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© Kaarina-Sirkku Kurz

„Ich begegne jedem Bild als Individuum und befrage es: ,Wie möchtest du erscheinen?’“

Kaarina-Sirkku Kurz ist 2026 im Rahmen des Programms Visiting Art/ist Gastkünstlerin am Finnland-Institut. Das Arbeitsfeld der in Berlin lebenden Künstlerin ist die Fotografie; in ihrer Ausstellung „Reaching, Grasping, Wondering“ zeigen sich in drei Werkreihen verschiedenste inhaltliche Ansätze, bemerkenswerte technische Umsetzungen und das Hinterfragen von Materialität. Linnéa Sverker hat Kaarina-Sirkku Kurz zum Interview getroffen.

 

Kannst du ein bisschen über deinen Hintergrund erzählen?

Ich bin zweisprachig in Steinau an der Straße aufgewachsen. Mein Vater, meine Äiti (dt. Mutter), meine Schwester und ich haben die Sommer in Finnland im Kreis der großen Verwandtschaft verbracht. In meiner Jugend kam das Bedürfnis auf, auch einmal für eine längere Zeit in Finnland zu sein als nur in den Ferien und das Land auch unabhängig von der Familie kennenzulernen. So habe ich mich nach dem Vordiplom an der Hochschule für Künste in Bremen entschieden, ein Auslandssemester in Helsinki zu machen. Letztlich habe ich mein Studium dort fortgesetzt und abgeschlossen und insgesamt siebeneinhalb Jahre in Finnland gelebt.

 

Erzähle doch bitte von deinem Studium!

Für mich war es nicht selbstverständlich, dass ich überhaupt einmal studieren würde. Ich habe das Studium als absolutes Geschenk begriffen.

Nach einer Ausbildung zur Maßschneiderin studierte ich an der HfK in Bremen zunächst Kostümbild. Im Verlauf meines Studiums, nach dem dritten Semester, wechselte ich jedoch meinen Schwerpunkt zur Fotografie. Als ich dann an die Taik, später umbenannt in Aalto-Universität, kam, herrschte dort ein ganz anderer Umgang mit und eine andere Herangehensweise an die Fotografie, als ich sie aus Bremen gewohnt war. In Helsinki habe ich zudem gelernt, mich auf einen offenen Prozess einzulassen, in dem die Dinge erst beim Machen entstehen. Entscheidend war für mich die Erkenntnis, dass es innerhalb eines künstlerischen Prozesses intuitive und analytische Phasen gibt, die sich zwar bedingen, aber eben zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden. Meine persönliche Erfahrung innerhalb meines Studiums in Deutschland war, dass wir Studierenden idealerweise im Vorfeld wissen mussten, was wir tun, und begründen können mussten, warum wir etwas tun und wie wir es tun. Insofern war die Arbeitsweise in Helsinki eine neue Erfahrung für mich, die mich bis heute trägt.

 

Wie entsteht bei dir eine Werkidee?

Ich würde nicht sagen, dass am Anfang einer Arbeit so etwas wie eine Idee steht. Ausgangspunkt ist meist eine Beobachtung, eine Irritation oder dergleichen, eben ein Zustand der Aufmerksamkeit, aus dem sich eine Fragestellung ergibt, die mich in Bewegung setzt. Die visuelle Arbeit entwickelt sich dann aus einem Staunen über die Dinge, die mir auf meinem Weg begegnen. Meine Arbeiten sind so etwas wie ein Versuch, mich in der Welt zurechtzufinden, sie mir ein wenig greifbarer zu machen. Es ist natürlich auch so, dass es ein never-ending process zu sein scheint, weil sich immer wieder neue Fragen ergeben und dieses Staunen irgendwie nicht aufhört.

 

Was hat dich dazu bewogen, Ästhetisch-Plastische Chirurgie als Ausgangspunkt für die Werkreihe Supernature zu wählen?

Die Dinge, mit denen ich mich beschäftige, finden zu mir. So hat sich Supernature aus meiner vorangegangenen Arbeit Ungleichgewicht entwickelt. In dieser Arbeit [Ungleichgewicht] geht es um das subjektive, leibliche Erleben innerhalb von Essstörungen. Ich habe sehr eng mit Betroffenen zusammengearbeitet und dadurch realisiert, dass es bei dem Heilungsprozess im Grunde darum geht, die Einstellung zum und das Denken über den eigenen Körper zu ändern. Man könnte sagen, es ist wie eine Heilung von innen heraus. Daraus ergab sich die Frage, was es damit auf sich hat, wenn ein Mensch den Wunsch entwickelt, dass von außen in den eigenen Körper eingegriffen werden soll, mit der Absicht, diesen strukturell zu verändern. Diese Frage hat mich schließlich in den Operationssaal geführt, wo ein Großteil der Arbeiten von Supernature entstanden sind.

