Deutsch-finnische Beziehungen seit dem Mauerfall – ist das überhaupt ein Thema?

Publiziert: 7.03.2013
Autor: Jan Hecker-Stampehl
Kategorien: Politik, Wissenschaft

Beim kürzlich in Berlin abgehaltenen Deutsch-Finnischen Historikerseminar gab es am Abend des ersten Tages eine Podiumsdiskussion, die von unserem Organisationsteam gemeinsam mit der Botschaft von Finnland organisiert wurde. Die Frage für mich war trotz des illustren und kompetenten Podiums, ob sich über die deutsch-finnischen Beziehungen der letzten 20 Jahre denn kontrovers genug diskutieren ließe. Wirkt die Geschichte der finnischen Beziehungen zum geteilten Deutschland im Vergleich nicht ungleich spannender, ist mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Einzug der Globalisierung Finnland für die Deutschen nicht eher unwichtig geworden? Durch den Fokus auf die gegenseitigen Wahrnehmungen eröffnete sich jedoch eine facettenreiche Diskussion, die weit über das Aufzählen politischer und wirtschaftlicher Fakten hinausging. Es ging vielmehr um eine gewissermaßen kulturwissenschaftliche Deutung. In Berlin stieß das Thema auf reichlich Interesse: Das Auditorium im Felleshus (Gemeinschaftshaus) der Nordischen Botschaften war mit über 80 Personen gut gefüllt.

Eine Beziehung zwischen einem so großen Land wie Deutschland und einem kleineren Partner wie Finnland sei unweigerlich asymmetrisch, so Petri Hakkarainen, Diplomat und Historiker, derzeit Gastforscher in Potsdam. In finnischen Tageszeitungen, darauf wies die Kölner Fennistik-Professorin Marja Järventausta hin, vergehe kaum ein Tag, ohne dass Deutschland in irgendeiner Weise erwähnt würde. Für die Deutschen stelle Finnland einen Zufluchtsort dar, auf den man eine Reihe von Vorstellungen projiziere. Finnland ist exotisch genug, um sich von den Urlaubszielen des Massenpublikums abzuheben, aber kulturell vertraut und nah genug, um nicht zu irritieren, so der Tourismus-Experte Jan Badur aus Bochum. Hartmut Schröder, Linguistik-Professor in Frankfurt/Oder wies wiederum auf die Verschiedenheiten in der Kommunikations- und Diskussionskultur hin. Den Finnen gelinge es – so die einhellige Meinung –, sich durch kulturelle Erfolge positiv zu vermarkten. Insbesondere Musik und Architektur oder der oft bemühte Bildungssektor waren nur einige der Beispiele. Wirtschaftlich und finanzpolitisch machten die Finnen eine gute Figur, Deutschland bleibe als Handelspartner wichtig und die Eurokrise bot zuletzt gar die Chance, eine gemeinsame finnisch-deutsche Agenda in Sachen Euro-Rettung zu suggerieren.

Es gibt aber auch eine weitere Seite am Finnlandbild der Deutschen: Die Finnen als auf liebenswerte Art skurriles Völkchen. Wer Handyweitwurf und Luftgitarrenspielen zu wettkampfreifen Sportarten erhebt, kann nicht ganz richtig ticken – aber das nimmt man den Finnen nicht übel. Es gebe doch kaum ein Land, so die These von Moderator Wolfram Eilenberger, von dem auf deutscher Seite so (nahezu) uneingeschränkt positive Bilder existierten. In der Tat scheinen die Finnen wenig falsch machen zu können. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass die meisten Deutschen herzlich wenig über Finnland wissen. Petri Hakkarainen stellte die provokante Frage, ob man aus Diplomaten-Sicht nicht alles tun müsse, damit das Wissen so gering bleibe – damit ja das ungetrübte Finnlandbild der Deutschen bestehen bleibe! Mit Unwissen und Desinteresse haben viele, die sich wissenschaftlich oder kulturell um den Norden Europas kümmern, zu kämpfen: Eine konfliktfreie, wirtschaftlich stabile und wenig politischen Sprengstoff bietende Region wie Nordeuropa wird die deutsche Aufmerksamkeit nicht im selben Maße strapazieren wie die vielen Krisenherde der Welt.

Ein Aspekt, der mir noch länger im Kopf blieb, waren die Feststellungen über die Normalität der Beziehungen. Es gibt keine großen Konflikte, alles läuft sehr gut im deutsch-finnischen Miteinander, und böse Worte wie „Finnlandisierung“ sind aus dem deutschen Wortschatz verschwunden. Offensichtlich gilt also auch für Finnland, was Bundeskanzler Gerhard Schröder 2000 über die deutsch-norwegischen Beziehungen äußerte, nämlich, das größte Problem sei, dass es kein Problem gibt.

Dr. Jan Hecker-Stampehl arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für nordeuropäische Geschichte bei der Humboldt-Universität zu Berlin.

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