© Vesa Toppari

Sara und das Skoltsamische

Ganze zwei Journalist_innen gibt es weltweit, die ihre Nachrichtenmeldungen auf Skoltsamisch verfassen. Mit Sara Wesslin von der skoltsamischen Nachrichtenagentur des Finnischen Rundfunks YLE unterhielt sich Pauli Orava anlässlich des Europäischen Tages der Sprachen.

Die Samen sind die einzige Urbevölkerung, die auf dem Gebiet der Europäischen Union lebt. Insgesamt gibt es 60.000–100.000 Samen. Sie leben in Finnland, Schweden, Norwegen und Russland. Es gibt neun Varianten des Samischen, von denen Nordsamisch die am häufigsten gesprochene ist. Andere in Finnland vertretene gesprochene Varianten des Samischen sind Inarisamisch und Skoltsamisch. Beide sind vom Aussterben bedroht.

Sara Wesslin ist eine der zwei Journalist_innen auf der Welt, die ihre Nachrichtenmeldungen auf Skoltsamisch verfassen. 2019 war sie die einzige finnische Staatsbürgerin, die es auf die BBC: 100 Women-Liste der inspirierendsten und einflussreichsten Frauen geschafft hat. 2020 ist sie als Journalist_in für den Preis des Forums One Young World nominiert. In diesem Blog-Interview teilt Wesslin ihre Gedanken zur Bedeutung der Muttersprache aus dem Blickwinkel von Sprachminderheiten mit uns.

 

Mit deiner Karriere scheint es steil bergauf zu gehen. Was steht als nächstes an?

Oh, ich hätte nie gedacht, dass ich jemals zu diesen „100 Frauen des Jahres“ zählen würde. Vom Rest der Welt aus betrachtet arbeite ich ja für ein durchaus kleines Publikum. Die skoltsamische Nachrichtenagentur ist ein Teil des Finnischen Rundfunks YLE und trägt somit auch zu dessen aktueller Berichterstattung bei. Von hier aus gesehen ist dieser massive Arbeitseinsatz für mich persönlich und auch für unser Team eine wirklich große Sache. Natürlich bin sehr zufrieden, wenn samischsprachigen Medien internationale Aufmerksamkeit zu Teil wird.

Ich setze glücklich und noch motivierter als zuvor meine Arbeit bei YLE Saame fort. Ein wichtiges Thema ist die kürzlich abgehaltene Wahl der Vertrauensperson des skoltsamischen Rats. Aber es gibt noch viele andere Themen, die wir weiter behandeln wollen. Als Journalistin der samischen Sprache gibt es viele Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten. In meiner Arbeit komme ich fast wöchentlich mit den Grenzen meiner eigenen Wohlfühlzone in Berührung.

 

Lass uns etwas zurückschauen: Wie wurde Skoltsamisch zu einem Teil deines Lebens?

Meine ersten Erinnerungen an das Skoltsamische führen zu meiner Oma. Oma Olga sprach nämlich mit älteren Bekannten aus der Gemeinde Sevettijärvi Skoltsamisch und ich verstand die Sprache damals nicht. Skoltsamisch war auf irgendeine Weise in mir, aber ich fühlte mich schlecht, weil ich es nicht richtig gelernt hatte. Denn schon in meiner Kindheit war davon die Rede, dass das Skoltsamische am Aussterben sei und man dagegen nichts tun könne. Erst mit um die Zwanzig habe ich an der Fachhochschule richtig mit dem Lernen der Sprache angefangen.

 

Was fandest du einfach beim Lernen von Skoltsamisch? Und was war schwer?

Die skoltsamische Sprache hat mich einfach mitgenommen. Je mehr ich lernte, desto mehr wollte ich die Sprache anwenden und weiterlernen. Im Skoltsamischen gibt es viele Laute, die in vielen anderen Sprachen gar nicht existieren. Ich hatte Schwierigkeiten dabei, sie richtig auszusprechen. Zum Beispiel das skoltsamische Wort für Bär, kuõbǯǯ, wollte mir einfach nicht von der Zunge gehen. Die Grammatik war und ist ohnehin herausfordernd und alles andere als leicht zu lernen. Aber ich glaube, eins gilt für alle Sprachen: Man kann sie nicht lernen, ohne sie mündlich aktiv zu benutzen. Es kostete mich sehr viel Mut, überhaupt mit dem Sprechen anzufangen, aber als ich mich dazu durchgerungen hatte, habe ich den Mund gar nicht mehr zugekriegt.

