Die Freude über das Unerwartete

Publiziert: 4.12.2013
Autor: Annika Tudeer
Kategorien: Gesellschaft, Sonstiges, Tanz, Theater

Entertainment Island ist eine kraftvolle Urladung von zweieinhalb Stunden physischer und psychischer Energie. Vielleicht ist die Performance genau deswegen so populär geworden.

Auch wenn man nicht alles versteht, hält man trotzdem Schritt, weil man eben nicht die ganze Zeit verstehen muss. Persönlich bin ich am meisten fasziniert von Aufführungen, die ich nicht ganz verstehe. Dann kann ich an ihnen länger im Nachhinein kauen und sie mit ihrem manchmal mysteriösen Wesen und mit oft subtilem und vielschichtigem Humor über mich fließen lassen. Strukturen und Impulse verkosten. Selbst wenn die Aufführung an sich an Ort und Stelle mitreißend sein sollte, ist es trotzdem entscheidend, was man am nächsten Tag im Kopf hat.

Deswegen liebe ich es, wie meine deutschen FreundInnen mit Leidenschaft darüber diskutieren, was sie gerade auf der Bühne gesehen haben. Stundenlang können sie über die Aufführung diskutieren: die Struktur, den Inhalt, die Inszenierung, den kulturellen Kontext. Ich selbst habe meistens gleich nach der Aufführung wenig zu sagen und zweifle an meinen Einfällen, weil sie sich so undurchdacht und schlecht formuliert anfühlen. Besonders wenn es eine Aufführung ist, die mir gefallen hat, die ich aber nicht ganz begreifen kann, kann ich kaum etwas darüber sagen. Anstatt dessen murmele ich etwas Diffuses über dieses und jenes und über mein Verständis, was im Schnittpunkt zwischen dem Unvorstellbaren und dem Ausgesprochenen geboren ist. Und dazu ergänze ich: ich muss es sinken lassen. Auch mit der Folge, dass ich mir sehr langweilig vorkomme.

Looking good zusammen

In Entertainment Island gibt es Erkennusfaktoren, die einen mitreißen, und die Themen Populärkultur und Unterhaltung versteht man sowieso die ganze Zeit. Es erstreckt sich über das begeisterte Mantra ”looking good” in Entertainment Island 1 und die Welt aus Pappmaché im Teil 2, das vor den Augen des Publikums durch eine seltsame Erzählungsweise auf einer leeren Bühne aufgebaut wird, bis zu dem dritten Teil, wo die sadomasochistische Welt von Disney-Figuren besiedelt ist. Zuschauer werden in einer Art hermeneutischen Ping-Pong-Spiel hin und hergeworfen, wo alles schließlich in der Fantasie passiert und Resonanz durch den Körper gibt.

Die Trilogie Entertainment Island ist in der Zeit von drei Jahren entstanden. Die Absicht war nie, es abendfüllendes Programm zu gestalten, sondern pietätsvoll an drei Abenden zu präsentieren, was ein Albtraum für sämtliche Festivalveranstalter gewesen wäre. Als Christopher Hewitt vorschlug, dass wir das alles zusammen bündeln sollten, starrten wir auf ihn und protestierten wild: ”Nein, das geht nicht, es wird viel zu lang. Wir schaffen es nie. Das Publikum schafft es nie.” Seit 2010 tourt es nun von Station zu Station durch die Lande in Europa. Die Aufführungen sind natürlich dichter geworden; was früher an die drei Stunden gedauert hat, dauert jetzt ungefähr zweieinhalb Stunden, vor allem weil wir auf die längere Pause zwischen den zwei letzten Teilen verzichtet haben.

Ich liebe den Anfang der Performance, wo wir das Publikum einströmen sehen und wissen, dass wir sie den ganzen Abend lang in das Universum von Oblivia begleiten werden. In Richtung des Universums, zu dem seit der Entstehung von Entertainment Islands ein fiktives Museumsgebäude über unsere postmoderne Zeit gehört. Aber die Aufführungen des Projekts MOPMA – Museum of Postmodern Art sind eine andere Geschichte mit neuen Referenzrahmen und neuer Szenenarbeit, was nie ohne Entertaintment Island entstanden wäre.

Oblivia tritt beim Nordwind Festival 4.-5.12. in HAU 2 in Berlin und 12.-13.12. in Kampnagel in Hamburg auf.

Oblivia.fi

Besuchen Sie auch unseren Blog BLOGMA

Oblivia ist eine einmalige Kraft auf dem Gebiet der darstellenden Kunst in Finnland und die am meisten internationale freie Gruppe des Landes. Die Gruppe wurde  2000 in Helsinki gegründet. Oblivia hat ein großes internationales Interesse durch die innovative Formsprache, den Humor und die starke Ensemblearbeit erweckt. Oblivia macht internationale Touren und hat ihre Basis in Helsinki. Heutzutage arbeitet Oblivia mit der Performanceserie MOPMA – Museum of Postmodern Art, deren dritter Teil ”MOPMA 3” Premiere in Deutschland im PATHOS-Theater in München haben wird. PATHOS ist Koproduzent mit dem Baltic Circle-Festival (Helsinki) für ”MOPMA 3”.

Übersetzung: Jutta Reippainen

© credit to Eija Mäkivuoti.
Background image