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© Finnland-Institut, Foto: Nick Ash

„Meine Denkrichtungen tendieren dazu, mit logischen Extremen umzugehen“

Lotte Laub hat Visiting Artist Helena Kauppila in ihrem Berliner Atelier besucht und sie zu ihrer Arbeit und den Verbindungen zur Mathematik und den Naturwissenschaften befragt. Die Ausstellung wird am 18.2.2021 im Finnland-Institut − vorerst in digitaler Form − eröffnet.

Lotte Laub: Du wurdest in Mathematik an der Columbia University promoviert und hast anschließend an der Art Students League of New York studiert. Wie bist du von der Mathematik zur Malerei gekommen? 

Helena Kauppila: Die Mathematik hat mich eigentlich erst dazu gebracht, über Kunst nachzudenken. Eines Tages hatte ich eine Idee: Ich würde lernen, wie man malt, ich würde die Gemälde neben die Mathematik stellen, und dann würde es den Leuten einleuchten, mich nach dem Prozess statt nach den Ergebnissen zu fragen. Letztendlich war es die Körperlichkeit der Malerei, die mich zur Kunst hingezogen hat.

Regenbogen-Erfahrung © Finnland-Institut, Foto: Nick Ash

LL: Inwieweit befruchtet die Mathematik deine künstlerischen Arbeiten?

HK: Wegen meines Hintergrunds bin ich als Künstlerin immer noch tief in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verwurzelt. Deshalb bezieht meine Kunst speziell Systeme ein, die von der Mathematik und den Naturwissenschaften, freigelegt werden. Ich möchte zeigen, dass Kreativität und Fakten keine Gegensätze sind, sondern vielmehr in einer vitalen Partnerschaft existieren.

LL: Du verleihst abstrakten Zusammenhängen ein menschliches Maß durch den Gestus des Malerischen. Dass du mit Öl auf Leinwand arbeitest, erinnert an die realistische Landschaftsmalerei, als würdest du dich zurück ins 19. Jahrhundert und hinaus in die Natur begeben. Diese Natur ist aber nun in den Weltraum hinein erweitert, und mithilfe des aktuellen wissenschaftlichen Instrumentariums kannst du dich virtuell auf einen fernen Planeten versetzen. Dabei geht es dir um den Perspektivwechsel?

HK: Die reale Welt ist praktisch unendlich dimensional, weil Gerüche, Geräusche und sogar frühere Erfahrungen sich auf das auswirken, was wir in der Gegenwart sehen. Um unsere Beziehung zu einem Thema zu verstehen, hilft es, zwischen verschiedenen Rahmenbedingungen zu wechseln. Zum Beispiel können wir den Nachthimmel betrachten und ein Universum voller Planeten und von dort die jeweilige Sicht auf die Sterne, oder die Zartheit der Blätter von Bäumen lässt sich am besten wiedergeben, wenn man die Informationen in einem Fraktal organisiert. All diese Perspektiven heben einen anderen Wirklichkeitsaspekt hervor.

Morgendämmerung im Park
© Finnland-Institut, Foto: Nick Ash

LL: Du folgst dem Forschungsinteresse der Naturwissenschaften, gleichzeitig treffen wir bei dir auf ein klassisches Maleratelier. Du arbeitest mit Öl auf Leinwand, außerdem zeichnest du und häkelst sogar. Wie würdest du die Entsprechung zwischen Sujet und gewählter Darstellungsmethode beschreiben? 

HK: Die meisten Ideen, die ich male, sind körperlich; die Inspiration wird als eine körperliche Empfindung dargestellt. Die Struktur der Ölfarbe, und vor allem die Schichten, sind für mich wirklich wichtig. Während des Arbeitsprozesses mache ich viele Erkundungen, um mein Verständnis von Farbschichtung und -anordnung zu entwickeln. Ich beobachte auch, wie Menschen in einem Raum auf meine Arbeit reagieren, und mache mir Notizen, wenn ein Werk zu wiederholtem Betrachten oder dem Wunsch einlädt, sich physisch mit ihm auseinanderzusetzen.

Jetzt verwende ich verschiedene Medien, um unterschiedliche Interaktionen auszulösen. Die gehäkelten Skulpturen sind meist aus Merinowolle gefertigt, denn Wolle ist selbstreinigend und weich. Ich möchte, dass diese Stücke angefasst werden!

LL: Während deiner Künstlerresidenz in Istanbul hast du dich mit Keramiken beschäftigt. Daraus ist die Arbeit LUCA (2020) entstanden. LUCA steht für Last Universal Common Ancestor, den letzten universalen gemeinsamen Vorfahren, von dem alle heute auf der Erde lebenden Organismen abstammen. Wir bewegen uns jetzt auf der Mikroebene der Genetik, der du mit einer Arbeit aus Kacheln eine Form gibst. Dabei hast du dich mit der alten Tradition der Iznik-Fliesen befasst.

