SOOLO: Stimmen der zeitgenössischen Musik

Publiziert: 10.01.2014
Autor: Katri Saarikivi
Kategorien: Musik, Wissenschaft

Die Musik lebt ihr eigenes Leben im Gehirn

Der Musikgenuss ist ein Phänomen, das wir von überall auf der Welt kennen. Für das Zuhören ist keine vorherige Übung erforderlich, denn jeder Mensch verfügt über mehrere Gehirnmechanismen, die das Wahrnehmen von Musik ermöglichen. Die Musik kann jedoch auf vielfältige Weise die Entwicklung des Gehirns beeinflussen, viele Fähigkeiten und sogar die Erholung von Gehirnschäden fördern. Mehrere Studien der Universität Helsinki erforschen derzeit, in welchem Umfang Musik eine Wirkung auf die Gehirnfunktionen ausüben kann.

Das Erleben von Musik setzt die Wahrnehmung von unterschiedlichen Toneigenschaften voraus, was im Gehirn sowieso automatisch geschieht, unabhängig von dem musikalischen Hintergrund des Zuhörers.[1] Der Musikgenuss ist wiederum eine subjektive Erfahrung, bei der sich die Wahrnehmung des Tons mit Gefühlen und Erinnerungen verschmelzt. Musik löst im Gehirn sichtbare Wirkungen aus: allein das Zuhören aktiviert über das Gehörsystem hinaus Gebiete, die sich mit der Regulierung von Gehirnbewegungen und Emotionen befassen.

Die Musik kann das Gehirn auch verändern. Das Gehirn eines Musikers unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht – funktional wie auch strukturell – von dem eines Laien. Bei Musikern sind die für Motorik und Gehör zuständigen Bereiche des Gehirns stärker ausgeprägt,[2] welche die verschiedenen Eigenschaften der Töne effektiver prozessieren. Die neuesten Forschungsergebnisse legen nah,dass solche Unterschiede nicht angeboren, sondern eine Folge der musikalischen Förderung sind.[3]

Es konnte festgestellt werden, dass das Musizieren auch Bereiche aktiviert, die nicht direkt im Zusammenhang mit der Musik stehen. Vor allem in der Kindheit besteht ein Zusammenhang zwischen musikalischer Aktivität und  besseren Ergebnissen bei Aufgaben, die Gedächtnis, Konzentration und sprachliche Fähigkeit messen.[4] In Zukunft wird die Erforschung dieser Art von Transfer-Folgen von Musik womöglich zeigen, inwiefern Musik eingesetzt werden kann, um beispielswiese Menschen mit Lernschwierigkeiten zu helfen.

Die positiven Auswirkungen von Musik setzen aber nicht immer aktives Musizieren oder Singen voraus. Neue Forschungsergebnisse des Exzellenzzentrums für interdisziplinäre Musikforschung (Music Centre of Excellence in Interdisciplinary Music Research) der Universität Helsinki zeigen, wie vielfältig die Musik im Alltag einen Einfluss auf das Gehirn ausübt.

  • Bei Patienten mit Gehirnschäden wurde festgestellt, dass tägliches Hören der Lieblingsmusik nicht nur den Heilungsprozess des Sprachgedächtnisses sowie die Konzentrationsfähigkeit förderte,  sondern auch den Gemütszustand positiv beeinflusste.
  • Bei Kindern im Vorschulalter bewirkten gemeinsame musikalische Spiele und Singen mit den Eltern eine Verbesserung im Umgang mit Geräuschen und eine höhere Konzentrationsfähigkeit. Link (englischsprachig)
  • Babys konnten sich an Melodien erinnern, die sie während der Schwangerschaft gehört hatten, was beweist, dass Musik die Entwicklung des Gehirns sogar bereits vor der Geburt beeinflussen kann. Link (englischsprachig)

Der Musikgenuss ist ein wichtiger Teil des Alltags vieler Menschen, und ihre wohltuende Wirkung ist offensichtlich. Anhand der neuesten Forschungsergebnisse können wir besser denn je verstehen, wie vielfältig und durch welche Mechanismen die Musik das Gehirn, das Wohlbefinden und das Lernen beeinflussen kann.

Übersetzung: Suvi Wartiovaara

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[1] Koelsch, S., Gunter, T., Friederici, A. D., & Schröger, E. (2000). Brain Indices of Music Processing: “Nonmusicians” are Musical. Journal of Cognitive Neuroscience, 12(3), 520–541. doi:10.1162/089892900562183

[2]  Gaser, C., & Schlaug, G. (2003). Brain Structures Differ between Musicians and Non-Musicians. The Journal of Neuroscience, 23(27), 9240–9245.http://www.jneurosci.org/content/23/27/9240

[3] Putkinen, V., Tervaniemi, M., Saarikivi, K., Ojala, P., & Huotliainen, M. (painossa) Enhanced development of auditory change detection in musically trained school-aged children. Developmental Science.

[4] Schellenberg, E. G., & W. Weiss, M. (2013). 12 – Music and Cognitive Abilities. In The Psychology of Music (Third Edition) (pp. 499–550). Academic Press. http://www.erin.utoronto.ca/~w3psygs/SchellenbergWeissPoM.pdf

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