© Finnland-Institut/Foto: Bernhard Ludewig

Volontariat im Ausnahmezustand

Janne Airaksinen hatte im Januar 2020 mit seinem Volontariat am Finnland-Institut begonnen und ahnte natürlich nicht, was dieses Frühjahr mit sich bringen würde. In einem Brief an sich selbst sinniert Janne über seine Erwartungen und bisherigen Erfahrungen − und darüber, dass auch die veränderte Weltlage ihm neue Möglichkeiten geboten hat.

 

Lieber Janne,

stell Dir mal Folgendes vor:

Die Haustür fällt hinter Dir ins Schloss und Du rennst zur nächsten Straßenbahn-Haltestelle. Als die Tram im Bogen zur Haltestelle fährt, bist Du noch auf der falschen Straßenseite, aber im Laufschritt schaffst Du gerade noch einzusteigen. Du schaust Dich um – wieder kein Sitzplatz. Du seufzt, steckst Dir die Kopfhörer in die Ohren und beginnst im Stehen, die aufwachende Stadt zu beobachten.

So fangen die meisten Deiner Volontariatstage hier in Berlin an. Oder besser: so würden sie eigentlich anfangen. Dazu gleich mehr.

Im Januar fühlt sich der Umzug aus dem finnischen Turku in die Hauptstadt Deutschlands als keine große Sache an, Du hast ja früher schon zwei Jahre lang hier gelebt. Als Germanistik-Student kommt Dir die Lebensumstellung noch leichter vor. Obwohl Dir Berlin mehr als vertraut ist: Was Du hier machen wirst, kannst Du Dir Ende 2019 nur schemenhaft vorstellen.

Du fragst Dich: Was wird der am Finnland-Institut für Studien- und Praktikumsberatung verantwortliche Volontär eigentlich tun? Anfragen von deutschen Studierenden beantworten, Universitätsbesuche und Messeteilnahmen planen, Veranstaltungen organisieren und beim Wissenschaftsprogramm mitarbeiten. So hat es Dir Deine Vorgängerin erzählt. Deine Hauptaufgabe wird also darin bestehen, deutsche Studierende, die in Finnland studieren oder ein Praktikum machen möchten, zu beraten, und darauf freust Du dich riesig: Die Internationalisierung junger Menschen zu fördern, liegt Dir ja sehr am Herzen.

Du stellst Dir vor, Dich erwartet ein Jahr voller interessanter Veranstaltungen, neuer Herausforderungen und beeindruckender Erfahrungen in einer Stadt, die quasi Dein zweites Zuhause ist. Dein Ziel ist es, berufliche Erfahrungen zu sammeln und Deine schon jetzt guten Deutschkenntnisse noch zu verbessern. Du freust Dich auf den Einblick in die Kunst- und Kulturszene, die Dir bis jetzt so gut wie unbekannt ist. Du willst das Beste aus diesem Jahr herausholen und Berlin von ganzem Herzen erleben.

Was sagst Du dazu, wenn ich Dir erzähle, dass sich das alles zwar verwirklichen wird − nur nicht so, wie Du es Dir gerade vorstellst?

Der Januar und der Februar werden wie im Fluge vergehen. In diesen zwei Monaten wirst Du eingearbeitet, Du beantwortest Anfragen von Studierenden, übersetzt Texte und planst kommende Veranstaltungen. Du bereitest Besprechungen vor und nimmst daran teil. Du empfängst eine Besuchergruppe und stellst ihr das Finnland-Institut vor. Du unternimmst Dienstreisen nach Köln und Düsseldorf. Zum Mittagsessenholen begleitet Dich fast immer einer der anderen Volontäre. Die Arbeit gefällt Dir, Berlin ist toll… und Du kannst Dir beim besten Willen nicht vorstellen, was der März noch mit sich bringen wird.

