verschiedene Dinge nach, und wenn sich dann die Möglichkeit präsentiert, in Form einer Ausstellung, eines Künstleraufenthalts oder einer Förderung, alles Dinge, die, wie ich bereits erwähnt habe, knapp sind, tue ich etwas in Bezug auf die Dinge, über die ich nachgedacht habe. Deshalb versuche ich gerade eine Grabstätte für 20 Jahre zu mieten.

Reed Still – The Grave. ©Reed Still

 

Übersetzung des englischen Originaltextes: Sonja Vaskivuori

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

Neues Residenzprogramm: Reed Still am Künstlerhaus Bethanien

Sonja Vaskivuori ist zurzeit als Volontärin am Finnland-Institut tätig. Sie hat an der Universität Turku den Master-Studiengang Kulturgeschichte absolviert. Nach dem Volontariat möchte sie in einem Museum arbeiten.

Sonja Vaskivuori on parhaillaan harjoittelijana Suomen Saksan-instituutissa. Hänellä on maisterintutkinto kulttuurihistoriasta Turun yliopistosta. Harjoittelun jälkeen hän haluaa töihin museoon.

Sonja Vaskivuori är för närvarande praktikant vid Finlandsinstitutet i Tyskland. Hon har en magisterexamen i kulturhistoria från Åbo universitet. Efter praktiken vill hon arbeta på ett museum.

Sonja Vaskivuori is currently doing an internship at the Finnland-Institut. She holds a Master´s degree in Cultural History from University of Turku. After the internship she wants to work in a museum.

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