Künstlerresidenzen: Bindungen, Kollisionen und neues Verständnis

Publiziert: 9.05.2016
Autor: Jenni Nurmenniemi
Kategorien: Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Musik, Sonstiges

Das Künstlerförderungsprogramm Helsinki International Artist Programme (HIAP) initiiert und unterstützt neue Herausgehensweisen an das Schaffen, Begreifen, Ergründen und Bewerten von Kunst. Jenni Nurmenniemi, Kuratorin bei HIAP, schreibt hier über ihre Erfahrungen mit Künstlerresidenzen.

Eins der zentralen Anliegen von Helsinki International Artist Programme (HIAP) besteht darin, die Mobilität von Künstler_innen und Kurator_innen weitestmöglich zu unterstützen. Interessante künstlerische Ideen  entstehen oft in noch nicht definierten Zwischenwelten, Randgebieten und Situationen des Umbruchs. Deswegen befindet sich der Schwerpunkt von Residenzprogrammen schon seit langem außerhalb urbaner Zentren und der Knotenpunkte der Kunstwelt.

Obwohl wir inzwischen in einer dicht vernetzten, globalisierten Welt leben, sind zwischen Kulturen immer noch grundlegende Unterschiede zu spüren. Das Zusammentreffen dieser Verschiedenheiten kann aber neue Blickwinkel schaffen und so ein fruchtbarer Boden für neues Denken, neue Arbeitsweisen und Kulturen sein. Seit seiner Gründung 1998 fördert HIAP deshalb vielgestaltigen Dialog zwischen den Referenzrahmen und künstlerischen Arbeitsweisen verschiedener Kulturen. Kerngedanke war dabei, im Rahmen der internationalen Residenzgemeinschaft die Arbeit von Künstler_innen und weiteren schöpferisch tätigen Akteuren sowie interdisziplinäre Projekte zu fördern und so einen Nährboden für die Bildung neuer Kenntnisse zu schaffen.

So strömten im Laufe der Jahre Künstler_innen aus der ganzen Welt, insbesondere aber aus Russland und verschiedenen Ecken Europas in die HIAP-Programme. Außerdem wurden Residenzen mit Teilnehmer_innen u.a. aus Nordamerika, Australien, Südkorea und Japan durchgeführt. In Zukunft wird der Schwerpunkt sich noch stärker auf andere Kontinente richten, da die künstlerische Mobilität dort noch stärker institutioneller Förderstrukturen bedarf. Residenzzentren können langfristige Forschungs-, Arbeits- und Produktionsphasen in Umgebungen ermöglichen, die für schöpferisch Tätige ansonsten kaum erreichbar sind.

Die Bedeutung von Weitblick, kulturellen Unterschieden und neuen Perspektiven stand auch beim Symposium Anthropocene Curriculum im April 2016 im Berliner Haus der Kulturen der Welt im Vordergrund, zu dem ich als Kuratorin des Projekts Frontiers in Retreat eingeladen wurde. Teilnehmer_innen aus den verschiedensten Ecken der Welt und den unterschiedlichsten Branchen kamen zusammen, um neue Denkansätze für komplexe Fragen zu entwickeln, die die Biosphäre als Ganzes betreffen, wie z.B. ökologische Veränderungen durch den Eingriff des Menschen. Als zentralen Eindruck aus den Diskussionen habe ich mitgenommen, dass Beobachtungen und Arbeitsweisen, die aus Regionen außerhalb der westlichen Länder stammen, Fragen und Antworten aufwerfen können, an die wir aus europäischer Perspektive nicht unbedingt denken können.

Die Erfahrungen mit den HIAP-Residenzen haben gezeigt, wie Künstler_innen sich sowohl zwischen Kulturen als auch Wissenschaftsfeldern orientieren können, indem sie Bedeutungen aus einem Referenzrahmen in einen anderen übersetzen und in diesen „Grenzgebieten“ arbeiten. Künstler_innen können die Vergangenheit untersuchen, indem sie verschwiegene Geschichten hervorheben oder überraschende Beobachtungen der Gegenwart anstellen. Wie Science Fiction-Autoren haben sie oft auch die Fähigkeit, diskrete Signale zu berücksichtigen und die Zukunft vorauszusehen. Im besten Falle entsteht durch ihre Arbeit etwas, das die Zeiten überdauert. All das können die Residenzen fördern – und sie können dort Raum, Zeit und Unterstützung bieten, wo sich Theorie, Diskurse und Praxis kreuzen.

– Jenni Nurmenniemi, Kuratorin, HIAP – Helsinki international Artist Programme

Übersetzung aus dem Finnischen: Sakarias Rantala, Heidi Santakari

Juha Huuskonen von HIAP tritt bei der Podiumsdiskussion Künstlerresidenzen: wie, wo, wofür und für wen? im Rahmen der Ausstellung Pilgrimage. Wege nach Wiepersdorf am 12.5.2016 im Finnland-Institut auf.

Jenni Nurmenniemi. Foto/valokuva: Hertta Kiiski
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