Elina Kritzokat. Foto: Antje Pehle

„Übersetzen ist für mich vor allem ein Akt von Empathie und Liebe”

Elina Kritzokat zählt zu den Spitzen-Übersetzer_innen und somit Vermittler_innen finnischer Literatur ins Deutsche. Im November 2019 wurde sie mit dem Staatlichen Auslands-Übersetzerpreis Finnlands ausgezeichnet. Wir freuen uns, dass wir ihre Rede zur Preisverleihung am 28. November 2019 in unserer Blog-Reihe #Zusammenspiel veröffentlichen dürfen. Im März 2020 ist Elina Kritzokat im Programm des Finnland-Instituts auf Lesereise mit der "Monsternanny-"Erfinderin Tuutikki Tolonen.

Diese Gedanken habe ich im Zug von Kemi nach Helsinki notiert, von wo ich weiter nach Berlin gereist bin. Dieser Transit von Finnland nach Deutschland ist einer, der mein Leben schon von Kindheit an bestimmt hat – wenn meine finnische Mutter und mein deutscher Vater am Ende eines Mökki-Sommers wieder mit uns drei Kindern nach Deutschland reisten –, und der sogar auch in meinen nächtlichen Träumen eine Rolle spielt: Ich fahre von hier nach dort, beides gehört zu mir, ist existenziell wichtig.

Ich habe diesen Transit zu meinem Beruf gemacht. Am meinem Schreibtisch verbinden sich die zwei geografischen und kulturellen Pole meines Lebens und bringen trotz aller Mühe, die diese Arbeit macht, eine große Sinnhaftigkeit und Ruhe in mein Leben. Ich glaube, es gibt unter Übersetzer_innen immer gemeinsame Gründe, warum man diese Arbeit liebt, etwa das Interesse, kreativ mit Sprache und ihren Ausdrucksmöglichkeiten umzugehen, aber immer auch individuelle Gründe. Bei mir beruhigt das Übersetzen eine Spannung zwischen zwei Seiten oder Polen, holt etwas von dort nach hier und baut damit eine Brücke nicht nur allein für mich selbst, sondern auch für andere, die deutschsprachigen Leser_innen, und stiftet damit Kommunikation und Verbindung – ein weiterer Punkt, der mir sehr wichtig ist. Denn anders als etwa die Kunstformen Musik, Malerei und Fotografie braucht die Literatur jeder Sprache ja eine Übersetzung, um auch für Menschen anderer Sprachen erlebbar zu werden.

Mit dem eben beschriebenen geografisch-kulturellen „Pol-Ausgleich“ und dem Kommunikationsstiften schafft Übersetzen für mich also sowohl persönlichen als auch überpersönlichen Sinn. Und ich freue mich immer sehr, wenn deutsche Leser und Kritiker finnische Bücher entdecken. Beim Transfer des Übersetzens denke ich übrigens stets auch die deutschen Leser mit; ich achte z.B. darauf, für deutsche Leser kulturell schwer verständliche Dinge sanft etwas „erklärter“ darzustellen, schreibe vielleicht einen unaufdringlichen Halbsatz dazu, damit der Transfer zwischen Finnland und Deutschland auch wirklich gelingt, überpersönlich ist und damit möglichst alles vom Inhalt „ankommt“.

Was bedeutet nun dieser Preis für mich? Er belohnt etwas, das ich nicht geplant habe, das sich für mich aber vom ersten Moment an stimmig angefühlt und als berufliches Glück erwiesen hat, mit einem starken, offiziellen Signal von außen. Übersetzer_innen arbeiten fleißig und engagiert für etwas, das angesichts ihres Ausbildungsgrades und der Komplexität ihrer beruflichen Tätigkeit gering bezahlt wird, obendrein werden sie dabei auch noch wenig wahrgenommen und erhalten selten Feedback für ihre Arbeit. Wer also diese Arbeit tut, muss schon wirklich leidenschaftlich sein und eine starke Liebe für Literatur und ihren sprachlichen Transfer von einem Land ins andere hegen. Mit diesem Preis macht das finnische Bildungs- und Kulturministerium also einen wunderbaren Moment lang sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt: unsere Arbeit. Ja, unsere, auch die meiner Kolleg_innen, denn auch andere kriegten und kriegen diesen Preis, und mitgemeint sind, so empfinde ich das, ALLE, die diese Arbeit mit Verantwortungsbewusstsein und Feingefühl tun – denn wir arbeiten ja alle zusammen an der gleichen Sache! Ohne unsere Arbeit und unser Engagement wären die Bücher von finnischen Autor_innen wie, nur zum Beispiel, Leena Krohn, Raija Siekkinen, Minna Rytisalo, Miika Nousiainen oder auch die Bücher über Tatu und Patu in anderen Sprachräumen unbekannt. Die Familie einer Freundin hat übrigens nach den auch in Deutschland beliebten Tatu-und-Patu-Büchern ihren kleinen Hund benannt, und so wird nun in Berlin-Prenzlauer Berg oft „Patu!, Patu!“ gerufen – einmal kamen zwei Finnen angelaufen und fragen, woher meine Freundin diesen Namen hätte. Ist doch wohl klar: aus den Büchern von Aino Havukainen und Sami Toivonen.

