Im Interview: Anni Leppälä, Visiting Art/ist am Finnland-Institut

Publiziert: 28.09.2017
Autor: Rebecca Suoranta
Kategorien: Bildende Kunst

Seit September 2017 ist Anni Leppälä Gastkünstlerin am Finnland-Institut. Die Idee hinter dem Konzept Visiting Art/ist, das im 2015 eingeführt wurde, bestegt darin, einem Künstler oder einer Künstlerin die Möglichkeit zu bieten, seine/ihre Werke für ein Jahr in den Räumlichkeiten des Finnland-Instituts zu präsentieren. Sollte sich ein Besucher sich für ein Werk interessieren, stellt das Institut gern den Kontakt zwischen dem Künstler/der Künstlerin und dem potentiellen Käufer her.

Anni Leppälä, geboren 1981, ist eine aufstrebende Fotografin aus Helsinki. Sie studierte Fotografie an der Kunstakademie und Fachhochschule in Turku und später noch an der Hochschule für Kunst, Design und Architektur der Aalto-Universität in Helsinki. 2010 wurde ihr das Stipendium Junge Künstlerin des Jahres zuerkannt und die Möglichkeit angeboten, eine eigene Ausstellung im Kunstmuseum Tampere zu halten. Im Anschluss an diese Ausstellung veröffentlichte das Kunstmuseum in Tampere auch einen Bildband mit Fotografien Anni Leppäläs.
Bereits seit 2006 sind Werke von Anni Leppälä Werke international ausgestellt worden, u.a. in Gruppenausstellungen in Japan, Deutschland, Spanien, Frankreich und in den USA. Ihre jüngsten Soloausstellungen fanden 2017 im Kunstverein Schwäbisch Hall, im Gallery Taik Persons (2016), im Centre d’art Gwinzegal in Guingamp/Frankreich (2016), beim Photo Festival Ghent und in St Peter’s Abbey in Gent/Belgien (2015), am Kunstmuseum in Turku/Finnland (2014), in der Galerie Les filles du Calvaire in Paris (2014) sowie in der Purdy Hicks Gallery in London (2014) statt.

Woher rührt Dein Interesse für Fotografie und was ist Deiner Meinung nach das Schönste am Fotografieren?

„Zu fotografieren begonnen habe ich durch einen Fotografiekurs in der Oberstufe. Als ich nach dem Abitur 2000 in die Kunstakademie in Turku aufgenommen worden war, hat sich mein Interesse am Kunststudium immer weiter vertieft. Anfangs faszinierte mich besonders das Verhältnis der Fotografie zur Vergangenheit und zu Erinnerungen und auch, dass Fotografien einem irgendwie ermöglichen, zu einem bestimmten Moment zurückzukehren. Seither hat sich mein Interesse auf die verschiedenen Ebenen der Beziehungen zwischen der sichtbaren Welt und der Erfahrung des Erkennens ausgeweitet. Als Material sind Fotografien äußerst wandlungsfähig, und neben ihrer Realitätsnähe gibt es immer auch eine Möglichkeit einer Fiktion, eines Narrativs. Realität und Fiktion, das Sichtbare und Unsichtbare, können durch Fotografie gemischt werden.“

Könntest Du etwas über Deinen Arbeitsprozess erzählen?

„Für meinen Arbeitsprozess ist es immer von zentraler Bedeutung, durch das Kombinieren von Bildern neue Entdeckungen zu machen. Wenn Bilder aufeinander treffen, entstehen neue Gedanken, die zuvor nicht evident oder sichtbar gewesen sind. Diese Verbindungen bieten auch einen Ausgangspunkt für neue Bilder.
Ich fotografiere oft viel auf einmal, verschiedene Variationen, und treffe die abschließende Auswahl daraus erst später. Die Bearbeitungsphase ist ein wichtiger Teil des Arbeitsprozesses. Zentral ist dabei auch, wie ein Bild sich mit meinen anderen, schon existierenden Werken verbinden lässt und was für Bedeutungen und Verbindungen sich zwischen den Bildern formen. Manchmal kann die Zeit zwischen dem Fotografieren und der Auswahl des Bildes lang sein. Ich greife dann zur Sache nach Material auch immer wieder auf mein Archiv zurück. Oft muss man die Bilder erst gedanklich reifen lassen, bevor sie sich als realisierbare Werke konkretisieren. Es ist auch wichtig, eine passende Größe, einen Maßstab für die Arbeiten zu finden. Ich arbeite eher nicht an Serien, sondern Schichtung in der Gesamtheit der Werke verändert sich ständig, und ich füge immer neue Bestandteile hinzu.“

Welche Faktoren haben Deinen Fotografierstil besonders beeinflusst?

„Ich finde und sammle Einflüsse aus unterschiedlichen Quellen: aus der bildenden Kunst, Literatur und Musik. Auch die Arbeit selbst führt einen während der Entwicklung zu verschiedenen Themen. Ich glaube, dass der sogenannte ‚Stil‘ auch etwas ganz Natürliches ist, wie ein Fingerabdruck – etwas, das einen Schritt für Schritt im Prozess begleitet. Hinter der Entwicklung des eigenen Stils liegen oft verschiedene Einflüsse, die meine Art die Welt zu betrachten und an etwas heranzugehen gesteuert haben.

Was macht Deiner Meinung nach ein gutes Bild aus?

„Ich suche in Bildern nach einer Erfahrung des Erkennens, nach etwas, das sich bewegt und außerhalb der sichtbaren Fläche ausweitet. Ich interessiere mich für die Verbindung zwischen der sichtbaren und der erfahrenen Welt. Bilder können in einer interessanten Weise als Vermittler zwischen diesen zwei Welten dienen. Ein Bild kann einen Gegenstand oder Exemplar darstellen und gleichzeitig seine Bedeutung umformen. Eine freie und offene Assoziation ist für meine Werke wichtig und ich hoffe, dass sich das Bild auch dem Betrachter durch eine lebendige und intuitive Wahrnehmung öffnet.

In Deinen Fotografien spielt die Natur eine große Rolle. Welche Bedeutung haben die Natur und Natürlichkeit für Dich?

„Landschaft, Wald, Bäume und der wechselnde Charakter des Lichtes in verschiedenen Jahreszeiten haben Einfluss auf meine Bilder. Eine innere Erfahrung kann beispielsweise in einem Lichtfleck auf einem Tannenzaun oder in der Form eines Baumastes ihre Entsprechung finden. Die Natur und Umgebung beziehen sich auch auf zeitlose Formen und Materialien. In letzter Zeit interessiere ich mich besonders für dem Begriff „Hyle“, der im antiken Griechenland ursprünglich das Material als Gegenteil der Form bedeutet hat, aber auch den Rohstoff Holz.

www.annileppala.fi

Übersetzung aus dem Finnischen: Maija Toivonen

Anni Leppälä vor ihren Werken im Zimmer der Leiterin des Finnland-Instituts. © Finnland-Institut/Rebecca Suoranta
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