Für die Freiheit

Publiziert: 3.09.2014
Autor: Sami Sillanpää
Kategorien: Literatur, Medien und Presse, Politik

Wie ist es, unter ständiger Überwachung zu leben? Wie kann man bei Verstand bleiben, wenn einem ständig jemand auf den Fersen ist, die Telefonate abhört, einen am Verlassen des eigenen Hauses hindert? Ein solches Leben war für viele Menschen in der ehemaligen DDR der normale Alltag – und genauso sieht es für viele im modernen China aus.

Um den Kampf um die Freiheit im Alltag geht es in meinem Buch „Für die Freiheit: Der Kampf der chinesischen Menschenrechtler Hu Jia und Zeng Jinyan“ (finnisches Original: Kiinalainen rakkaustarina – kahden toisinajattelijan elämä salaisen poliisin varjossa; WSOY 2013), das kürzlich beim Herbig-Verlag erschienen ist. Es ist die wahre Geschichte von zwei chinesischen Demokratieaktivisten in Beijing.

Die junge Chinesin Zeng Jinyan und ihr Mann Hu Jia werden aufgrund ihrer politischen Ansichten von der chinesischen Sicherheitspolizei verfolgt. Die hart zugreifenden Polizisten in Zivil tun ihr Bestes, um das Ehepaar durch die tägliche Störung in den Wahnsinn zu treiben. Zeng und Hu werden jahrelang in ihrem eigenen Zuhause in einem gewöhnlichen Wohnhaus im östlichen Teil von Beijing gefangen gehalten.

Eine Schar von Polizisten hält Tag und Nacht Aussicht vor dem Haus, es werden keine Besucher hineingelassen, auch keine Bewohner heraus. Ironischerweise liegt das Haus in einem Viertel namens „Stadt der Freiheit“.

Wenn es vorkommt, dass Zeng und Hu die Erlaubnis bekommen, ihr Haus zu verlassen, werden sie von den Beamten der Sicherheitspolizei verfolgt, sogar bis in den Supermarkt. Ihrer Arbeit dürfen sie auch nicht nachgehen. Ihre Freunde und Verwandten werden eingeschüchtert. Hu Jia wird oft gewalttätig angegriffen. Immer wieder verschleppt ihn die Polizei an unbekannte Orte. Selbst die Tochter von Zeng und Hu kommt im Krankenhaus unter Überwachung durch die Geheimpolizei zur Welt.

Was hat all dies mit Deutschland zu tun? Als ich Zeng Jinyan im Frühjahr 2012 in Beijing für mein Buch interviewte, war sie sehr verängstigt. Albträume quälten sie. Die jahrelange Überwachung hatte sie beinahe zusammenbrechen lassen. Dann erfuhr sie aber Trost durch ein Buch, das aus dem Deutschen ins Chinesische übersetzt worden war. Das Buch, dessen Titel mir leider entfallen ist, erzählte von den Erfahrungen von Ostdeutschen, die unter der täglichen Überwachung durch die Stasi leben mussten. Für Zeng war es tröstlich zu erfahren, dass auch andere Menschen mit ähnlichen Schicksalen zu kämpfen gehabt hatten. Wichtig war vor allem, dass sie für sich eine neue Hoffnung durch die Lektüre schöpfen konnte, das alles doch noch durchzustehen. Diejenigen, die damals von der Stasi verfolgt wurden, hatten sich durch ihre Überzeugung bestärkt, bei ihrer Bemühung um Freiheit Recht zu haben; sie waren sich sicher, dass die Geschichte ihnen dies eines Tages bestätigen würde.

Hu und Zeng haben für ihre Arbeit für die Menschenrechte zahlreiche Preise in den westlichen Ländern bekommen – Hu Jia wurde auch einmal für den Friedensnobelpreis nominiert. Beide haben sich in Kampagnen für das Recht der freien Meinungsäußerung und die gesetzlich gesicherte Ordnung eingesetzt. Doch die Kommunistische Partei Chinas hält die Gedanken von Hu und Zeng für eine Gefahr für ihre Alleinherrschaft.

Genauso wie damals in der DDR gilt die Verfolgung des chinesischen Systems nicht allein den politischen Dissidenten, sondern auch ihren Familien. Zeng Jinyan war nicht von Anfang an eine Rebellin, doch sie verliebte sich in den Dissidenten Hu Jia. So musste sie zwischen zwei Alternativen wählen: entweder auf die Liebe verzichten oder ihre eigenen Rechte gegen das System verteidigen. Das Recht, einen anderen Menschen zu lieben, ist ein grundsätzliches Menschenrecht. Doch bei der Liebesbeziehung von Zeng und Hu mischt von Anfang an noch ein dritter Faktor mit, die Geheimpolizei. Sie raubt dem Paar jegliche Privatsphäre. So gelingt es dem System, sich in das Allerintimste von Zeng und Hu, ihre Liebe, hineinzudrängen.

Zeng und Hu haben alles überstanden, doch die mentalen Traumata werden sie wohl nie verlassen. Ähnlich müssen viele Menschen aus dem ehemaligen Osten Deutschlands, die die Verfolgung überlebt haben, mit ihren Wunden aus der Vergangenheit leben. Die deutsche Gesellschaft hat sich auf eine Art und Weise mit ihrer schwierigen Geschichte auseinandergesetzt, die Lob verdient. Die DDR und die Stasi fanden vor knapp 25 Jahren ihr Ende. Danach entschied sich das vereinte Deutschland für die Versöhnung durch Offenheit. Die Stasi-Archive wurden geöffnet. Die Verbrechen mussten ans Tageslicht kommen, um eine Versöhnung herbeizuführen.

Auch über Zeng und Hu gibt es Akten in den Archiven der chinesischen Geheimpolizei. Vermutlich umfassen die Archivmaterialien Überwachungsberichte, Fotos, Niederschriften abgehörter Telefonate sowie Duplikate von E-Mails. Eventuell gibt es dort auch ein Video, das die Beamten der Geheimpolizei während der Geburt der Tochter von Zeng und Hu drehten. Wahrscheinlich werde auch ich in den Archivaufzeichnungen genannt, denn aufgrund meiner Arbeit besteht der Kontakt zu Zeng und Hu bereits seit mehr als zehn Jahren.

Eines Tages werden auch diese Archive geöffnet werden. Bis es soweit ist, schöpfen Zeng, Hu und viele weitere verfolgte Chinesen Hoffnung durch das Beispiel der Menschen in Ostdeutschland, die ihre Freiheit erlangt haben.

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Sami Sillanpää ist Chef der Auslandsabteilung der größten finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat. 2003 – 2008 war er China-Korrespondent dieser Zeitung.

Link zur deutschen Fassung des Buches hier
Übersetzung: Anu Katariina Lindemann

Link zum finnischsprachigen Original des Buches hier

(Übersetzung des Blogtextes aus dem Finnischen: Suvi Wartiovaara)

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