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Elina Brotherus, For Sylvia Plath, 2016 | © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Vielleicht ein Otter. Ein Fragebogen für Elina Brotherus

Den Kopf in einen Eimer stecken, auf dem Klavier dem eigenen Hund Chopin vorspielen oder zusammen mit Erwin Wurm zur Skulptur werden – die neuen Bilder der Künstlerin Elina Brotherus, geboren 1972 in Helsinki, sind überraschend anders. Mit Verve und viel Humor entstehen seit einigen Jahren Foto- und Videoarbeiten, in denen sie mit einer spielerischen Freude kunsthistorische Reverenzen zum Ausgangspunkt für neue Bildstrategien nimmt.

Die neue Einzelausstellung Elina Brotherus. Why not? in der Weserburg − Museum für moderne Kunst in Bremen lenkt den Fokus auf jüngere Arbeiten und Werkgruppen. Ausgestellt ist auch der durch Marcel Proust berühmt gewordene Fragebogen als kleines Foto mit mal gewitzten, mal hintersinnigen Antworten der Künstlerin. Davon inspiriert hat Ausstellungskurator Ingo Clauß ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen von Max Frisch als Ausgangspunkt für ein ungewöhnliches Interview genommen. Die Antworten von Elina Brotherus stammen vom 7. Oktober 2020, knapp 55 Jahre, nachdem der erste Fragebogen von Max Frisch veröffentlicht wurde.

 

Wie alt möchten Sie werden?

Ich möchte sehr alt werden, damit ich in einer Ausstellung ein Selbstporträt von mir als 25-Jährige neben eines als 85-Jährige hängen kann. So wie Roman Opałka, dessen Kunst ich wirklich liebe!

 

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Eine gute Galerie in NYC und der Goldene Löwe bei der Biennale von Venedig.

 

Wofür sind Sie dankbar?

Dass ich bis zum Alter von dreizehn Jahren eine glückliche Kindheit verbracht habe. Die Zeit danach war ziemlich unglücklich, aber die frühen, guten Jahre haben mich gerettet.

Dass ich in meiner Kunstschule hervorragende Lehrer_innen hatte.

Dass ich seit 1997 Kunst mache und immer noch dabei bin. Viele Künstler_innen, mit denen ich in den ersten Jahren gemeinsam ausgestellt habe, sind einfach verschwunden oder machen was anderes.

Dass mein Hund sich gut von seiner Wirbelsäulen-OP erholt hat.

 

Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit als ein gesundes Tier leben? Und als welches?

Natürlich würde ich gern als ein gesundes Tier weiterleben. Vielleicht als Otter.

 

Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?

Am besten ist es natürlich, keine Erwartungen zu haben, weil man sich dann ja reich beschenkt fühlt, so bald doch etwas Schönes passiert.

 

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Mutter zu werden.

 

Können Sie ohne Hoffnung denken?

Ja.

 

Was erhoffen Sie sich von Reisen?

Vor März 2020 hätte ich anders geantwortet, aber momentan hoffe ich einfach, wieder meinen Job machen zu können. Es gab eine lange, deprimierende Pause. Kürzlich habe ich meine erste Ausstellung seit dem Lockdown aufgebaut, und jetzt kommt die zweite. Ich komme mir vor wie nach einem Winterschlaf, obwohl der Winter noch nicht einmal begonnen hat.

 

Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?

Nein. Ich verbringe ja genug Zeit im Land meiner Herkunft, so dass ich normalerweise kein Heimweh bekomme.

 

Was bezeichnen Sie als Heimat:

  1. ein Dorf?
  2. eine Stadt oder einen Stadtteil darin?
  3. einen Sprachraum?
  4. einen Erdteil?
  5. eine Wohnung?

Den Sprachraum. Aber wenn ich andere Sprachen lerne, nehme ich deren Räume auch als Heimat an. Frankreich und insbesondere die Bourgogne sind meine zweite Heimat, meine Wahlheimat.

 

Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders:

  1. die Landschaft?
  2. dass Ihnen die Leute ähnlich sind in ihren Gewohnheiten, d.h., dass Sie sich den Leuten angepasst haben und daher mit Einverständnis rechnen können?
  3. das Brauchtum?
  4. dass Sie dort ohne Fremdsprache auskommen?
  5. Erinnerungen an die Kindheit?

Die Finnen lügen normalerweise nicht. Das macht die Kommunikation einfach.

Es stört mich nicht, mehrere Sprachen zu verwenden. Das ist eigentlich zu einem integralen Teil meiner selbst geworden.