 

Kann man mit Hilfe von Skoltsamisch auch andere samische Sprachen verstehen?

Die samischen Sprachen haben viele Gemeinsamkeiten. Sowohl der Wortschatz als auch die Grammatik ähneln sich sehr. Man muss sich in jedoch erst reinhören. In Finnland werden drei samische Sprachen gesprochen und ich habe kein Problem, die anderen Sprachvarianten zu verstehen. Aber wenn ich nach Norwegen oder Schweden fahre, wo noch weitere samische Sprachvarianten gesprochen werden, muss ich mich schon sehr konzentrieren, um sie zu verstehen. Es ist wichtig, aufgeschlossen zu bleiben und sich zu trauen zu fragen, wenn man etwas nicht versteht. Die Freude und das Glück, das die samischsprachigen Menschen empfinden, wenn sie sich in ihrer eigenen Sprache verständigen können, sind unglaublich.

 

Wie hat das Lernen von Skoltsamisch dein Denken beeinflusst?

Vor allem entstanden in mir ein großes Verlangen und eine große Ausdauer dabei, die Sprache am Leben zu erhalten. Also alles dafür zu tun, dass die Sprache gesehen und gehört wird. Und dass Samisch in Finnland einfach normaler wird. Normalerweise erkennt die Mehrheitsbevölkerung nicht, was für ein Kampf es für die Sprachminderheiten ist, ihre Sprache am Leben zu erhalten. In der finnischen Gemeinschaftsschule umfasst das Skoltsamische immer noch nur zwei Unterrichtsstunden pro Woche. Dies verstößt schon gegen das Gesetz, das allen Skoltsamen eine Grundausbildung in ihrer Muttersprache zubilligt. Es gibt noch vieles, was wir voranbringen müssen, aber auf jeden Fall müssen wir selbst im Entscheidungsprozess beteiligt sein.

Skoltsamisch ist auch in Bezug auf viele Wörter eine reichhaltigere Sprache als Finnisch, meine Muttersprache. Die Natur und ihre Merkmale können viel reichhaltiger beschrieben werden. Skoltsamisch hat dadurch viel Reichtum und Farbe in mein Leben gebracht – und auch mehr Ausgeglichenheit; zumindest erlebe ich das so.

 

In jeder Sprache gibt es kulturspezifische Wörter, die man nur sehr schwer oder gar nicht in andere Sprachen übersetzen kann. Kannst du ein solches Beispiel aus dem Skoltsamischen nennen?

Da gibt es wahrscheinlich sehr viele, aber was mir als erstes in den Kopf kommt, sind Geheim- und Tarnnamen. Die Skoltsamen haben viele eng mit der Natur verbundene Glaubensvorstellungen, und Tiere werden stark respektiert. Dies spiegelt sich auch in der Sprache wider. Der Bär zum Beispiel ist bei den Skoltsamen ein sehr angesehenes Tier. Für ihn wird nicht notwendigerweise immer das Wort kuõbǯǯ benutzt, die Skoltsamen haben für „Bär“ viele Tarnbezeichnungen. In skoltsamischen Erzählungen kommt beispielsweise oft das Wort kaampâr vor, was ein Deckname für „Bär“ ist. Für den Bären gibt es viele Namen, die je nach Kontext eingesetzt werden.

 

Was ist für dich das lustigste Merkmal im Skoltsamischen? Es kann ein Wort, ein Satz oder auch etwas Grammatisches sein.

Wir jungen Menschen, die Skoltsamisch lernen, werden oft dafür kritisiert, dass unsere Sprache zu hart klingt. Sie hört sich sehr hart an und wir sprechen sie zu „scharf“ aus. Der beste Rat, den ich zur Aussprache des Skoltsamischen bekommen habe, ist, dass man sich beim Sprechen vorstellen solle, man habe Marshmallows im Mund. Das hat mir sehr geholfen und mich viel gelehrt. Skoltsamisch ist weich, fließend und wunderbar. Vor allem höre ich älteren Skoltsamen gern beim Reden zu, die immer noch über einen Wortschatz verfügen, den ein in den Neunzigerjahren Geborener nicht unbedingt mehr beherrscht. In der Sprache gibt es viele Nuancen und Schattierungen, und ich möchte täglich weiterlernen.

 

Du bist Journalistin für das samischsprachige Programm des Finnischen Rundfunks YLE, Ođđasat. Welche Themen behandelst du in deinen Meldungen auf Skoltsamisch?