Alles wird bei Dir mit der Absage der Leipziger Buchmesse losgehen. Ehe Du Dich versiehst, arbeitest Du im Homeoffice, mit Deinem Mitbewohner als einzigem Sozialkontakt. Mit allen anderen Menschen – Deinem Freundeskreis, den Kolleginnen und Kollegen und Deiner Familie − bist Du nur noch elektronisch in Verbindung. Du wirst nicht wissen, wann Du wieder am Institut sein kannst und Dein Tagesablauf wieder normal sein wird. Du wirst nicht all die Universitäten besuchen, die Du hattest besuchen wollen. Du wirst Deine Aufgaben nicht so erfüllen, wie Du Dir gedacht hattest. Statt Deiner allmorgendlichen Fahrt mit der Tram gehst Du ein paar Schritte zur Kaffeemaschine in Deiner Küche, und jeder Tag fühlt sich wie Wochenende an.

Bevor Du genervt und enttäuscht beim Institut anrufst, um Dein Volontariat abzusagen, beruhige Dich lieber und denke kurz nach. Eine kitschige Redensart lautet: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Dein Volontariat wird nicht so laufen wie Du es Dir jetzt vorstellst, es wird nur… anders laufen. Nicht schlechter, nicht besser, nur anders. Ehe Du Dich versiehst, bist Du federführend für die Planung vieler Veranstaltungen im nächsten Herbst und am Schreiben einer Buchrezension. Deine Beratungstätigkeit leistest Du online, und Du planst ein Webinar für deutsche Studierende. Du lernst praktisch, wie man mit Ungewissheit klarkommt und wie Du Deine Arbeit kreativ ausüben kannst. Ich glaube, dass Du unter normalen Umständen nichts von alldem machen würdest.

Die Sache mit den Türen ist eigentlich doch nicht so kitschig, oder?

Vergiss nicht, was Dein Trainer damals zu Dir sagte: It is what it is, es ist wie es ist. Die Situation kannst Du nicht ändern, aber Deine Einstellung dazu schon. Lass Dich nicht entmutigen, sondern nimm die neuen Herausforderungen begeistert an. Verzweifle nicht, sondern halte den Kopf hoch. Langweile Dich nicht, sondern nutze die Zeit.

Eins ist auf jeden Fall klar: Alles wird anders laufen, als es hätte laufen sollen, aber Du wirst diese Erfahrung auf keinen Fall missen wollen. Ich drücke Dir die Daumen.

LG

Janne

 

P.S.: Vergiss nicht, Deine Masterarbeit fertig zu schreiben.

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Veranstaltungen, bei denen Janne die organisatorische Federführung hat:
4.6.2020 Das Einhorn – Die Geschichte eines ambivalenten Fabelwesens
8.10.2020 Name of the game: Spielregeln des Lobbying
3 wissenschaftliche Workshops im Rahmen der OpenCall-Ausschreibung

Dieser Blogbeitrag ist Teil der Reihe harkkaripäiväkirjat (dt. Praktikanten-Tagebuch), in der Volontär_innen der Kultur- und Wissenschaftsinstitute Finnlands weltweit von ihrer Tätigkeit im Ausnahmezustand berichten. Andere Beiträge in der Reihe finden Sie hier:

Athen: “Harkkaripäiväkirja” im Blog Akropoliin juurelta (auf Finnisch)
Beirut: Libanonissa armeija valvoo ulkonaliikkumiskieltoa (auf Finnisch, dt. „Im Libanon überwacht die Armee das Ausgangsverbot”)
Berlin: Zurück nach Finnland mit einem Koffer voller Berliner Luft
Brüssel: Trainee’s diary (auf Finnisch)
London: Posts auf Instagram
Madrid: “Harjoittelijan päiväkirjasta” im Blog Entre culturas (auf Finnisch, dt. „Aus dem Tagesbuch eines Praktikanten”)
Oslo: Stories auf Instagram (auf Finnisch und Schwedisch)
Rom: #Andràtuttobene eli etätöissä instituutilla (auf Finnisch)
Stockholm: Stories auf Instagram (auf Schwedisch)
Tartu: Etätyön opetukset (auf Finnisch)

Janne Airaksinen studiert Deutsch im Masterstudiengang an der Universität Turku. Er ist bis Ende 2020 als Volontär am Finnland-Institut tätig.

Janne Airaksinen on saksan kielen maisteriopiskelija Turun yliopistossa. Hän toimii Suomen Saksan-instituutissa harjoittelijana vuoden 2020 loppuun asti.