Übersetzen ist für mich nicht nur ein sprachlicher Akt, sondern vor allem ein Akt von Empathie und Liebe. Ich lese, höre und fühle die Stimmung, den Rhythmus, das Stilregister eines Textes, nehme seine ganz besondere Individualität bewusst wahr, gehe auf inhaltlicher Ebene tief mit ihm mit, durch die Abenteuer und Konflikte der Figuren hindurch, und erschaffe das Ganze dann auf Deutsch neu, damit auch andere es entdecken und sich darin vertiefen können. Damit sie etwas Ähnliches erleben können wie die finnische Autorin, wie ich. Denn Lesen bedeutet ja nachzufühlen, sich in eine bestimmte Welt hineinzuversetzen, sie in sich selbst lebendig werden zu lassen und damit in den Dialog mit dem Autor und auch mit mir zu treten. Ja, durch das Schaffen von Literatur vonseiten der Autor_innen, durch das Wiedererschaffen durch uns Übersetzer_innen, und schließlich durch das Aufnehmen seitens der Leser_innen sind wir alle in einem drei-seitigen kommunikativen Akt des Austausches miteinander verbunden.

Ich selbst brauche diesen Austausch mittels Kunst sehr, wir brauchen ihn wahrscheinlich alle, um andere und uns selbst zu verstehen, um Trost, Begeisterung, Staunen, Spannung, Erleichterung und vieles mehr zu fühlen und zu sehen: All das ist Menschsein. Ich finde es großartig und klug, dass Finnland die Übersetzer_innen seiner Literatur mit einem wichtigen Preis belohnt. Auch ohne ihn hätte mir die Arbeit, die viel Disziplin und Ausdauer verlangt, weiterhin Freude bereitet, aber so, mit diesem Moment der Anerkennung, ist es nochmal motivierender.

Ich freue mich immer, wenn Kolleg_innen, deren Übersetzungen ich schätze, einen Preis erhalten, der bestenfalls nicht nur mit einem warmen Handschlag, sondern auch konkret mit Geld einhergeht. Jetzt bin ich zum ersten Mal in meinem Leben selbst an der Reihe. Ich bin dankbar denjenigen gegenüber, die diesen Preis einst ins Leben riefen, und denjenigen, die ihn mir dieses Jahr verleihen. Als ich den Anruf mit der Information bekam, musste ich vor Freude laut lachen. Der Anruf kam in einer Zeit, in der ich besonders viel gearbeitet habe, und schien mir eine wunderbare Belohnung zu sein – die aber nicht nur für die Preisträgerin persönlich, sondern auch kulturpolitisch ein wichtiges Signal darstellt: dafür, wie elementar wichtig es ist, was wir Übersetzer_innen tun; nämlich den sprachlichen, inhaltlichen, ästhetischen, emotionalen und kulturellen Transfer von Literatur zu leisten und diese Literatur damit für Leser_innen anderer Sprachen überhaupt erst rezipierbar zu machen.

Ich bin dankbar: dem Bildungs- und Kulturministerium Finnland, FILI Finnish Literature Exchange, das meinen Weg als Übersetzerin mitverfolgt hat, den finnischen Autor_innen, die ihre Texte vertrauensvoll in meine Hände gelegt haben, den finnischen Verlagen und Agenturen, mit denen ich immer gut zusammenarbeite, den deutschen Verlagen, die finnische Literatur verlegen, meinen sprachgenauen deutschsprachigen Lektor_innen, meinen Kolleg_innen in Deutschland und in Finnland, die mich verstehen und inspirieren, den Veranstaltern, die von mir übersetzte Autor_innen und mich mit deutschsprachigem Publikum zusammengebracht haben – hier sind vor allem das Finnland-Institut und die Botschaft von Finnland zu nennen –, den engagierten Buchhändler_innen, die finnische Bücher empfehlen, und nicht zuletzt meiner Familie und meinen Freunden: dafür, dass sie meine Leidenschaft für Bücher, Sprache und Kommunikation sehen, teilen und mich begleiten.

Finnland und seine Kultur und Mentalität bereichern mein Leben, und ich bin froh, mit meinem Beruf etwas von Finnland nach Deutschland bringen und damit sprachüberschreitenden Austausch stiften zu können. Darüber, dass diese Arbeit nun mit einem Preis gewürdigt wird, freue ich mich sehr. Vielen, vielen Dank.

 

Tuutikki Tolonens und Elina Kritzokats Lesungen im März 2020 in Berlin sind bereits ausgebucht. Die Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse 12.3.2020 müssen infolge der Absage der Buchmesse leider entfallen!

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Die Blog-Reihe #Zusammenspiel des Finnland-Instituts 2020 behandelt zunächst die Wechselwirkung von Mensch und Natur, aber darüber hinaus auch die schöpferischen Möglichkeiten, die der Austausch über – manchmal sogar gegensätzliche – Ausgangspunkte bietet.

Elina Kritzokat , geboren 1971, begann 2001, als literarische Übersetzerin zu arbeiten. Bis heute hat sie über 50 Werke namhafter Autor_innen ins Deutsche übertragen, darunter Tuuve Aro, Leena Krohn, Miika Nousiainen und Minna Rytisalo.

Elina Kritzokat (s. 1971) on aloittanut uransa ammattilaiskääntäjänä vuonna 2001 ja on tähän päivään mennessä julkaissut jo viitisenkymmentä käännöstä.