SOOLO: Stimmen der zeitgenössischen Musik

Publiziert: 19.11.2013
Autor: Juho Laitinen
Kategorien: Musik

Das Manifest der Klanghaftigkeit

Mein Konzert in Berlin hat, genau wie alle meine Auftritte, Kompositionen, Artikel und mein Unterricht in der letzten Zeit sehr eng mit einem Thema zu tun, mit dem ich mich seit bereits sieben Jahren im Rahmen meiner Doktorarbeit befasse. In meiner Dissertation, die am 16.11.2013 zur Prüfung vorgelegt wurde, komme ich − unterstützt von Pythagoras, Boethius und Buddha-Dharma − zu dem Schluss, dass die Musik mit der sie umgebenden Wirklichkeit eins ist. Meine Thesen habe ich zu einem Manifest der Klanghaftigkeit zusammengestellt, in dem ich wie folgt argumentiere:

Die Klanghaftigkeit lässt sich wie eine Spirale vorstellen, deren Ausgangspunkt der Mensch ist − kreativ, vibrierend und Vibration erzeugend. Die Spirale wiederum umfasst dieses Instrument, das die Resonanz verstärkt. Sie erweitert sich in einem Raum, in dem die Musik – zusammen mit den Anwesenden – stattfindet, und ihr Weg setzt sich weiter in der sie umgebenden Wirklichkeit fort.

Die Grundlage für die Musik ist ein Urklang: ein Schrei, ein Seufzen, ein Summen. Der Klang ist organisch und physisch, er ist Materie, die vibriert und tangiert. Er ist Körperlichkeit, die sich mit dem Geist vereint.

Es gilt, für die Grenzenlosigkeit der menschlichen Kreativität zu sorgen. Ein Musiker, der physisch und psychisch eins mit sich selbst ist, versteckt sich nicht hinter materiellen oder immateriellen Konstruktionen, sondern akzeptiert seine geistigen wie auch banalen Impulse als Teil der Klanghaftigkeit. Er wagt es, gleichzeitig stark und schwach zu sein.

Der Musiker und der Zuhörer stehen sich gleichwertig gegenüber und sind in gleichem Maße für das Entstehen der kollektiven Klanghaftigkeit verantwortlich. Beide sollen sie eine umfassende Präsenz anstreben und ihre Lust, ihre Befriedigung und ihr Gleichgewicht genauso wie ihre Abscheu, Enttäuschungen und Wankelmütigkeit als Teil von sich selbst akzeptieren. Bei diesem Bestreben unterstützen die Mitglieder einer Gemeinschaft einander.

Das Ritual der künstlerischen Darstellung muss von Künstlichkeit und Hierarchie bereinigt werden. Es gilt, zu einer archaischen, körperlichen und mystischen Musik zurückzukehren, die keinen Unterschied zwischen dem Hohen und Niederen, dem Geistigen und dem Physischen macht. Ziel ist nicht die Aufführung, sondern eine Momentaufnahme des Kontinuums: der gemeinsamen Reise in das tiefere Verständnis der Wirklichkeit.

Es hat sich gezeigt, dass die Instrumente, die für gewöhnlich zur Erzeugung von Musik eingesetzt werden, nicht mehr ausreichen. Neue Instrumente sollten an ungewöhnlichen Stellen ausfindig gemacht werden. Das klangliche Potenzial der bereits existierenden Instrumente sollte weiterhin untersucht und genutzt werden. Beim Instrumentenbau sollte Individualität, nicht Gleichgewicht, angestrebt werden.

Die Musik sollte vom Gefängnis der Gleichschaltung befreit werden. Die Intonation soll auf die körperlich bekannte Resonanz − – umgeben von naturreinen Intervallen – aufgebaut werden.

Es gilt, gegen die Notationstraditionen anzukämpfen, die den Eigenwert des Klangs ignorieren und militant hierarchisch aufgebaut sind; an ihrer statt soll eine mannigfaltigere und subjektivere Kommunikation angestrebt werden.

Holistische Improvisation, die die Augenblicklichkeit und die Undefinierbarkeit preist, ist die umfassendste und daher die höchste Form der Musik.

Die Musik fließt, unabhängig von den Ambitionen des Menschen. Die Klanghaftigkeit benötigt keine Musikhäuser, Kunsthochschulen oder Fördereinrichtungen. Wenn wir innehalten und die Illusion aufgeben, Musik kontrollieren zu können, werden wir in der Lage sein zu hören, wie die Wirklichkeit vibriert und klingt.

Übersetzung: Suvi Wartiovaara

Juho Laitinen ist Cellist, Komponist, Lehrer, Autor und Festivalleiter. Mit einem Programm für Cello und Elektronik tritt er am 27.11.2013 in der Konzertreihe des Finnland-Instituts auf: „SOOLO. Konzereihe für zeitgenössische Musik“.

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Photo: Maarit Kytöharju
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