Wenn ich allzu viel um die Ohren hatte, denke ich immer an Sibelius: Er hat mal geschrieben, dass er Ruhe und Frieden vermisse – wenn er aber beides habe, bemerke er, dass Ruhe und Frieden gar nicht gut zu ihm passen.

Ich mag bestimmte Düfte: trockenen Kiefernwald an einem warmen Sommertag, Birkenlaub im Regen, Kaffeeduft, wenn ich auf dem Weg zu meinem Photoshop-Techniker an der Rösterei vorbeiradle. Ich mag bestimmte Vögel: den Schrei des Prachttauchers, die Möwen, wenn sie im Frühjahr in Helsinki ankommen, Bachstelzen, die lustigen Gesichter der Dohlen. Und ich bin eine rettungslos fanatische Blaubeersammlerin.

 

Wie viel Heimat brauchen Sie?

Genug, um Abstand von anderen zu haben. Ab und zu bin ich der totale Einsiedlerkrebs.

 

Gibt es Landstriche, Städte, Bräuche usw., die Sie auf den heimlichen Gedanken bringen, Sie hätten sich für eine andere Heimat besser entschieden?

Ja, und zwar jedes Mal, wenn ich einen Winter in Finnland verbringe. Überall, wo mehr Tageslicht ist, wäre von November bis März eine bessere Wahl.

 

Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?
Hierzu ja zu sagen, würde alle beleidigen, die gezwungen gewesen sind, ihre Heimat zu verlassen.

 

Wie unterscheiden sich Witz und Humor?

Ein Witz im Sinne von Scherz ist etwas Augenblickliches, Humor ist eine Einstellung.

 

Haben Sie Humor, wenn sie allein sind?

Aber klar!

 

Was ertragen Sie nur mit Humor?

Kleinere Enttäuschungen.

 

Wissen Sie, was Sie brauchen?

Ich zitiere mal Deborah Hay aus dem Gedächtnis:

„What if
where I am and what I do
is what I need?”

Sammeln Sie auch Kunst?

Maßvoll. Ich habe Gemälde von meiner Mutter, einige Werke, die ich mit Kollegen und Kolleginnen ausgetauscht habe, und ein paar, die ich von meinen Student_innen in deren Ausstellungen gekauft habe.

 

Halten Sie sich für einen guten Freund?

Ich bin keine gute Briefeschreiberin, weil ich das eigentlich ordentlich machen möchte, aber sehr langsam bin und es eigentlich nie der richtige Moment dafür ist. Dann fühle ich mich schuldig und befürchte, dass die Leute sich vernachlässigt fühlen. Aber wenn ich mit jemandem zusammen bin, bin ich 100%ig da. Meinen ältesten Freunden gegenüber verspüre ich eine bedingungslose Liebe, die es leicht macht, da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben – auch wenn wir uns ein Jahr lang physisch nicht getroffen haben.

 

Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden? Warum?

Das Urteil von Feinden. Denn mit einem Freund oder einer Freundin kann man diskutieren, und es besteht immer die Möglichkeit zu erklären und zu lernen. Feinde wünschen einem ja per definitionem nur Schlechtes.

 

Halten Sie sich einen Hund als Freund?

Mein Hund ist für mich ein unschuldiges, verletzliches Wesen, das nicht einen halben Tag lang in der freien Natur überleben würde – also nein, nicht als Freund, sondern als jemand, für den ich eine beängstigende Verantwortung und überschäumende Liebe empfinde. Mit meinem Hund bin ich völlig gaga!

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Ingo Clauß wählte die Fragen aus folgendem Buch: Max Frisch, Fragebogen. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2019. Die Fragebögen stammen aus dem Tagebuch 1966−1971.

Elina Brotherus. Why not?   ist die erste Einzelausstellung der Fotokünstlerin in einem deutschen Museum und umfasst rund 40 Foto- und zwei Videoarbeiten. Die Schau ist vom 25. Oktober 2020 bis zum 21. Februar 2021 in der Weserburg – Museum für moderne Kunst in Bremen zu sehen. Zur Eröffnung erscheint im Hirmer Verlag ein bildreicher Katalog mit weiterführenden Essays.

 

 

Elina Brotherus
Oben / ylhällä / above:
Elina Brotherus, For Sylvia Plath, 2016 | © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Links / vasemmalla / left:
© Elina Brotherus, Disguise yourself as another object (Big Bird), 2016