Schweiß und Poesie – Dichtkunst und Sauna bei der weltgrößten Buchmesse

Publiziert: 15.04.2015
Autor: Katariina Vuorinen
Kategorien: Literatur

Ein poetischer Roadtrip mit Sauna? Wie passen Lyrik und Sauna zusammen? Die finnische Lyrikerin Katariina Vuorinen über eine ganz besondere Reise finnischer Wortkünstler mit der rollenden FireFit Sauna.

In der finnischen Sauna wurden Kinder geboren, man hat sich dort gewaschen, es wurde dort auch gestorben, man hat sich dort versammelt und ist von einer Lebensphase zur anderen übergangen. In dem ersten finnischsprachigen Roman Die sieben Brüder badeten die Brüder mit solchem Elan, dass die Sauna sogar zu brennen begann, und in den Volksüberlieferungen wimmelt es nur so von Anspielungen auf diese uralte Methode der Reinigung.

Was kann die in der finnischen Lebensweise und im kulturellen Bewusstsein der Finnen tief verwurzelte Sauna zur Poesie und zum Spoken Word beitragen, wenn diese beispielsweise dem deutschen Publikum vorgestellt werden? Die in deutsch-finnischer Zusammenarbeit auf die Beine gestellte Tournee „Schweiss und Poesie“ hat dies u.a. auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2014 getestet, als Finnland als Ehrengast der Buchmesse im Rampenlicht stand.

Die finnischen Meister der Poesie und des Spoken Word starteten ihre Tournee in Berlin, und über Hamburg und Hannover kam die frohe Botschaft von Schweiß und Poesie schließlich in Frankfurt an. Gereist wurde mit dem Sauna-Mobil, einem ehemaligen Feuerwehrauto, in das eine holzbeheizte Sauna eingebaut war. Geparkt haben die Dichter ihr Mobil sowohl am Frankfurter Garten, am Römer als auch in unmittelbarer Nähe der Buchmesse. Die Teilnehmer der Tournee (Harri Hertell, Esa Hirvonen, Juha Kulmala, Kasper Salonen, Heli Slunga, Katariina Vuorinen und der deutsche Koordinator der Tournee Dirk Hülstrunk) traten sowohl auf der eigentlichen Messe, im Lesezelt und im Finnland-Pavillon, als auch im verregneten Garten und dem würdevollen alten Stadtzentrum auf. Während die Sauna heiß wurde, badeten die Ortsansässigen begeistert mit den Finnen, und die ganze Idee wurde als einfallsreich und ambitioniert, dabei auch als herrlich bodenständig beschrieben.

Literatur wird oft hauptsächlich, und manchmal sogar einzig und allein, für ein intellektuelles, künstlerisches und geistiges Erlebnis gehalten. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern wird man in der Geschichte der finnischen verbalen Kreativität Zeuge eines relativ späten Wandels von der mündlich vorgetragenen Dichtkunst zu der gedruckten, hauptsächlich in schriftlicher Form genossenen Literatur. Wenn Poesie und Wortkunst zum Publikum gebracht werden, wenn Interpret und Publikum zusammenkommen, ist dies zum Teil eine Rückkehr zu der uralten Tradition des Erzählens und Zuhörens. In dieser Hinsicht fühlt es sich sehr natürlich an, eine andere uralte Tradition, die Sauna, mit dem kraftvollen Teilen von Wörtern zu verbinden, und es fügt dem Erlebnis sowohl eine körperliche als auch eine heilige Dimension hinzu. Der Mensch ist eine Einheit aus Körper und Geist, deren Erlebnisse sich gegenseitig ergänzen. Man kann sich weiter in die kraftvollen Eindrücke der Poesie versinken lassen, während der Körper der Weichheit der Wärme nachgibt. Und nach dem Saunieren, wenn der Körper vor Zufriedenheit geradezu schnurrt, hat der Geist mehr Platz und ist bereiter für das Hören und Zuhören, für das Annehmen und Sich-Einfühlen.