Bei der Ästhetisch-Plastischen Chirurgie geht es auch um den Körper als Material und die Materialität des Körpers. Das hat dazu geführt, dass ich im Ausstellungskontext noch bewusster über die Materialität der physischen Arbeiten nachdenke. Ich begegne jeder Fotografie, jedem Bild, als Individuum und befrage es: „Wer bist du? Wie möchtest du erscheinen? Wie groß bist du? Bist du gerahmt oder nicht?“ und so weiter. Dadurch ist mir bewusst geworden, wie sehr Materialität bei der Kontemplation von Arbeiten mitwirkt und Teil der Rezeption ist. Dabei geht es nicht um die Materialität selbst, sondern darum, was sie in Verbindung mit dem jeweiligen Motiv macht.

 

Eine Fotografie aus der Werkreihe Vom Fremdsein in der Welt zeigt ein Stillleben mit angeordneten Objekten, gefasst von einem Rahmen in kräftigem Blau. Worum handelt es sich bei diesen Gegenständen?

Ich hatte Zugang zu einer Wohnun,g in der eine Person verstorben war, deren Ableben zunächst unbemerkt blieb, weil es keine Angehörigen oder Freunde gab. Die Gegenstände habe ich bei der Haushaltsauflösung intuitiv ausgewählt und sie ebenso intuitiv in meinem Atelier für die Fotografie arrangiert. Die Farbe des Rahmens basiert auf einer ästhetischen Entscheidung und leitet sich aus einem der abgebildeten Objekte ab, nämlich einem Kerzenständer aus sechs blauen Hufeisen. In der Ausstellung im Finnland-Institut gibt es auch eine Fotografie einer angetrockneten Zimmerpflanze. Diese Pflanze stammt auch aus dieser Haushaltsauflösung.

 

Mit Soft Code entfernst du dich von der Fotografie im klassischen Sinne. Was hat dich dazu bewegt, mit Textilien und Webtechniken zu arbeiten?

Auf einer Konferenz zu KI und Kunst wurde erwähnt, dass Webstühle als die ersten Computer bezeichnet werden. Das hat meine Aufmerksamkeit geweckt, was sicherlich mit meinen finnischen Wurzeln zu tun hat und damit, dass es in Finnland eine sehr ausgeprägte Web- und Textilkunsttradition gibt. Bei meinen Recherchen zu Webstühlen, Computern und zum binären Prinzip innerhalb des Webens wurde mir bewusst, dass digitale Fotografien natürlich auch auf einem binären System beruhen, nämlich auf Bildinformationen, die durch Nullen und Einsen repräsentiert werden. So kam für mich die Frage auf, was sichtbar wird, wenn ich den Binärcode – mit anderen Worten die DNA eines digitalen Bildes stoisch auf einen Webstuhl übertrage. Diese Frage hat mich zu Soft Code und zum Weben geführt. Die Webstudien fertige ich übrigens in Helsinki, im wunderbaren Välitila Studio an.

 

Was würdest du als bisherigen Höhepunkt in deiner Karriere bezeichnen?

Ich finde es erstaunlich, dass ich im Grunde genommen heute immer noch genau das mache, was ich schon während des Studiums getan habe: Aus meinem Staunen heraus arbeiten, Fragen an die Welt stellen und diesen nachgehen. Dass es mir möglich ist, so zu leben, empfinde ich als ein großes Geschenk – alles andere als selbstverständlich. Ich schicke immer wieder Grüße ins Universum, und hoffe, dass ich das auch weiterhin machen
darf.

 

Redaktionelle Bearbeitung: Linnéa Sverker und Vera Kurkinen

 

13.2.–19.11.2026 | Kaarina-Sirkku Kurz: Reaching, Grasping, Wondering

9.6.2026 | Artist Talk mit Kaarina-Sirkku Kurz

 

Linnéa Sverker absolviert zurzeit ein Volontariat am Finnland-Institut. Sie hat an der schwedischsprachigen Universität Åbo Akademi in Turku ihren Master in Politikwissenschaft gemacht. In Zukunft würde sie gern über ein politikwissenschaftliches Thema promovieren, das sich mit dem schwedischsprachigen Finnland beschäftigt.

Linnéa Sverker työskentelee parhaillaan harjoittelijana Suomen Saksan-instituutissa. Hän on suorittanut valtiotieteiden maisterin tutkinnon Åbo Akademissa Turussa. Tulevaisuudessa Linnéa haluaisi väitellä valtiotieteellisestä aiheesta, joka käsittelee ruotsinkielistä Suomea.

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