Welche Verbindung siehst du zwischen genetischen Voraussetzungen, die alle Lebewesen gemeinsam haben, und der Umsetzung, die du gewählt hast? Inwieweit wird die abstrakte Idee hier sichtbar? Welche Rolle spielt die Farbgebung?

HK: Es war ein großes Privileg, Iznik besuchen und dort die Fliesen herstellen zu können. Ich war von dem Ort sehr inspiriert und auch von den modernen Designs, die in der Iznik Foundation hergestellt werden. Die Farben haben mich beeindruckt!

Der Zusammenhang mit der Genetik hat sich während des Aufenthaltes ergeben. Die Mathematik hinter aperiodischen Kachelungen legt einen Puzzleteil-Ansatz nahe. Das Verschieben der Reihenfolge, das Vertauschen von Stücken, das hat natürlich Analogien in der Genetik. Für LUCA habe ich ein bestimmtes Gen kodiert, jedes Quadrat, basierend auf seiner Farbe und der Ausrichtung des Dreiecks, steht für ein Codon in der genetischen Sequenz.

LUCA © Finnland-Institut, Foto: Nick Ash

LL: In deiner Soloausstellung In der Unendlichkeit im Finnland-Institut behandelst du die Themen: Natur, Körperlichkeit, Sinne. Du hast Gemälde geschaffen, wie den Baum des Lebens II, die inspiriert sind von deiner unmittelbaren Umgebung. Farbige Punkte sind in die Krone eingezeichnet, und sie bilden die Enden der Farbrinnsale und erwecken den Eindruck von Früchten an den Ästen. Oder sind es molekulare Strukturen? Oder Zellen? 

HK: Es sind Atome in Schreibersit-Molekülen, besonders die Phosphoratome sind wichtig, diese werden in der DNA benötigt. Schreibersit kommt in Meteoriten vor. Ohne diese Meteorite gäbe es vielleicht kein Leben auf der Erde.

Baum des Lebens II
© Finnland-Institut, Foto: Nick Ash

LL: Einerseits nimmst du Bezug auf deine gegenwärtige Umwelt, die du mit deinen Sinnen erfasst: der Baum vor deinem Fenster. Wenn du vom „Lebensbaum“ sprichst, ist aber mehr angesprochen als der konkrete Baum, den du alltäglich siehst. Beschäftigst du dich auch mit der kulturhistorischen Bedeutung des Lebensbaums oder geht es mehr um ein somatisch-phänomenologisches Verhältnis des Betrachters zum Gemälde?

HK: Ja und nein. Meine Denkrichtungen tendieren dazu, mit logischen Extremen umzugehen. Ich interessiere mich dafür, wie sich ein Individuum in das Ganze einfügt oder es beobachtet. Der Baum, mein Fenster, der Winter, der in den Frühling übergeht, sind mit persönlichen Sinneseindrücken gefüllt. Das ist also der individuelle Teil. In diesem Fall ist das Ganze das Leben auf der Erde. Ich neige dazu, meine Arbeit am meisten mit der Kultur der Wissenschaft zu verbinden.

Lotte Laub, Kuratorin und Autorin

Redaktionelle Bearbeitung: Katharina Bieling

Bei diesem Interview handelt es sich um die gekürzte Fassung des Beitrags Der Baum des Lebens. Lotte Laub im Gespräch mit Helena Kauppila im Ausstellungskatalog In der Unendlichkeit – HELENA KAUPPILA – Inside Infinity. Der Katalog ist hier für Sie zum Herunterladen (8 MB) frei erhältlich. Das Buch selbst können Sie zum Preis von 10 EUR zzgl. Porto direkt am Finnland-Institut bestellen: Tel. 030-40 363 18 90, info@finstitut.de.

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Helena Kauppila ist 2021 im Rahmen des Programms Visiting Art/ist Gastkünstlerin am Finnland-Institut. Weitere Informationen: Visiting Art/ist 2021: Helena Kauppila | In der Unendlichkeit – Inside Infinity

Kurzfilm von Obi Blanch

 

Lotte Laub promovierte an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule der Freien Universität Berlin. 2010 war sie Forschungsstipendiatin am Orient-Institut in Beirut und erhielt nach ihrer Promotion ein Honors Postdoc Fellowship an der Dahlem Research School, FU Berlin. Zuvor war sie für den Gropius Bau in Berlin tätig. Seit 2016 ist sie als Program Manager kuratorisch und redaktionell für den Berliner Standort der in Berlin und Istanbul ansässigen Galerie Zilberman zuständig.