Letztens habe ich für die Nachrichten über die Anfertigung von Audiodateien zum Mumintal-Programm auf Skoltsamisch berichtet. Es wurden händeringend Personen gesucht, die Skoltsamisch sprechen, damit die Mumin-Reihe auch auf Skoltsamisch aufgenommen werden konnte – ein geradezu historisches Ereignis! Diesen Sommer habe ich auch über traditionelle skoltsamische Handarbeit, die Vermittlung der skoltsamischen Sprache an Kinder sowie über das Fischen mit Schleppnetzen berichtet. Die Themen sind oft kulturbasiert. Ich rücke die samische Geschichte und Erfahrungen aus verschiedenen Themenbereichen ins Bewusstsein, aber vor allem behandle ich Fragen und Themen, die aktuelle Relevanz haben.

 

Man könnte denken, dass die samischsprachigen Nachrichten nur die nördlichen samischen Gebiete betreffen. Würdest du dem zustimmen?

Da hast du Recht. Diese Vorstellung trifft auch zum größten Teil zu. Aber zurzeit richten viele den Blick gen Norden. Meine Beobachtung ist, dass Dinge, die indigene Völker und die Arktis betreffen, für uns alle wichtig sind. Meine eigene Recherche tätige ich zwar von Inari aus, aber meine Arbeit erstreckt sich über die Landesgrenzen hinweg und ist sehr international. Wir verfolgen von oberhalb des Polarkreises auch, was mit den indigenen Völkern im tropischen Klima passiert. Wie sind die Aborigines mit den massiven Waldbränden in Australien zurechtgekommen? Wie gehen die indigenen Völker im Amazonas mit dem politischen Druck um, der auf ihnen lastet? Warum fürchten die indigen Völker Kanadas um die Gemeinschaft ihrer Frauen? Lokale Berichterstattung, auf die wir einen großen Fokus legen, ist sehr wichtig, aber wir verfolgen auch ständig, was weiter entfernt passiert.

 

Was bringt dich in deiner Arbeit zum Lächeln?

Die Menschen, die ich interviewe, und ihre Geschichten. Ich begeistere mich auch für vielschichtige und konstruktive Gespräche, beispielsweise in Konfliktsituationen. Als Journalist_in kommt man oft in konfrontative Situationen, bei denen beide Seiten sehr aufgeladen sein können. Falls ich dann in der Lage bin, Dialog und Kommunikation anzuregen, gewinnt meine journalistische Arbeit für mich an Wert.

Auch sonst ist die Atmosphäre dabei sich zu verändern: Organisationen, Gemeinschaften und Akteure wollen einvernehmlich agieren und keine neuen Konflikte untereinander schüren. Das Zuhören und das Diskutieren über schwierige Angelegenheiten sollte im geschützten Raum stattfinden. Es ist auch schön zu sehen, dass in der journalistischen Arbeit Fehler zugegeben werden und dass es wichtig ist zu lernen. Diese Dinge entwickeln sich tatsächlich immer weiter.

Vor allem freue ich mich natürlich über die Begegnungen mit verschiedenen Menschen und die abwechslungsreiche Arbeit überhaupt!

 

Welche Bedeutung kommt der Förderung der Muttersprache aus dem Blickwinkel einer Sprachminderheit zu?

Für eine Sprachminderheit bedeuten jegliche Unterstützung der Sprachumgebung, des Unterrichts, der Ausbildung und weiterer Aktivitäten nichts Geringeres als die Wiederbelebung der Sprache. In Finnland zum Beispiel war es lange Zeit eine Herausforderung, dass skoltsamische Kinder aus ihrem sprachlichen Zuhause nicht in eine skoltsamische Schulwelt übergehen konnten, da es nur sehr wenige Unterrichtsmöglichkeiten gab. Diesbezüglich sieht man aber Licht am Ende des Tunnels, denn erstmalig wurde mit den Planungen begonnen, in Ivalo eine skoltsamische Klasse zu gründen. Die Kinder würden dadurch die Möglichkeit bekommen, in der Schule ihre Sprache zu lernen, und zwar in einer eigenen Klasse und nicht nur online. Im nächsten Herbst wird außerdem erstmals in der Geschichte der Skoltsamen die Möglichkeit bestehen, Skoltsamisch als Hauptfach auf universitärer Ebene zu belegen. Die skoltsamische Sprache hat dann ein Kontinuum von der Vorschule bis zur Universität, was für die sprachliche Wiederbelebung einen bedeutenden Schritt darstellt.

