Im Interview: Anna Retulainen, Visiting Art/ist am Finnland-Institut

Publiziert: 21.09.2016
Autor: Maija Yrjä
Kategorien: Bildende Kunst

Seit September stellt Anna Retulainen einige ihrer Bilder im Finnland-Institut aus. Die Idee hinter dem 2015 konzipierten Programm Visiting Art/ist ist, dass ein Künstler eine Auswahl seiner Werke für den Zeitraum eines Jahres in den Räumlichkeiten des Instituts präsentiert. Wenn ein Besucher sich für den Kauf eines dieser Werke interessiert, stellt das Finnland-Institut in Deutschland den direkten Kontakt zwischen dem potentiellen Käufer und dem Künstler her, natürlich ohne Vermittlungskosten.

Anna Retulainen, geboren 1969 in Orimattila, zählt zu den führenden Bildenden Künstlern Finnlands. Ihre Werke sind immer wieder sowohl an den wichtigsten öffentlichen Orten in Finnland als auch in Sammlungen zu sehen und werden auch außerhalb Finnlands weithin präsentiert. 2016 ist Anna Retulainen stark präsent in Deutschland; ihre ausdrucksstarke und farbenreiche Kunst war in der Gruppenausstellung Passengers im Berliner Salon Dahlmann und auch in der Ausstellung Let´s get Physical des Kunstkraftwerks Leipzig ausgestellt, bevor einige ihrer Werke nun am Finnland-Institut zu sehen sind. Retulainens Weg führte sie, genauso wie der vieler anderer Finnen, durch einen Zufall nach Deutschland.

– ”Dass meine Arbeit größtenteils in Ausstellungen präsentiert wird, ist Teil einer unabwendbaren Reihe von Geschehnissen, in denen ich selbst nur eine kleine Rolle gespielt habe. Deutschland ist diesmal aus reinem Zufall mein zweites Zuhause geworden, und vor allem in Berlin fällt es leicht, sich als Finnin wohl zu fühlen. Natürlich freut es mich immer ganz besonders, wenn meine Werke in Ausstellungen aufgenommen werden“, meint Retulainen.

Ihre Gemälde kennt man für ihre mutige Farbverwendung, den expressionistischen Stil sowie ihr Spiel mit Bewegung und Veränderung. Die Werke der Künstlerin befinden sich jedoch fortwährend in einem Zustand der Veränderung, was den kreativen Prozess einerseits beängstigend, andererseits aber auch befriedigend macht. Doch von dem ständigen Wechseln des Arbeitslandes abgesehen, hält Retulainen an bestimmten Routinen fest:

– ”Mein Arbeitsprozess verläuft letztendlich immer gleich: Ich laufe umher, denke nach, zeichne und am Ende male ich. Gartenarbeit und Mountainbikefahren sind auch Teile meiner Arbeit. Beides hilft mir mich zu konzentrieren, denn während ich male, brauche ich Stille und möglichst vollkommene Ruhe.“

Ganz im Sinne der Themenschwerpunkte des Finnland-Instituts 2016 – (künstlerische) Mobilität und Migration – ist Retulainen ständig in allen möglichen Ecken der Welt unterwegs. In Großbritannien, Frankreich, Afrika, Italien und Australien hat sie bereits gearbeitet, und nun ist das bunte Berlin an der Reihe. Die Stadt reizte besonders durch die Leichtigkeit, auch das große Kulturangebot und das vergleichsweise niedrige Preisniveau spielten bei der Wahl eine Rolle. Besonders die Oper und klassische Musik faszinieren Retulainen, und eben dafür kann es wohl kaum einen besseren Ort geben. Im Gegensatz zu weit verbreiteten Vorurteilen bietet Berlin auch gute Möglichkeiten für ruhige Momente und für Einsamkeit; diese Ruhe braucht ein Künstler für das fruchtbare Arbeiten.

Internationalität und Mobilität sind auch in Retulainens Arbeit sichtbar. Die im Salon Dahlmann ausgestellten Werke der Ausstellung Passengers fassten u.a. die Atmosphäre von Australien, Leipzig und Wien in bunten Zeichnungen. In den am Finnland-Institut zu sehenden Bildern wiederum tauchen bekannte Orte in Berlin auf.

– ”Ich male, damit ich mich erinnere und daran glauben kann, dass das Geschehene real ist. Ich male meinen Alltag, Veranstaltungen und Orte, die ich besuche. Die Werke, die im Salon Dahlmann und im Finnland-Institut in Deutschland zu sehen sind, repräsentieren Körperlichkeit und mein eigenes Selbst, meine Lebensweise und mein Sein.“

Auch in Zukunft möchte Retulainen ihre Arbeit zwischen Berlin und Helsinki aufteilen. Zusätzlich zum Finnland-Institut können Retulainens Kunstwerke dieses Jahr auch noch im Helsinki Art Museum (HAM) und, gemeinsam mit Werken von Jukka Korkeila und Elina Merenmies, im Serlachius-Museum bewundert werden. Und vermutlich noch andernorts, denn Retulainens Kunst ist ja immer in Bewegung.

Autorin: Maija Yrjä
Übersetzung aus dem Finnischen: Johanna Meinel

https://helsinkicontemporary.com/artist/anna-retulainen

Anna Retulainen beim Anbringen ihres Werkes (Foto: Maija Yrjä)
Background image