Die Gelegenheit zusammen in die Sauna zu gehen bringt auch die Künstler ihrem Publikum besonders nahe. Bei den Auftritten und dem gemeinsamen Baden lernten wir viele verschiedene Leute kennen, und die Gespräche über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kulturen hätten bis zum Morgengrauen weitergehen können. Einer erklärte sich bereit, uns die Buchläden zu zeigen, einer hat uns eine Führung durch die Museen und ethnischen Restaurants angeboten, einer wollte uns von der Großartigkeit eines Karaoke-Schuppens überzeugen, und ein anderer lud uns zu einer privaten Party ein. Erlebnisse aus Finnland und Wünsche irgendwann dorthin zu reisen, wurden oft geäußert. Auch die Medien waren an der Tournee sehr interessiert, und sowohl Fernsehen, Radio als auch Zeitungen berichteten über die Eindrücke der Wortkunst und des Saunierens. Das Kernmaterial der Tournee, also die Texte der Künstler, waren auch in den Medien repräsentiert – beispielsweise habe ich ein Gedicht auf Deutsch im Radio vorgelesen und einen auf einem Gedicht basierenden Walzer für ein Fernsehmagazin vorgesungen, beide Male selbstverständlich auf der Saunabank sitzend.

Irgendetwas an dieser Kombination hat es den Menschen also angetan. Wir erhielten reichlich gutes Feedback zu unserer Ungezwungenheit, unserem Mut, unserem hohen künstlerischen Niveau und zu unserer feinen oder auch „vollblütigen“ Verrücktheit. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Deutschen sich der Literatur im Großen und Ganzen mit viel Ernst und Liebe widmen und sogar die Kraft aufbringen, unendlich langen Vorlesungen aufmerksam zu folgen. Möglicherweise war unsere unkonventionelle Annäherungsweise neben den bekannten Lesungs-Veranstaltungsformaten erfrischend anders und auch vom Kontakt her intensiv. Wir hatten das Gefühl, als teilten wir das Erlebnis des Sich-Einfühlens und der Reinigung, der Freude über eine natürliche Begegnung ganz vorurteilsfrei.

Wir durften die sprichwörtliche unerschütterliche Konzentration des Publikums beispielsweise bei einem dreistündigen Spektakel in den Räumlichkeiten der Evangelischen Stadtakademie genießen. Dort begleitete nämlich ein nicht gerade heimliches Objekt der finnischen Leidenschaft, der Tango, die Wortkunst auf die Bühne: das deutsche Orchester Bändi versetzte sich auf originelle Weise in den finnischen Tango hinein und trat abwechselnd mit uns auf. Auch wir von der Tournee ließen uns vom Tango verführen, und der fantastische Abend erreichte seinen Höhepunkt mit einem Gemeinschaftssingen des bekannten finnischen Tangos „Satumaa“ (dt. Märchenland). Ein zu diesem Zweck geeigneteres finnisches Lied kann es kaum geben – anscheinend fasst dieses Lied etwas ganz Entscheidendes zusammen, was die in den Herzen vieler Finnen weilende Sehnsucht angeht.

Die Sauna ist immer noch ein heiliger Ort, wo Fluchen, Randalieren oder anderes grobes Verhalten nicht hingehören. Auch auf unserer Tournee lief das Saunieren in einer angenehmen und fröhlichen Ordnung, wobei der deutsche Künstler und Organisator des Autos Dida Zende sich um das reichliche Heizen der Sauna kümmerte. Der Überlieferung nach gab es in den finnischen Saunen eigene Saunageister, aber ebenso ist jede/r Badende für die Ruhe, die gute Laune und das gegenseitige Verständnis in der Sauna verantwortlich: auf der Bank des Sauna-Mobils wahrte jeder auf seine eigene Art die einzigartige, internationale und gleichzeitig gemütliche Atmosphäre, wie ein Saunageist eben.  Wir mussten unsere Sauna nicht mit vom Donner gespaltenem Holz heizen, um die Mächte des Himmels zu erreichen und eine besonders pflegende Hitze zu erzeugen. Kraft, Wohlbefinden und Freude gab es auch so genügend bei Schweiß & Poesie, und zwar durch die Begegnungen, die Energie des Wortes und der Lebensfreude, die man durch Saunieren und Poesie kaum hätte besser kombinieren können.

Katariina Vuorinen

Foto: Mikaela Löfroth

Foto: Mikaela Löfroth

Die finnische Lyrikerin Katariina Vuorinen reist, schreibt und ist auf der Lesebühne zu erleben – und das weltweit. Anfang 2015 erschien ihr vierter Gedichtband „Uudenvuodenlaki“. In Veröffentlichungen ihrer Gedichte in Anthologien und Literaturzeitschriften verschiedener Länder liegen Übersetzungen ihrer Werke in insgesamt 12 Sprachen vor.

Übersetzung aus dem Finnischen: Meri Holmela

Schweiß und Poesie war Teil des offenen Satellitenprogramms COOL2014 im Rahmen von Ehrengast Finnland bei der Frankfurter Buchmesse 2014.

Auftritt im Frankfurter Garten
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