 

Allzu oft wird die Bedeutung wichtiger Dinge erst dann verstanden, wenn sie verloren gegangen sind. Was könnte beispielsweise Finnland verlieren, würde man die Sprachminderheiten nicht berücksichtigen?

Das ist eine große Frage. Durch den Sprachverlust würden wir ein ganzes Volk verlieren. Die eigene Sprache ist wertvoll für jeden, und wir haben gesehen, was in der Vergangenheit mit Menschen geschehen ist, deren Sprache unterdrückt Was passiert mit den Generationen, die ihre eigene Sprache nicht pflegen durften? Durch das Verschwinden unserer Sprache würde auch unsere Menschenwürde verschwinden. Wenn man mal überlegt, was es bedeuten würde, wenn wir in Finnland keine eigene Sprache hätten, sondern Schwedisch oder Russisch sprechen würden? Was wäre, wenn die Geschichte unsere Sprache verdrängt hätte? Ich bin meine Sprache und meine Sprache ist meine Identität. Das kann man mir nicht wegnehmen.

 

Wie sieht die Unterstützung der samischen Sprachen konkret im samischen Alltag aus?

Dass der Erhalt und die Wiederbelebung der samischen Sprachen besser verstanden werden, ist ein großer Schritt auf kommunaler, aber auch auf nationaler Ebene. Die Einstellungen haben sich verändert und die samischen Sprachen werden anerkannt. Doch in Finnland geschehen im Zusammenhang mit den samischen Sprachen weiterhin auch große Menschenrechtsverletzungen, beispielsweise bei der Verfügbarkeit von Dienstleistungen. Die Samen und alle, die Samisch sprechen, sollten in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden, damit die Sprache Gehör erfährt.

 

Wie würdest du die Lage der samischen Sprache gern in zehn Jahren sehen?

Ich hoffe, dass keine der samischen Sprachen mehr ein verwunderliches Thema sein wird. In Finnland werden die samischen Sprachen gewöhnlich in eine exotische Kategorie gesteckt, während wir doch eigentlich ein Teil dieser Gesellschaft sein sollten. Schon jetzt ist es schön zu sehen, wie immer jüngere Leute eine samische Sprache erlernen wollen und Spaß daran haben. Die Dinge gehen voran und wir sind in der Lage, die Sprachen am Leben zu erhalten. Ich glaube daran, dass wir in Zukunft in einem Finnland leben werden, in dem es immer mehr Kinder und junge Leute gibt, die das Samische beherrschen.

 

Der Europäische Tag der Sprachen steht vor der Tür. Was sollten andere Europäer noch über die Samen wissen?

Die Samen sind ein eigenes Volk unter den Europäern. Wir leben in der arktischen Region, in vier verschiedenen Staaten. Wir haben neun Sprachen, von denen jede einzelne vom Aussterben bedroht ist. Das Leben als Same fühlt sich manchmal an, als ob wir einen einzigen Kampf um unsere Existenz und um den Erhalt unserer Sprache und unserer Kultur für die kommenden Generationen führen. In den letzten Jahren sind viele Fortschritte in Richtung der Sprachwiederbelebung passiert, wir suchen aber immer noch unseren Platz, um unseren Stimmen Gehör zu verschaffen. Ich möchte alle ermutigen, die samische Kultur und vor allem die Lage unserer Sprache kennenzulernen und zu verstehen, mit welcher Art von Bedrohungen wir im europäischen Norden leben.

 

Zum Schluss: Wie sagt man auf Samisch: „Einen schönen Europäischen Tag der Sprachen“?

Šiõǥǥ Eurooʹp ǩiõlipeeiʹv!

 

Übersetzung aus dem Finnischen: Katharina Weingärtner

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Das Finnland-Institut in Deutschland ist als Mitglied der Gemeinschaft der europäischen Kulturinstitute in Berlin / EUNIC Berlin auch im September 2020 an verschiedenen Aktivitäten anlässlich des Europäischen Tages der Sprachen beteiligt − von Mini-Sprachkursen für Schulklassen bis zu Improtheater.

Pauli Orava hat an der Universität Tampere seinen Abschluss als Übersetzer (Russisch, Deutsch) und Sprachlehrer (Russisch, Deutsch, Schwedisch) gemacht. Von August 2019 bis Juli 2020 war er als Volontär am Finnland-Institut tätig.

Pauli Orava opiskeli kääntäjäksi ja kieltenopettajaksi Tampereen yliopistossa. Hän toimi harjoittelijana Suomen Saksan-instituutissa elokuusta 2019 lähtien heinäkuuhun 2020 saakka.